Machen Sie es sich unbequem

Ich bin Rechtshänderin. Neulich habe ich mir morgens die Zähne mit der linken Hand geputzt. Keine gute Idee. Es fühlte sich falsch an. Ungelenk. Irgendwie so, als würde mein Gehirn die ganze Zeit protestieren. Und genau genommen tat es das auch. Unser Gehirn liebt Gewohnheiten. Es baut dafür regelrechte Autobahnen im Kopf. Und alles, was davon abweicht, fühlt sich erst einmal anstrengend an.

Meinung

Während ich vor dem Spiegel stand, dachte ich plötzlich: Mit Debatten ist das eigentlich ganz ähnlich. Klingt der folgende Satz irgendwie vertraut? „Man darf heute ja gar nichts mehr sagen.“ Diese acht Worte gehören inzwischen zum diskursiven Grundrauschen der Republik.

Das eigentliche Problem liegt jedoch woanders. In einer Demokratie darf man jede Meinung äußern. Natürlich. Dafür gibt es Meinungsfreiheit. Artikel 5 Grundgesetz. Aber eine Meinung ist nicht dasselbe wie eine falsche Tatsachenbehauptung. Gerade im Journalismus ist dieser Unterschied entscheidend. Natürlich gibt es Meinungsformate: Kommentare, Leitartikel, Kolumnen. Einordnung gehört dazu. Journalismus ist schließlich mehr als der Wetterbericht.

Aber. Wenn Meinungen von falschen Behauptungen ersetzt werden, kippt die Debatte: Angriff statt Argument. Zerstörung statt Zuhören. Man konnte das zuletzt beobachten, als die Rechtswissenschaftlerin Frauke Brosius-Gersdorf in den Strudel einer rechten Diffamierungskampagne gezogen wurde. Diese Art von Zerstörungsdrang hat in einer Debatte etwa so viel zu suchen wie ein Presslufthammer in der Klosterbibliothek.

Vielleicht liegt es daran, dass unser Gehirn inzwischen ziemlich verwöhnt ist. Es bekommt nämlich ständig recht. Ein großer Teil unserer Kommunikation findet mittlerweile auf den Bildschirmen unseres Smartphones statt. Dieses kleine schwarze Rechteck begleitet uns durch den Tag. Es zeigt Nachrichten, Kommentare, Videos – und sortiert dabei ständig vor.

Algorithmen zeigen uns vor allem das, was uns interessiert. Was wir klicken, liken und teilen. Das Ergebnis: Wir sehen mehr Menschen, die denken wie wir. Wir lesen mehr Argumente, denen wir zustimmen. Und wir begegnen seltener Stimmen, die sagen: Moment mal, ich sehe das anders.

So entstehen Echokammern. Räume, in denen sich Meinungen gegenseitig verstärken. Unser Gehirn sucht Orientierung. Gerade in Zeiten multipler Krisen. Zustimmung fühlt sich stabil an. Widerspruch wie Sand im Getriebe.

Aber. Demokratie lebt nicht von Zustimmung. Demokratie lebt von Reibung. Und jetzt mal ehrlich: wie fühlt es sich an diesen Satz zu lesen? Ein bisschen wie die Zahnbürste in der falschen Hand, oder? Gemütlich geht anders. Aber genau das ist der Punkt. Reibung ist selten bequem. Aber ohne sie bewegt sich auch nichts.

Wenn wir nur noch Zustimmung gewohnt sind – auch für unser eigenes Weltbild – fühlt sich Widerspruch plötzlich an wie ein Angriff.

Dabei ist Widerspruch wichtig. Widerspruch ist demokratisches Sparring. Also das, was uns dauerhaft fit hält. Und aus genau diesem Grund lohnt es sich, die Zahnbürste öfter mal in die falsche Hand zu nehmen. Oder ein Gespräch zu führen mit jemandem, der eine andere Meinung hat. Das fühlt sich am Anfang genauso an: ungewohnt, ungeschickt, vielleicht sogar ein bisschen nervig. Aber genau so entstehen neue Verbindungen.

Demokratie funktioniert nicht im Echo der eigenen Meinung. Sie funktioniert dort, wo Menschen widersprechen dürfen und wo andere das aushalten. Wir müssen wieder lernen zu streiten. Sonst verlieren wir irgendwann nicht nur die Debatte. Sondern die Demokratie gleich mit.

 

 

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