Buchtipp: Kampf gegen das Presse-Imperium

Springer und kein Ende: Pünktlich zum 50. Jahrestag der Erschießung von Benno Ohnesorg untersucht der koreanische Historiker Dae Sung Jung in einer ungeheuer material- und quellenreichen Arbeit, „was die Anti-Springer-Kampagne eigentlich war, welche Rolle sie für die 68er Bewegung in der Bundesrepublik spielte und welche Bedeutung sie während und nach 1968 einnahm“.

Am 2. Juni wird es ein halbes Jahrhundert her sein, dass der Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras bei einer Anti-Schah-Demonstration vor der Deutschen Oper den Studenten Benno Ohnesorg erschoss. Dieses Ereignis und das ein Jahr später ebenfalls in Berlin verübte Attentat auf den SDS-Führer Rudi Dutschke waren Auslöser einer medienkritischen Kampagne, die sich innerhalb kürzester Zeit radikalisierte, bis hin zu Blockaden gegen den Axel-Springer-Verlag. Denn die Außerparlamentarische Bewegung (APO) machte vorausgegangene Hetzkampagnen des mächtigen Medienkonzerns gegen die APO und die Studentenbewegung für die beiden Bluttaten verantwortlich. „Die Kugel Nummer 1 kam aus Springers Zeitungswald“, sang seinerzeit Wolf Biermann in „Drei Kugeln auf Rudi Dutschke“.

Die Motive Jungs für seine Auseinandersetzung mit dieser Kampagne sind nach eigenem Bekunden „spezifisch koreanisch“. Auch in Südkorea sei seit langem eine „Monopolisierung des Pressemarktes“ zu beobachten. Drei dominierende konservative Zeitungen seien mit großen Konzernen verknüpft, die mittels dieser Medienmacht Einfluss auf die öffentliche Meinung und die Politik ausüben könnten. Ein Einfluss, der neuerdings durch Beteiligungen an Fernsehkanälen noch wachse. Mit seiner Analyse der Anti-Springer-Kampagne beabsichtigt der Autor, an der gegenwärtigen Bewegung für eine Medienreform in Korea zu partizipieren, gar aufzuzeigen, „dass es historische Vorläufer der Pressekritik gab, mithin Erfahrungen, an denen man sich heute in Korea orientieren könne“.

Jung sieht Springer als Verteidiger des Status quo, die APO als Kämpferin gegen das Establishment. Er analysiert die unterschiedlichen Positionen der Beteiligten, vom SDS über den Republikanischen Club bis hin zu der Springer-kritischen Fraktion in der Verlagsbranche. Die Kampagne sei keine eindimensionale Erscheinung gewesen, sondern verknüpft mit den Aktionen gegen Notstandsgesetze und Vietnamkrieg. Der Autor zeichnet den Übergang von einer reinen Aufklärungskampagne zum auch gewaltbereiten Aktionismus nach, der zum Rückzug bürgerlicher Unterstützer führte. Er kommt zu dem Schluss, dass die Bemühungen des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit, die APO-Kampagne maßgeblich zu beeinflussen, nicht erfolgreich waren. Ob der Konzernherr Axel Springer am Ende „als unmittelbare Reaktion auf die kritische Öffentlichkeit“ seine publizistische Expansionsstrategie einstellte, bleibt indes eine kühne These. Wahr ist allerdings: Bis heute gibt es Kritiker, die sich der Tradition der APO-Kampagne verpflichtet fühlen, von Bildblog bis hin zu den Campact-Protesten gegen unverlangt verteilte Gratis-Ausgaben von Bild.


Jung, Dae Sung: Der Kampf gegen das Presse-Imperium. Die Anti-Springer-Kampagne der 68er-Bewegung. Transcript Verlag, Bielefeld 2016, 376 Seiten, 34,99 Euro.

nach oben

weiterlesen

Vogelperspektive für mehr Nachhaltigkeit

„Mir fehlt die Hubschrauberperspektive im Journalismus“, so Dietrich Krauß, Redakteur der ZDF-Sendung „Die Anstalt“, jüngst beim Forum Weitblick in Berlin. In engagierten Diskussionen wurden innovative Ansätze für die Berichterstattung über Nachhaltigkeit ausgelotet – angefangen bei konstruktivem Journalismus, der Lösungen zum Problem bietet, bis zu grundsätzlicher Kritik an ökonomischen Rahmungen der Berichte, die das neoliberale System stützen.
mehr »

Steiniger Weg zur Gigabit-Gesellschaft

Es ist unbestritten: Die flächendeckende Versorgung mit Breitbandanschlüssen ist eines der wichtigsten Ziele, wenn Deutschland international wettbewerbsfähig bleiben möchte. Das war auch ein wichtiges Thema auf der „Anga Com“ in Köln, Fachmesse und Kongress für Breitband, Kabel und Satellit. Allerdings wurde einmal mehr klar: Die bisher gesteckten Ziele konnten noch nicht erreicht werden. Und der Weg hin zur Gigabit-Gesellschaft, die bis 2025 hierzulande Wirklichkeit werden soll, ist noch längst nicht geebnet.
mehr »

Gewerkschaften zeigen Madsack-Konzern an

Die Gewerkschaften dju in ver.di und DJV haben ein Ordnungswidrigkeitenverfahren gegen Verantwortliche des Madsack-Konzerns beantragt. Grund dafür ist die verspätete und unzureichende Information der Betriebsräte über die Pläne zur Umstrukturierung der Online-Aktivitäten innerhalb der Mediengruppe. Diese sollen künftig für alle regionalen Angebote sowie das neue Portal rnd.de zentral aus Hannover gesteuert werden. Damit verbunden ist ein Stellenabbau an den einzelnen Standorten.
mehr »

Neugierig auf dem Weg in den Journalismus

Bei schönem Wetter fuhr sie ans Meer, zu Geburtstagen reiste sie quer durch Deutschland, zum Studieren stieg sie in Tübingen aus der Bahn: Die Zugnomadin Leonie Müller tauschte 2015 für zwölf Monate ihre Wohnung gegen eine Bahncard 100. Ihr 40-Liter-Rucksack war immer dabei. Auch zur „Fuß Fassen im Journalismus“ – Sondertour von Jugendpresse Hessen und dju in ver.di in Bad Vilbel reiste Leonie Müller mit Rucksack an.
mehr »