Nord-Süd-Zeitschrift iz3w besteht 50 Jahre

Das iz3w-Team(von links nach rechts): Clara Koller, Friedemann Köngeter, Christian Stock, Theresa Weck, Larissa Schober, Martina Backes, Wolfgang Albrecht, Winfried Rust, Rosaly Magg, Christian Neven-du Mont, Katrin Dietrich
Foto: Alexandra Heneka

Zunächst erschien sie als „ADW Rundbrief“, zwei Jahre später als Zeitschrift „blätter des iz3w“ – eine der ältesten unabhängigen Nord-Süd-Zeitschriften in der Bundesrepublik feiert in diesem Jahr  ihr 50jähriges Jubiläum. Ihren Namen erhielt sie vom „informationszentrum 3. Welt“, kurz: iz3w, das die „Aktion Dritte Welt“ (ADW) 1968 in Freiburg/Breisgau gegründet hatte. Heute ist der größte Wunsch der iz3w-Engagierten eine bessere Finanzierung, die ihnen mehr Luft gibt, ihre Utopie zu leben.

Damals in den 70ern versammelten sich Studierende, um „Lobbyarbeit für die Dritte Welt“ zu betreiben und Wissensdefizite über die Länder des Südens abzubauen. Zeitungsausschnitte aus „Le Monde diplomatique“, „Jeune Afrique“, „Far Eastern Economic Review“ oder „Financial Times“ wurden gesammelt, um dann „Artikel über Länder zu schreiben, die wir in den meisten Fällen noch nie gesehen hatten“, erinnert sich Archivar Christan Neven-du Mont, der seit 1978 im iz3w aktiv ist. Zu den Redaktionssitzungen seien immer zwischen 20 und 30 Leute gekommen, um die Beiträge zu diskutieren. „1980 erreichten die ‚blätter des iz3w‘ eine Auflage von 7.000, unser Buch ‚Entwicklungspolitik – Hilfe oder Ausbeutung?‘ durfte in keiner Wohngemeinschaft fehlen“, schwärmt Neven-du Mont. Mittlerweile ist die Auflage auf 2.700 gesunken. Auch die Zahl der Ehrenamtlichen ist zurückgegangen, denn – so Neven-du Mont: “Leute, die sich engagieren, brauchen eine minimale soziale Absicherung.“ In der Redaktion gibt es jetzt vier Profis in Teilzeit.

Als „langjährigster Redakteur aller Zeiten“ bezeichnet sich Christian Stock, der seit 1995 dort arbeitet. „Wer sich in Freiburg für die Dritte Welt interessierte, kam nicht am iz3w vorbei“, so Stock. Während des Studiums habe er im Archiv recherchiert und danach sei er in die „iz3w“-Redaktion eingestiegen. „Man muss sich das schon leisten können, hier zu arbeiten“, meint Stock, der einen Einheitslohn bezieht und seine Brötchen vor allem als Bildredakteur bei Caritas International verdient. Ohne einen Zweitjob komme keiner über die Runden. „500 neue Abos“ wünscht sich Stock, um dem Team mehr finanziellen Spielraum zu verschaffen.

Die mittlerweile 5.000 Autor_innen, die im Laufe der Jahrzehnte für iz3w fast nur Originalbeiträge schrieben, arbeiten immer noch ohne Honorar. „Es ist unglaublich“, so Stock und erklärt die Bereitschaft der meisten Angefragten: „Die Zeitschrift ist attraktiv, hat ein anständiges Lektorat und ein seriöses Umfeld.“ Und auch bei den zwei bis vier Praktika ohne Aufwandsentschädigung, die das iz3w jährlich anbietet, sei „die Nachfrage ungebrochen“. Junge Leute fänden es spannend, selbstverwaltet im Kollektiv zu arbeiten. Manchmal sei es „mühsam“, bis die langen Diskussionsprozesse zu Entscheidungen führten, aber dann gebe es „ein gutes Gefühl, wenn die Ergebnisse von zehn, zwölf Leuten mitgetragen werden“.

iz3w-Jubiläumsausgabe
Bild: iz3w

Die Twens Larissa Schober und Theresa Weck, seit 2017 im Redaktionsteam, schreiben in der „iz3w“-Jubliläumsausgabe: „Für uns als ‚Nachwuchsgeneration‘ hat es etwas Schönes und Beruhigendes, Teil eines Ladens zu sein, der schon so lange existiert. In Zeiten, in denen so viele linke Projekte kurzlebig sind, schöpft man die Hoffnung, dass Ideen durchaus mit der Zeit gehen können, ohne unterzugehen.“

Die Ideen von Solidarität und die politischen Ansätze des iz3w als Teil der sozialen Bewegungen haben sich im Laufe der Jahrzehnte erweitert. Der Lobbyansatz wich der Erkenntnis, dass der Kampf gegen die Ausbeutung der Dritten Welt auch antikapitalistisch sein müsse. Seitdem dominieren ideologiekritische Ansätze: „In den letzten 20 Jahren haben wir uns verstärkt mit postkolonialen Debatten und mit Rassismus, Islamismus, befasst, was leider auch mit der traurigen gesellschaftlichen Realität zu tun hat“, so Stock.

Obwohl es mittlerweile im Internet unzählige Informationen zu Nord-Süd-Themen gibt, sei die  „iz3w“ als einige der wenigen politisch und finanziell unabhängigen Zeitschriften immer noch „etwas Besonderes“, erklärt Stock. Sie habe ein starkes linksplurales Profil, sei inhaltlich anspruchsvoll, wenn sie wissenschaftliche Debatten reflektiert und erreicht durch eine gute Lesbarkeit sowohl die allgemeine Öffentlichkeit als auch die Aktivist_innenszene. Die Leserschaft sei sehr heterogen und reiche von politisch interessierten Privatpersonen über Bibliotheken, Medien, Institutionen bis hin zu Nichtregierungsorganisationen, von linksalternativen Zentren bis zur Katholischen Landjugend in Bayern. Die meisten Neu-Abos kämen aus dem jungen studentischen Publikum.

Seit 2009 hat das iz3w mit Friedemann Köngeter eine Vollzeitkraft, die sich um das kaufmännische Alltagsgeschäft kümmert –„alles, was nicht politisch ist“, sagt er, der die hierarchiefreie Organisation des Zentrums schätzt. Außer ihm gibt es zehn Teilzeitmitarbeitende – wobei keiner mit der „bezahlten Stundenzahl auskommt“. Archiv, Medien und Bildungsarbeit tragen sich finanziell gegenseitig und arbeiten inhaltlich eng zusammen. Aus Projekten zu Freien Radios oder zu Fluchtgründen wurden z. B. Themenschwerpunkte für die Zeitschrift entwickelt.

Das 50jährige Jubiläum feiern die iz3w-Aktiven auf vielfältige Weise: mit einem Heftschwerpunkt „68 international“, einer Chronik, mit einer Geburtstagsgala im April und im Juni mit einem Open Air Festival in Freiburg. Außerdem macht sich „iz3w on tour“ auf den Weg zur Leserschaft in anderen Städten, wo es dann Vorträge und Filme über Autoritarismus, Islamismus, Freihandel bis zu Postkolonialismus gibt. Erste Station ist am 22. März Berlin, wo in einer Diskussionsveranstaltung gefragt wird: „Seven years after – was bleibt vom Arabischen Frühling?“ Im Herbst ist eine Veranstaltungsreihe in Freiburg geplant.

nach oben

weiterlesen

Entscheidung über Rundfunkbeitrag

Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat der Verfassungsbeschwerde der öffentlich-rechtlichen Sender gegen die Blockade der Erhöhung des Rundfunkbeitrags durch Sachsen-Anhalt stattgegeben. Den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten stehe ein grundrechtlicher Finanzierungsanspruch zu. Die Erhöhung des Monatsbeitrags von 17,50 Euro auf 18,36 Euro tritt mit Wirkung vom 20. Juli 2021 an rückwirkend in Kraft. ver.di begrüßt die Entscheidung.
mehr »

Gegen Einschüchterung vor Gericht mit SLAPPs

Ein Bündnis aus Medienorganisationen und NGOs, darunter die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di, hat sich in einem Brief an die medien- und rechtspolitischen Sprecher*innen der demokratischen Parteien im Bundestag gewandt, um auf die wachsende Bedrohung durch sogenannte SLAPPs aufmerksam zu machen. Die „Strategic Lawsuits Against Public Participation“ (strategische Klagen gegen die Beteiligung der Öffentlichkeit) sollen Kritiker*innen einschüchtern und verdrängen.
mehr »

China in der westlichen Öffentlichkeit

„Gemeinsam gegen China!“ Das vermeldeten einige deutsche Pressekommentare zum neu belebten transatlantischen Verhältnis unter US-Präsident Joe Biden. In der Gewissheit, dass die USA „Alliierte im Ringen um die globale Vorherrschaft“ braucht, ermunterten auch deutsche Jornalist*innen die Politik dazu, sich der neuen Großmachtkonkurrenz zu stellen. Gemeinsam wollen die G-7-Staaten den wachsenden Einfluss Pekings in der Welt bremsen.
mehr »

Startups: Trendsetter im Journalismus

Durch Klimakrise und Coronapandemie steigt bei Mediennutzer*innen die Nachfrage nach einem Journalismus, den Non-Profit-Startups bieten: Konstruktive Informationen, dialogisch und einordnend aufbereitet, an den Interessen eines vielfältigen Publikums orientiert. Doch noch fehlt vielen Medienneugründungen eine nachhaltige Finanzierung. Einblicke in einen Journalismus, wie er sein könnte – wenn medienpolitische Rahmenbedingungen sich ändern.
mehr »