Von Mao lernen heisst spalten können

Neuestes Beispiel: die „junge Welt“

Der Maoismus spielt auch in der radikalen bundesdeutschen Linken keine Rolle mehr. Eine der wichtigsten Losungen des Großen Vorsitzenden, „Eins teilt sich in zwei“, wird aber immer noch gern beherzigt. Das ehemalige FDJ-Blatt „junge Welt“, dessen Redakteurinnen und Redakteure seit 1994 versucht haben, Ost-West übergreifend die tägliche, linke, radikale Tageszeitung herzustellen, von der man in der BRD immer mal wieder geträumt hat, ist nun zwei:…

Geschäftsführer Koschmieder und eine kleine Crew produzieren eine Ost-Tageszeitung, bei der nicht nur der Schriftzug des Titels „junge Welt“ an längst vergangene Zeiten erinnert; Chefredakteur Klaus Behnken steht nun der „jungle world“ vor, die nicht so urtümlich ist, wie ihr Titel klingt, die aber dafür unter äußerst ärmlichen Bedingungen zur Wochenzeitung entwickelt werden soll.

Daß die Spaltung, wie es den Vorstellungen von Mao entsprochen hätte, zur Klärung von Widersprüchen beigetragen hat, läßt sich allerdings kaum sagen: Zwar kritisiert die „jungle world“, die „junge Welt“ schwenke auf orthodox-kommunistischen Kurs und Beschwörung von Ost-Identität um, die „junge Welt“ wähnt die „jungle world“ dafür fest in der Hand von „Struppis“ und „Chaoten“. Die knapp drei Wochen lautstarker und handfester, vorzugsweise öffentlich ausgetragener Auseinandersetzungen zwischen den Fraktionen, die mit der Absetzung von Klaus Behnken als Chefredakteur durch den Geschäftsführer Dietmar Koschmieder eröffnet wurden, haben vor allem aber ein schwer durchschaubares Gestrüpp von bürgerlich-rechtlichen Fragen und Streitigkeiten produziert: Ein Projekt, das bislang für sich geworben hatte, „im Besitz der Belegschaft“ zu sein, erwies sich plötzlich als Eigentum der vom Geschäftsführer gehaltenen „Verlag 8. Mai GmbH“; die Genossenschaft, für die mit viel Selbstverwaltungsrhetorik Einlagen geworben worden waren, hatte noch niemand eingetragen. Und auch mit der inneren Verfaßtheit der nicht eingetragenen Genossenschaft scheint es nicht zum Besten zu stehen: Statt in der Krise eine außerordentliche Mitgliederversammlung einzuberufen (wie es die „taz“ in vergleichsweise harmloseren Fällen exerziert hat), wurde ein gewähltes Genossenschafts-Vorstandsmitglied kurzerhand für abgesetzt erklärt.

Etwas durchsichtiger ist das Ergebnis des rigoros geführten Streites, in dem Schlichter aus dem linken Spektrum, von PDS und IG Medien, so sie überhaupt anreisen durften, unverrichteter Dinge wieder gehen mußten: Die rebellischen Redakteurinnen und Redakteure, die – um das Weiterleben der „jungen Welt“ nach dem Konkurs der azurro medien GmbH 1995 zu ermöglichen – auf Festanstellungsverträge verzichtet hatten und nur noch als „feste freie Mitarbeiter“ auf Honorarbasis firmierten, verlieren ihren Arbeitsplatz und bekommen gerade mal 2000 DM Abfindung. Vier Mitarbeiter überlegen, Kündigungsschutzklagen einzureichen, und werden dafür voraussichtlich Rechtsschutz durch die IG Medien bekommen. Dietmar Koschmieder bleibt Geschäftsführer der „jungen Welt“, ist gleichzeitig zum presserechtlich Verantwortlichen avanciert, behält seine GmbH und damit die Zei-tung. Bei ihm bleiben vor allem Mitarbeiter aus den Bereichen Technik und Verwaltung. „Die Selbstausbeutung ihrer Mitarbeiter war das beste Kapital der ,jungen Welt‘“ resümiert Richard Rother, einst Wirtschaftsredakteur der „jungen Welt“, bitter: „Die ,junge Welt‘ hätte nach dem Neustart im Mai 1995 nicht funktionieren können, wenn die Geschäftsführung nicht ein knallhartes Kostensenkungsprogramm mit Zustimmung der Belegschaft hätte durchsetzen können.“ Dietmar Koschmieder dagegen beharrt darauf, seine Intervention sei notwendig gewesen, um das Überleben des Blattes zu sichern. Ob er dieses Ziel so erreicht, ob es anders nicht zu erreichen gewesen wäre – das erscheint derzeit recht unsicher. Der Streit um die „junge Welt“ hat vor Augen geführt, daß in alternativen Projekten Maßnahmen ergriffen werden, die andernorts als schwerer Eingriff in die „innere Pressefreiheit“ kaum vorstellbar wären. Damit hat das Blatt, das außer der Opferbereitschaft von Mitarbeitern und Leserinnen und Lesern kaum nennenswerte Ressourcen hat, einiges an basisdemokratischem Flair eingebüßt. Der Verlust einer nahezu kompletten Tageszeitungsredaktion ist aber auch aus professionellen Gründen nicht so leicht zu verschmerzen. Folglich hat die „junge Welt“ ein Gut zuhauf, das sonst eher knapp ist in der Republik: Arbeitsplätze. Und so rar bezahlte Anzeigen sind, Stellenanzeigen häufen sich zur Zeit im Blatt: „Antikapitalistisches, marxistisches, antifaschistisches, radikal linkes Projekt sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt passende/n, erfahrene/n Wirtschaftsredakteurin/Wirtschaftsredakteur, der/die sich bei der Betrachtung und Analyse von ökonomischen Prozessen dogmatisch an der Klassenlinie entlanghangelt – mit leichter Hand, versteht sich.“ Klingt doch attraktiv …

 

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