IFA 2018: Digitalradio wächst weiter

Digitalradiotag auf der IFA 2018
Foto: Hermann Haubrich

Der Audiomarkt präsentiert sich auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) vielfältiger denn je. UKW, DAB+, Webradio und neuerdings auch Streaming-Anbieter – noch nie wetteiferten so viele unterschiedliche Angebote um die Aufmerksamkeit des Publikums. Welche Perspektiven hat diese neue Vielfalt? Wie steht es um den weiteren Ausbau von DAB+ und die Zukunft von UKW? Und wo ist die regulierende Hand der Medienpolitik erforderlich? Um diese Fragen kreisten die Debatten auf dem Digitalradiotag der IFA in Berlin.

Die aktuelle Entwicklung von DAB+ gibt für die Verfechter dieses Digitalstandards Anlass zur Hoffnung.  Der jüngste Digitalisierungsbericht weist gegenwärtig eine Haushaltsabdeckung von 17 Prozent mit DAB+-Empfängern aus. Mit IP-Radios sind immerhin 10,9 Prozent der Haushalte versorgt. Wenig im Vergleich zur mit 92,2 Prozent leicht gesunkenen Zahl der UKW-Haushalte. Aber vor allem DAB+  wächst stabil jedes Jahr um rund zwei Prozent.

„Die Entwicklung trotzt allen DAB+-Skeptikern“, sagte Cornelia Holsten, Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM). „Das Programm wird immer vielfältiger und das wissen die vielen Hörer von DAB+ zu schätzen.“ Offenbar wächst die Popularität dieses Standards mit der Attraktivität des verfügbaren Programmangebots. In Bayern und Sachsen, wo die regionale Programmvielfalt überdurchschnittlich hoch ist, haben jeweils rund 22 Prozent der Haushalte ein DAB-+Empfangsgerät.

Mehr als die Hälfte der Deutschen ab 14 Jahren hat mittlerweile Zugang zu digitalen Geräten mit DAB+, IP, Satellit- oder digitalem Kabelempfang oder nutzt Webradio. Vor dem Hintergrund dieser Zahlen sprach Heike Raab, Bevollmächtigte für Medien und Digitales in Rheinland-Pfalz, von einer „Audio-Renaissance“. Sie sprach sich dafür aus „dem Digitalradio weiter Schwung zu verleihen“. Ein wichtiger Faktor dabei sei die „Interoperabilität“, also das Schaffen von „Schnittstellen für alle Übertragungswege auf einem Endgerät“. Was beim Fernsehen längst gelungen sei, müsse doch auch beim Radio möglich sein. Es gehe aber auch um die „Absicherung eines unterbrechungsfreien Sendenetzbetriebes zu angemessenen Preisen“. Noch sei UKW der populärste Empfangsweg für zwei Drittel der Deutschen. Aber Raab zeigte sich überzeugt: „Die Zukunft des Radios ist digital.“ In Berlin würden in Kürze neue Sender rein digital über DAB+ an den Start gehen. Dies werde die „Pluralität in der Radiolandschaft weiter beflügeln“.

Raab bezog sich auch auf den Medienstaatsvertrag, der sich bis zum 30. September „in der Beteiligungsphase“ befinde. Darin gehe es um eine Neujustierung des Rundfunkbegriffs. Im Radiobereich sei Webradio zum Beispiel schon jetzt nur anzeigepflichtig, während bei Fernsehen noch ein aus den Zeiten knapper Frequenzen stammendes, relativ „strenges Zulassungsregime“ herrsche. Hier wolle die Politik eine Art „Bagatellrundfunk“ einführen. Zielgruppe seien vor allem Startups im Streaming-Bereich, die auch „Raum für ihre kreativen Angebote finden“ sollten. Weitere Baustellen seien die Themen Plattformregulierung, Suchmaschinen, Intermediäre. Es müsse klar sein, „nach welchen Kriterien die Angebote auffindbar sind“, bekräftigte Raab. Es gehe um Transparenz, Nutzerfreundlichkeit und Diskriminierungsfreiheit, und sie sei froh, dass dies alles im konstruktiven Dialog auch mit der EU-Ebene geschehe. „Diese Probleme können wir nicht auf nationaler Ebene, sondern nur im europäischen Kontext lösen.“

Im Panel „Quo vadis, DAB+?“ zeigten sich die Vertreter von öffentlich-rechtlichem und Privatfunk gleichermaßen optimistisch, was die Zukunft des lange umkämpften Digitalstandards angeht.  „Wir sind auf einem guten Weg“, sagte Martin Deitenbeck, Geschäftsführer der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM). Weitere Fortschritte hingen von der Entwicklung des Programmangebots ab. Wenn auf dem derzeit juristisch blockierten zweiten nationalen Multiplex  weitere 15 bis 20 neue Programme auf den Markt kämen, werde die Wachstumsdynamik noch einmal beschleunigt. Auch Ulrich Liebenow, Betriebsdirektor des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) erwartet einen anhaltenden Trend von DAB+ nach oben. Er wünscht sich Fortschritte bei der Entwicklung von Multinormgeräten und eine deutliche Erweiterung der Programmvielfalt – „das würde dann nochmal deutlich den Turbo zünden“. Rainer Poelmann, Sprecher der Geschäftsführung von Regiocast, lobte die jahrelange Kooperation der sächsischen Privatsender mit dem MDR. Mithilfe dieser Public Private Partnership sei es gelungen, „neue Hörerschichten zu erschließen“, wie sich an den Nutzerzahlen in Sachsen ablesen lasse.

In einem weiteren Panel sagte Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue: „Ich würde am liebsten auf UKW verzichten und aus Kostengründen durch DAB+ ersetzen.“ Dadurch würde sein Sender rund 10 Millionen Euro Netzkosten einsparen. „Das ist eine Menge Geld für einen Sender mit einem Gesamtetat von 240 Millionen.“ Aber der Einstieg in den Ausstieg läuft in Kürze an. Der UKW-Betrieb werde noch in diesem Jahr in Helgoland und in Mittenwalde eingestellt – Orte, in denen der UKW-Empfang aufgrund der geringen Zahl erreichbarer Menschen besonders teuer ist. Das Ganze werde von einer großen Kommunikationskampagne in Kooperation mit den betroffenen Gemeinden begleitet. Dies könne den Anstoß zu einer größeren Debatte geben. „DAB+ wird aber nicht funktionieren, wenn man es als Thema einer Missionierung sieht.“  Es werde nur gelingen, wenn der Umstieg für die Menschen komfortabel gemacht werde.

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