Berliner Printmarkt: Loblied oder Abgesang

Noch metern Berliner Blätter in den Kioskauslagen und konkurrieren auf dem nationalen Zeitungsmarkt.
Foto: dpa/ Jörg Carstensen

Keine deutsche Stadt verfügt über eine so große Zeitungsvielfalt wie Berlin. Doch diese Fülle täuscht. Die Auflagen befinden sich überwiegend in freiem Fall, die Werbeumsätze brechen weg, und ein valides digitales Geschäftsmodell ist nicht in Sicht. Im Rahmen des „Berliner Rathaus-Dialogs“ diskutierten vier Zeitungsmacher am 13. Juni über „Die Zukunft des Berliner Zeitungsmarktes“.

In den zwanziger Jahren, schwelgte der Regierende Bürgermeister Michael Müller in Nostalgie, seien im Berliner Zeitungsviertel an der Kochstraße an die 150 Printprodukte hergestellt worden und teilweise mehrfach täglich erschienen. Diese goldenen Zeiten seien zwar vorbei. Aber auch heute passiere auf dem Printsektor einiges. „Die taz baut, Springer baut, der Berliner Verlag bezieht neue Räumlichkeiten“, resümierte Müller. Abgesänge auf die Gattung Zeitung erschienen daher verfrüht. Allerdings gerate der Markt, sogar „der gesamte Medienstandort“ verstärkt unter Druck. Titel und Auflagen schmelzen. Bild und BZ , auch Berliner Zeitung und Kurier hätten „gemeinsame redaktionelle Strukturen“ angenommen. „Die Titel bleiben erhalten, aber die Inhalte sind eben doch immer seltener exklusiv“, konstatierte Müller in seinem Grußwort. Der Regierende hatte in Kooperation mit der Medienanstalt Berlin-Brandenburg ins Rote Rathaus geladen.

„Wir fühlen uns wohl…“

Gibt es in zehn Jahren noch die gedruckte Zeitung? Oh ja, bekräftigte Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Tagesspiegel. Allerdings werde um das Kernprodukt herum manches andere entwickelt: die digitale Ausgabe, neue Geschäftsmodelle, aber auch journalistische Ideen, etwa in Form von Newslettern und Debattenforen. Für bestimmte Nutzergruppen würden Inhalte „etwas fokussierter“ angeboten werden müssen, schließlich koste Special Interest eine Menge Geld.

Für Jorin Verges, seit Februar stellvertretender Chefredakteur der BZ, gipfelt die Herausforderung der nächsten Jahre in der Frage: „Welcher Nutzer möchte was haben auf welchem Kanal?“ Will er Videos, Newsletter, wünsche er noch die gedruckte Zeitung – wer die richtigen Antworten auf diese Bedürfnislage gebe, werde auch künftig erfolgreich sein.

Jochen Arntz, Chefredakteur der Berliner Zeitung berichtete vom Umzug in das neue Verlagsgebäude am Spittelmarkt: „Wir fühlen uns wohl dort“. Es sehe gut aus für das Blatt, die Redaktion mache „gute Geschichten“. Man habe im ersten Quartal „die Auflage deutlich stabilisiert“. Arntz zeigte sich – auf spezielle Nachfrage von Moderatorin und Ex-RBB-Intendantin Dagmar Reim – zuversichtlich, dass es die Berliner Zeitung auch noch in zehn Jahren geben werde. (Eine Zuversicht, die von vielen der anwesenden Experten eher als Pfeifen im Wald gewertet wurde. Auch im I. Quartal schrumpfte die Berliner Zeitung gegenüber dem Vorjahr um weitere sechs Prozent auf nunmehr noch gut 76.000 Exemplare.) Auf den von Reim kurz angesprochenen „dramatischen Stellenabbau in fast allen Objekten“, der bei der Berliner Zeitung faktisch auf eine Halbierung der Belegschaft hinausläuft, wurde in der Debatte nicht weiter eingegangen.

Durchhaltevermögen samt Mut zum Experiment

Für Carsten Erdmann, Chefredakteur der Berliner Morgenpost, hängt die Perspektive der einzelnen Blätter von diversen Faktoren ab: vom Durchhaltevermögen, von der finanziellen Fähigkeit, „auch mal eine schwierige Phase zu überstehen“, vom Mut zu Experimenten. Maroldt griff dies auf. Er verortete sich und sein Blatt „nicht in einer Konsolidierungsphase, sondern inmitten einer Revolution, an der ich mit großer Leidenschaft und Spaß teilnehme“. Es habe noch nie so viele Möglichkeiten gegeben, „vernetzt zu arbeiten, zu denken, Dinge auszuprobieren, auch mal scheitern zu können“. Maroldt hat gut reden. Der Tagesspiegel ist das einzige Berliner Blatt, das zuletzt – wenn auch in bescheidenem Umfang – seine Auflage steigern konnte. Und das mit Holtzbrinck – wie er hervorhob, einen Verlag hinter sich hat, der bereit ist, in die Steigerung der publizistischen Leistung zu investieren.

Braucht es im Journalismus „eiermilchlegende Wollmilchsäue, die unter Wasser atmen können“ (Reim)? Die Zeit der journalistischen Alleskönner sei eher vorbei, konstatierte Mopo-Erdmann. Man brauche wieder Spezialisten: Einerseits Kollegen, „die am Online-Desk, in der digitalen Welt zuhause sind“, außerdem Blattmacher, Reporter und Rechercheure, die verstünden, „Print-Geschichten gut zu inszenieren“.

Markenverständnis im Fusionsstrudel

Die Fusion der Redaktionen von BZ und Bild? Eine „skurrile Heirat“ angesichts der jahrelangen klaren Wettbewerbssituation, bekannte BZ-Vize Verges, die sich aber bewährt habe. Umstrittener schon der Beschluss von DuMont, die Redaktionen von Berliner Zeitung und Berliner Kurier zusammenzulegen. Seriös und Boulevard in einem Boot – kann das gut gehen? Na klar, versicherte Arntz, man könne jetzt eine „Großstadtzeitung mit zwei Redaktionen“ machen, was sich für alle Beteiligten positiv auswirke: Es gebe „Geschichten in unterschiedlichen Tonlagen“, auch „sehr exklusive“ Geschichten für beide. Das unterschiedliche „Markenverständnis“ gehe nicht verloren.

Carsten Erdmann wiederum empfindet es nicht als Manko, den überregionalen Teil der Morgenpost vom Desk der Funke-Gruppe zu bekommen. Das von ihm selbst mitentwickelte Konstrukt sei für ein regionales Zeitungshaus sinnvoll. Ein Interview mit Kanzlerin Merkel erziele so eine Reichweite von mehr als einer Million Zeitungsexemplaren. Jeder Chefredakteur trage aber die Endverantwortung, sei frei in der Auswahl von Inhalten der Zentralredaktion. Erdmann kündigte an, die im Vergleich zu Tagesspiegel ein wenig ins Hintertreffen geratene lokale und sublokale Kompetenz der Morgenpost wieder zu stärken. „In vier bis sechs Wochen“ wolle man im Printprodukt wieder eigene Seiten für einzelne Bezirke und Stadtteile anbieten.

 

 

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