Zu wenig Innovation im digitalen Radio

Digitales Antennenradio gern auch in der Küche - ausgestrahlt seit 1. August 2011. Jetzt gibt es den zweiten nationalen Multiplex.
Foto: SWR/NDR/Klaus Westermann

Da ist er also, der zweite nationale Multiplex für digitales Antennenradio, kurz „Bundesmux“ genannt. Noch nicht alle der 16 geplanten Programme sind aufgeschaltet, die meisten sollen bis Ende des Jahres folgen. Die „Absolut“-Programme stammen vom Plattformbetreiber „Antenne Deutschland“, weitere wurden in einem Auswahlverfahren als passende Kandidaten dazu gebucht. Wer den Sendesuchlauf in seinem DAB+-fähigen Radiogerät neu startet, kann die Programme hören.

Nahezu überall in Deutschland können ab sofort die Programme Absolut Bella, Absolut HOT, Absolut Oldie Classics und Absolut TOP, sowie Antenne Bayern, Rock Antenne, RTL Radio und Toggo Radio empfangen werden.

Versprochen wurden neue Radioformate und „mehr Vielfalt“. Umso mehr dürfte der erste Check bei dem einen oder anderen Radiofan für Unmut sorgen. „Absolut“ versammelt unter seiner Dachmarke altbekannte Radioformate. Aktuelle Hits aus den Charts, Pop, Oldies, Schlager. Die Devise laut offenbar: Doch keine Experimente! Mit der aktuell vorliegenden Programmgestaltung setzt Antenne Deutschland vor allem auf UKW-erprobte Formate.

„Starke Marken“ am Radiomarkt

Hinter der Betreibergesellschaft „Antenne Deutschland“ stehen die ehemalige Telekom-Tochter Media Broadcast und der umtriebige bayrische Radiobetreiber Willi Schreiber, der in Bayern mehrere Regionalradios und die Radiomarke „Absolut“ betreibt. Seit Jahren schon warben Schreiner und seine Kollegen der großen Radioketten für nationales Digitalradio, um endlich, wie es auf Medienkongressen immer wieder hieß, neue Radioformate nach Deutschland bringen zu können. Von „spitzen Programmen“, die im UKW-Massenmarkt keinen Platz fänden, ist nun keine Rede mehr. Angedacht waren private Newsstationen, News-Talks, Sportprogramme, Veranstaltungs- und Konzertradio, Chanson oder Jazz. Der Realabgleich, Stand Oktober 2020 belegt: Nichts davon wurde umgesetzt.

Im Gegenteil: das bereits ins Leben gerufene ablauforientierte Programm „Absolut MusicXXL“, dass auch weniger bekannte Interpreten und Newcomer sowie ganze Konzertmitschnitte sendet, hat sich hausintern nicht für die bundesweite Antenne qualifiziert und wurde ins Internet abgeschoben. Das Programm sei „zu spitz“ für den Massenmarkt, ist zu erfahren. „Antenne Deutschland“-Geschäftsführer Joe Pawlas spricht dagegen von „starken Marken“ am Radiomarkt.

Auch inhaltlich bleiben viele Fragen offen. Aktuell sind auf den „Absolut“-Kanälen identische Nachrichten zu hören, moderierte Shows und Sendungen stehen noch aus, sollen nach Angaben der Betreiber aber folgen. „Gelernte, etablierte Formate wie Morningshows machen natürlich auch Sinn für Sender, die auf den nationalen Multiplex gehen. So viel wird verraten: Wir werden nicht vollkommen vom Radiomuster abweichen“, so Pawlas.

Medienpolitische Forderungen an die Inhalte gibt es dabei offenbar keine. Die zuständige Sächsische Landesmedienanstalt (SLM) bestätigt auf Rückfrage, dass im Gegensatz zu den etablierten Stationen auf UKW traditionelle Lizenz-Kriterien wie „Wortanteil“ hier gar nicht gelten.

Digitalradio mit Display – hier kann man beispielsweise die laufenden Musiktitel sehen Screenshot: ARD Digital Werbevideo

Exot Kinderradio

Große Innovation ist auch von den Drittprogrammen jenseits der „Absolut“-Welt nicht unbedingt zu erwarten. Zwar schickt die RTL Radio-Gruppe in Kooperation mit Super RTL das Kinderprogramm „Toggo Radio“ auf Sendung. Es besteht aber im Wesentlichen aus einer Morgensendung und sonst überwiegend aus Musik. Unter den aktuellen Aufschaltungen kann Toggo als explizites Kinderradio jedoch als einziger Exot durchgehen.

Das nationale RTL Radio, einst unter dem Namen „Radio Luxemburg“ in ganz Deutschland bekannt und beliebt, hat sich erst nach langem Hadern für die Verbreitung im Netz DAB+ entschieden. Jedoch ist das gesamte Programm (Hot-AC-Format) eine Kopie von 104.6 RTL Berlin, wo RTL Radio Deutschland als „Nebenprodukt“ im Berliner Radiocenter hergestellt wird. „Voicetracking“ nennt sich der Prozess, in dem ein bestehendes Programm mit geänderten Jingles und Diensten wie Wetter und News zu einem neuen Programm zusammengeschraubt wird. Kommerziell sicher effizient, die Radioseele des einstigen Innovationstreibers aus Luxemburg wird damit aber konsequent abgetötet.

Nationales Programm ausschließlich mit Lokalem

Diese Mühe der Aufteilung eines Landes- und eines Bundesprogramms spart man sich bei Antenne Bayern gleich ganz. Der Sender, der sein Programm durch und durch auf die Hörerbedürfnisse im Freistaat ausgerichtet hat, sendet nun auch in der gesamten Bundesrepublik. Wer von Sonthofen im Allgäu bis nach Flensburg an die Küste fahre, der könne Antenne Bayern glasklar über DAB+ im Autoradio empfangen, teilte der Sender seinen Hörer*innen mit. Als Vorteil wird dabei angegeben, dass das lästige Umschalten entfalle, der Frequenz-Suchlauf der Vergangenheit angehöre und zudem das Handy-Datenvolumen ohne Radio-Streaming geschont werde. Zwar lässt Antenne Bayern erkennen, dann man nun mit DAB+ gern in einem neuen nationalen Markt mitspielen möchte, investiert jedoch keinen Cent in nationale Inhalte. So werden Lokalnachrichten aus München ebenso durchgeschleift, wie Wetter aus Erlangen wie der Verkehrsdienst aus Augsburg.

Sinnvoller erscheint da die Platzierung des national ausgerichteten Ablegers „Rock Antenne“, wobei das Rock-Format bereits durch Anbieter im ersten Bundesmux (Radio Bob!) oder zahlreiche Anbieter in den lokalen DAB+-Netzen breit abgedeckt ist.

Man darf weiter hoffen. Denn noch stehen acht Programme aus, die bis Ende des Jahres aufgeschaltet werden sollen. „Joke.FM“ etwa, ein Comedy-Format im Internet mit ganz, ganz viel aktueller Mainstreammusik. Ein ominöser Kandidat ist das sogenannte „Profi Radio“, ein Sender für Heimwerker. Fraglich, ob es sich hier um eine Innovation und ein echtes Zielgruppenradio handelt? Hinter dem Kanal steht die Kieler Store Media, die Supermarktradio und den Verkaufssender POS Radio betreibt. Über den dritten Unbekannten „Drivers Classic von WIM“ ist bisher gar nichts bekannt.

Radio Energy (NRJ Group) hat einen zweiten nationalen Sender angekündigt, der erst Anfang 2021 an den Start gehen soll. Die französische Radiokette hält sich mit Details bedeckt. Man darf spekulieren und von einem Produkt der NRJ Group Paris ausgehen, das nun nach Deutschland exportiert werden soll. In Frage kommen da vor allem die Formate „Nostalgie“ (Klassiker der Popmusik und Oldies) und das Soft-Hit-Format „Cherie FM“.

Vielfalt Regional am höchsten

Digitalradio DAB+ wächst und erhält langsam aber stetig wachsenden Zuspruch bei Nutzern, der von der im Dezember beginnenden Digitalradiopflicht auch in Autoradios flankiert werden wird. Laut Digitalisierungsbericht der Medienanstalten 2019 stieg die Anzahl der deutschen Haushalte mit DAB+ von durchschnittlich 17 Prozent (2018) auf nun 22,7 Prozent.

Anders als bisher im zweiten Bundesmux ist auf Länderebene und den lokalen DAB+-Netzen auch wirklich Neues entstanden. Vor allem die ARD hat mit Angeboten wie „BR Heimat“, „MDR Tweens“, „NDR Blue“ oder „Antenne Saar“ einen Mehrwert geschaffen. Lokal sind private Wortprogramme wie „Detektor FM“, oder Community-Programme („lulu.fm“ oder „Radio Arabica“) auf Sendung gegangen.

Auch „Antenne Deutschland“ hat vor, noch ein weiteres Programm auf den Markt zu bringen. Das Unternehmen erklärt die Verzögerung unter anderem mit Qualitätsansprüchen, die es den Hörer*innen gegenüber einzuhalten gelte. Damit steht nur noch ein mögliches „Überraschungsformat“ aus. Kommt der Knüller noch?

 

 

nach oben

weiterlesen

Zweite Runde: ver.di vs. Prinz von Preußen

In einer juristischen Auseinandersetzung mit Georg Friedrich Prinz von Preußen hat die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Berufung beim Kammergericht Berlin eingelegt. Damit wehrt sich ver.di gegen eine auf Antrag des Prinzen von Preußen erlassene Einstweilige Verfügung des Landgerichts Berlin. Gegenstand ist eine Äußerung in einem Artikel des ver.di-Medienmagazins „Menschen Machen Medien“ vom Juli 2020.
mehr »

Tech-Giganten bald strenger kontrolliert

Große Digitalkonzerne wie Amazon, Google oder Facebook sollen künftig strenger kontrolliert werden. Der Bundestag beschloss am Donnerstag in Berlin den Entwurf für ein Digitalisierungsgesetz, dass dem Bundeskartellamt mehr Befugnisse gibt. Damit kann die Behörde schneller und eingreifen, wenn ein Tech-Gigant seine Marktmacht missbraucht. Um in Zukunft lange kartellrechtliche Verfahren zu vermeiden und Schadenersatzansprüche besser durchzusetzen, werden der Rechtsweg verkürzt und solche Streitigkeiten nach Paragraf 19a des Gesetzes in die Zuständigkeit des Bundesgerichtshofes übergeben.
mehr »

Endlich Novemberhilfe, leider nicht für alle

Endlich: Seit 12. Januar, so informiert die Bundesregierung, seien die technischen Voraussetzungen für die reguläre Auszahlung der „außerordentlichen Wirtschaftshilfe“ für den Monat November geschaffen. Die Länder starten mit der Überweisung der seit 25. November beantragten Gelder. Soloselbstständige konnten bis zu 5000 Euro Hilfen direkt beantragen. Doch bislang wurden bestenfalls Abschläge ausgezahlt. Was das für sie bedeutet und warum viele ganz durch Raster fielen, beleuchtet ein Projekt von Selbstständigen bei ver.di Niedersachsen-Bremen.
mehr »

ver.di fordert Recht auf Verbandsklage

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) fordert die erweiterte Möglichkeit von Verbandsklagen zur Durchsetzung der Vergütungsansprüche von Urheberinnen, Urhebern, Künstlern und Künstlerinnen. In einem Brief an das Kanzleramt sowie die Ministerien, die eine EU-Richtlinie zum Urheberrecht umsetzen müssen, wird kritisiert, dass der sozialen Funktion des Urheberrechts in den bisher gemachten Vorschlägen nicht ausreichend Rechnung getragen werde, informiert eine Pressemitteilung.
mehr »