WAZ im Sparwasser 

Erstmals Entlassungen beim Medienkonzern angekündigt

Die WAZ-Gruppe verzeichnet „drastische wirtschaftliche Verluste“ bei ihren Zeitungstiteln in NRW, verkündeten die Geschäftsführer Bodo Hombach und Christian Nienhaus am 22. Oktober. Ein vom Sparzwang dominiertes „Synergie-Konzept“ soll es richten. 30 Millionen Euro weniger bei Sach- und Personalkosten würden den Weg zur „schwarzen Null“ ebenen. Erstmals in der Konzerngeschichte könnte es Entlassungen geben. Die Zahl 300 macht die Runde.

Kein Wunder, dass derlei Botschaften für Unruhe im Ruhrgebiet und vor allem unter den Beschäftigten der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ), der neuen Ruhr/ Rhein-Zeitung (NRZ), der Westfälischen Rundschau (WR) und der Westfalenpost (WP) sorgen. Bekannt ist durchaus, dass die Auflage der vier WAZ-Zeitungen in NRW in den letzten zwei Jahren um knapp 8 Prozent auf 900.000 gesunken ist. Anzeigenrückgänge in erheblichem Maße sind auch kein Geheimnis. Aber ebenso hat die Öffentlichkeit die Shoppingtour des WAZ-Konzerns in Ost- und Südosteuropa oder auch in Österreich verfolgt. Und weitere Zukäufe in Deutschland und im Ausland seien auch künftig „gewollt“, so Nienhaus in einem Interview der Süddeutschen Zeitung (SZ). Der Verkauf des Postdienstleisters Pin an Springer spülte im vergangenen Jahr erst einen dreistelligen Millionen-Euro-Betrag in die WAZ-Kasse.

Schließung von Redaktionen

Doch die Lage ist nunmehr, „dramatischer, als sie je war“, wird Hombach dieser Tage zitiert. Er stützt sich dabei auf die Untersuchungen der Hamburger Unternehmensberatung Schickler. Danach seien die Titel mit Ausnahme der WAZ defizitär. Sparen bei Sach- und Personalkosten sei angesagt: 30 Millionen Euro. Ohne „einen deutlichen Personalabbau“ sei dies nicht zu erreichen. Dennoch lagen den Betriebsräten vierzehn Tage nach der ersten Information weder die genauen Zahlen noch das „offenbar fertige Konzept der geplanten Neuerungen“ vor. Und ohne „detaillierte Daten“ können auch die zwei von den Betriebsräten gebildeten Arbeitsgruppen „Wirtschaftsdaten“ und „Sozialplanung“ auf keiner vernünftigen Grundlage arbeiten. Deshalb wurde der Verlag aufgefordert, die konkreten Fakten „unverzüglich“ auf den Tisch zu legen.
Die Betriebsräte sind derweil gewappnet. Als juristische und wirtschaftliche Sachverständige stehen ihnen Helmut Platow aus Berlin und Christian Stupka aus München sowie der Berliner Wirtschaftsprüfer Rudi Rupp zur Seite. Die Betriebsräte kritisierten zudem aufs Schärfste, dass bereits ab dem 23. Oktober mit weiteren Umfangreduzierungen der vier Titel agiert wurde, ohne zuvor die Arbeitnehmer zu informieren. Noch einen Tag zuvor hätten die Geschäftsführer Hombach und Nienhaus ausdrücklich ausgeschlossen vor dem 31. Januar 2009 einseitige Sparmaßnahmen anzuordnen, heißt es in einem Betriebsratsinfo. Ginge es nach der Geschäftsleitung, will sie sich bis zu diesem Zeitpunkt mit den Betriebsräten über das künftige WAZ-Gruppen-Konzept und deren Umsetzung geeinigt haben. Zuvor sollen bis zum 21. November die schicklerschen „Lösungsvorschläge“ vorliegen. Dabei soll es neben der Reduzierung von Zeitungsumfängen um weniger Aktualisierungen und die gemeinsame Produktion von Mantelseiten gehen. Gedacht sei dabei an „Formen der titelübergreifenden Zusammenarbeit der Redaktionen“ – im Mantel und im Lokalen – sowie an „Kooperationen“ bis hin zur „Schließung“ von Redaktionen. Dabei hatte Nienhaus schon im September auch „Synergieeffekte“ bei den klassischen Ressorts wie Politik, Wirtschaft und Kultur gesehen. Möglicherweise ist hier an einen gemeinsamen Newsdeks für alle Zeitungen gedacht. Auch eine „Optimierung der Zusammenarbeit von Print- und Online-Redaktionen“ scheint im Blick, wobei das WAZ-Portal derwesten.de schon heute die Zulieferungen aus den einzelnen Zeitungen bekommt.

Weniger Vielfalt

Der aus der Chefetage stammende Zeitplan gehöre durchaus zur Verhandlungsmasse, um mit der nötigen Sorgfalt nicht zuletzt auch bei den Sozialplanverhandlungen vorgehen zu können, war aus Betriebsratskreisen zu hören. Am 11. November (M ist bereits gedruckt) werden die Betriebsräte erstmals zu einer gemeinsamen Betriebsversammlung der vier WAZ-Titel in das Kino „Lichtburg“ in Essen einladen, um über die derzeitige WAZ-Situation zu diskutieren.
Die Medienlandschaft in NRW wird mit den WAZ-Plänen in jedem Fall weiteren Schaden nehmen, indem die journalistische Vielfalt reduziert wird. Schon jetzt bestimmt der WAZ-Monopolist weitgehend die Berichterstattung im Ruhrgebiet – aber immerhin mit vier eigenständigen Titeln. Das war der Grund, warum das Bundeskartellamt diesem WAZ-Modell ursprünglich zustimmte. Auch gegen die nun geplante verstärkte Kooperation der Titel untereinander werden die Wettbewerbshüter wohl nicht einschreiten. Gleichwohl würde die Behörde heute einem solchen Modell nicht mehr zustimmen, meinte Kartellamtssprecherin Silke Kaul gegenüber Kress. Es verhindere, dass die Zeitungen untereinander in Konkurrenz treten. Der Wettbewerb sei nicht ausreichend geschützt. So wurde auch das Vorhaben von Holtzbrinck, den Tagesspiegel und die Berliner Zeitung unter einem Dach zu vereinen, Ende 2002 nicht genehmigt.
Derweil wird Nienhaus nicht müde, das Wort von Zeitungstiteln als „starke Marken“ zu führen. Denn damit lasse sich eine „ordentliche Rendite“ erwirtschaften, so der bis Juni zu den Marktstrategen von Springer gehörende Mann. Er versicherte der Süddeutschen Zeitung, „in keinem Fall Titel verschmelzen“ zu wollen. Ziel sei es „die Qualität zu erhöhen und gleichzeitig Kosten zu sparen“. Nun ja, die Worte hör ich wohl, … Aber auch die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di geht davon aus, „dass einem international erfolgreichen Medienkonzern wie der WAZ daran gelegen sein muss, redaktionelle Arbeitsbedingungen zu erhalten, die auch weiterhin eine hochwertige journalistische Arbeit ermöglichen, um konkurrenzfähige Tageszeitungen zu produzieren.

Keine Entlassungen

Der Erhalt von vier unabhängigen WAZ-Titeln im Ruhrgebiet ist nicht zuletzt entscheidend für die Meinungs- und Medienvielfalt in NRW“, so der dju-Vorsitzende Malte Hinz. „Die dju erwartet vor allem, dass ein wirtschaftlich potentes Unternehmen wie die WAZ-Gruppe, ein solches Einsparprogramm und eine effektive Umstrukturierung auch ohne Entlassungen umsetzen kann.“

 


Zahlen und Fakten

Zur WAZ-Mediengruppe mit dem Hauptsitz in Essen und 18.000 Beschäftigten gehören 52 Tages- und Wochenzeitungen, 176 Publikums- und Fachzeitschriften, 107 Anzeigenblätter und 400 Kundenzeitschriften.

Die Gruppe hält Mehrheitsbeteiligungen an zehn lokalen Radiosendern in NRW und betreibt Deutschlands größtes regionales Internetportal derwesten.de. Sie ist an NRW.TV und an dem albanischen TV-Sender „Vizion+“ beteiligt.
Im Magazinbereich besitzt sie unter anderem den Münchener Gong Verlag (Gong, TV direkt) und den Westdeutschen Zeitschriften-Verlag (Neue Welt, Frau im Spiegel).
Außerhalb Deutschlands engagiert sich das Untenehmen auf dem österreichischen Zeitungsmarkt (Kronen Zeitung, Kurier) sowie in Kroatien, Serbien, Mazedonien, Bulgarien, Rumänien, Ungarn und Russland. Darüber hinaus gehören ihm 16 Druckereien im In- und Ausland. 2006 betrug der Jahresumsatz 1,74 Mrd. Euro. (s. auch hier)

nach oben

weiterlesen

Das Boot: Kameramann nimmt Vergleich an

Im Rechtsstreit über eine angemessene Vergütung hat sich der Chefkameramann des international erfolgreichen Filmklassikers „Das Boot“, Jost Vacano, mit den ARD-Anstalten geeinigt. Der 87-Jährige und der im Streit mit acht Anstalten federführende Südwestrundfunk (SWR) nahmen den Anfang Juli vor dem Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart vereinbarten Vergleich fristgerecht an, wie jetzt eine Gerichtssprecherin dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagte.
mehr »

Werbebranche erholt sich nur langsam

Nicht zuletzt die deutsche Werbebranche widerspiegelt das Pandemiegeschehen: Während das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2020 um 5,1 Prozent schrumpfte, ging das Marktvolumen der Werbewirtschaft um sieben Prozent auf 45 Milliarden Euro zurück. Eine Stabilisierung wird ab dem dritten Quartal 2021, eine Rückkehr zum Vorkrisenniveau erst ab 2022 erwartet. Und beim neuen Urheberrecht gilt: Das Beste ist, dass es überhaupt beschlossen wurde. Diese und andere Erkenntnisse in den aktuellen Quartalsberichten aus der Medienwirtschaft.
mehr »

Nürnberger Presse plant weiteren Stellenabbau

Der Personalabbau in Nürnberg geht weiter: Um mindestens 80 Vollzeitstellen will der Verlag Nürnberger Presse (VNP) bis Ende März 2022 die Belegschaft verkleinern. Der Verlag, der die „Nürnberger Nachrichten“, die „Nürnberger Zeitung“ und die Online-Plattform Nordbayern.de in seinem Portfolio hat, baute bereits 2019/20 nach der Verschmelzung dreier einzelner zu einer Zentralredaktion 28 Vollzeitstellen durch einen „freiwilligen Sozialplan“ mit Abfindungen ab.
mehr »

Dreh- und Angelpunkt ist die Staatsferne

Nach dem Scheitern der Bundes-Presseförderung: Wie lassen sich künftig Medienvielfalt erhalten und Qualitätsjournalismus unterstützen? Ein Gutachten von Wissenschaftlern der Universität Mainz liefert interessante Vorschläge zur Hilfe für die Medienbranche. Dreh- und Angelpunkt der Überlegungen ist dabei die gebotene Staatsferne.
mehr »