Junge Welt: täglicher Überlebenskampf

screenshot: jungewelt.de

„75 Jahre junge Welt. Zeitung gegen Bildungsnotstand“ – Mit diesem griffigen Slogan feiert in diesen Tagen das einstige Zentralorgan der Freien Deutschen Jugend (FDJ) in der DDR sein Bestehen. Aus diesem Anlass publizierte das Blatt am 9. Februar mit seiner regulären Ausgabe eine zwölfseitige Beilage mit Grundsatzartikeln zu Geschichte und Mission der linken Tageszeitung. Wie das „Neue Deutschland“, „Jungle World“, „Freitag“ und „taz“ zählt das Blatt zu jener Handvoll Publikationen, die sich hierzulande als linke Gegenöffentlichkeit begreifen. Ein Nischendasein, das meist täglichen Überlebenskampf bedeutet.

Noch 2016 sah es düster aus um die einstige Zeitung der FDJ. Es drückte ein Schuldenberg von fast einer Million Euro, das Eigenkapital tendierte gegen Null. Die Rettung gelang mit einem Kraftakt: Die angesammelten Schulden wurden durch einen Verzicht der Genossenschaft von Mitarbeiter*innen und Leser*innen beträchtlich reduziert, bisherige Genossenschaftskredite in Höhe von einer halben Million Euro in eine stille Einlage beim Verlag 8. Mai GmbH umgewandelt. Dieser Verlag gehört heute zu 95,4 Prozent der Genossenschaft junge Welt eG. Zum Stichtag 21.1.2021 zählte sie 2569 „Genossinnen und Genossen“.

Die einstige Millionenauflage ist indes längst auf unter 20.000 Exemplare zusammengeschrumpft. Heute begreift sich das Blatt als „unabhängige linke Zeitung, die marxistische Analyse mit engagierter, hintergründiger Berichterstattung aus aller Welt verbindet“. Thematisch konzentriert man sich auf Themen wie Antimilitarismus, Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und die Kritik neoliberaler Wirtschaftspolitik. Der werktägliche Umfang liegt bei 16 Seiten, das Normalabo kostet derzeit knapp 46 Euro, das Online-Abo knapp 22 Euro. Ein Abo liefert auch Zugang zum Archiv (bis 1997). Chefredakteur ist seit 2016 Stefan Huth.

Gelegentlich verstört die Zeitung mit provozierenden Aktionen. Zum runden Jubiläum vor fünf Jahren erschien das Blatt mit einem Spezial unter der Schlagzeile „Seit 70 Jahren: Die Zeitung von morgen“. Das Cover zierte eine Collage aus historischen Faksimiles einer bewegten Geschichte, inklusive Geleitwort des damaligen FDJ-Vorsitzenden Erich Honecker aus der ersten Ausgabe vom 12. Februar 1947. In der Vergangenheit sorgten immer mal wieder Berichte über die Beschäftigung von ehemaligen hauptamtlichen und inoffiziellen Mitarbeitern der Stasi in der Redaktion für Unruhe.

Dass man sich zur historischen Legitimität der DDR in durchaus ironischer Weise bekennt, demonstrierte die jW am 13. August 2011, als es zum 50. Jahrestag des Mauerbaus mit Schlagzeilen wie „Danke für 28 Jahre Club Cola und FKK“ aufwartete. Ein Humor, der selbst in Teilen der linken Szene nicht sonderlich gut ankam. Gregor Gysi, damals Fraktionschef Die Linke im Bundestag, distanzierte sich seinerzeit von der Zeitung.

Im letzten von Bundesinnenminister Horst Seehofer verantworteten „Verfassungsschutzbericht 2020“ wurde die „junge Welt“ als „kommunistisch ausgerichtete Tageszeitung“ und „auflagenstärkstes Medium im Linksextremismus“ klassifiziert. Sie sei „mehr als ein Informationsmedium“, denn sie biete immer wieder eine „öffentliche Plattform für Personen und Organisationen, die politisch motivierte Straftaten befürworten“.

Gegen die Einstufung als linksextremistisch setzten sich im vergangenen Jahr Redaktion, Verlag und Genossenschaft der jW in einem Offenen Brief an die Fraktionen des Deutschen Bundestags zur Wehr. Durch die Nennung im Verfassungsschutzbericht habe man „erhebliche Nachteile im Wettbewerb“ erfahren. Es handle sich dabei um einen „massiven Eingriff nicht nur in die Presse- und Meinungsfreiheit, sondern auch in die Gewerbefreiheit“, heißt es in dem Schreiben. In der Antwort auf eine entsprechende Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion Die Linke beharrte das Bundesinnenministerium auf seiner Bewertung, die jW verfolge angesichts ihrer marxistischen Grundhaltung verfassungsfeindliche Ziele. „Aber genau diese Haltung“, kontert jW-Geschäftsführer Dietmar Koschmieder in der Jubiläumsausgabe, „ist der Hauptgrund dafür, weshalb sich die Zeitung bis heute auf dem Pressemarkt behaupten konnte“.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Filmtipp: Sie glauben an Engel, Herr Drowak? 

Schwarzweißbilder, höchst originell gestaltet und herausragend gut gespielt mit Luna Wedler und Karl Markovics - "Sie glauben an Engel, Herr Drowak?" erzählt die Tragödie eines verpfuschten Lebens. Im Debütfilm von Nicolas Steiner offenbart ein nihilistischer Trinker im Rahmen eines Sozialprogramms dank der Beharrlichkeit einer Germanistik-Studentin ein enormes literarisches Talent. Doch dann wird der Mann von den Dämonen seiner Vergangenheit eingeholt.
mehr »

ÖRR als Public Open Space?

Der Reformstaatsvertrag eröffnet neue Wege für die Infrastruktur öffentlicher Kommunikation, befindet Jan Christopher Kalbhenn in einer Kurzstudie, die er für die Friedrich-Ebert-Stiftung verfasst hat. Denn die demokratische Öffentlichkeit, so Kalbhenn, steht angesichts der Machtkonzentration bei digitalen Plattformen vor einer grundlegenden ordnungspolitischen Herausforderung.
mehr »

Mehr Regionalität bei WDR und NDR

WDR und NDR gehen neue Wege bei der der regionalen Berichterstattung. Beim WDR sollen demnach zum 1. Januar 2027 die bisherigen Programmbereiche Aktuelles und Landesprogramme zu einem neuen Programmbereich mit dem Arbeitstitel "NRW" zusammengelegt werden - sofern die WDR-Gremien dem Vorhaben zustimmen. Der NDR startet ein neues Format für Jüngere bei YouTube.
mehr »

Für faire digitale Teilhabe

„Digitale und gesellschaftliche Teilhabe gehören zusammen!“ erklärt die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Gilda-Nancy Horvath auf der Jahrestagung des Netzwerks Medienethik in München. Teilnehmende aus Wissenschaft, Politik und Praxis diskutierten über die wachsende Bedeutung digitaler Medien und Künstlicher Intelligenz (KI) für die soziale Teilhabe in der demokratischen Gesellschaft.
mehr »