Geringschätzung

Prof. Dr. Volker Lilienthal zu den derzeitigen Tarifverhandlungen in der Zeitungsbranche:

„Nie waren die Leistungsanforderungen an deutsche Journalisten höher. Nie mussten sie mehr Informationen sichten, verarbeiten und für ihr Publikum aufbereiten als heute. Nie war mehr Geistesgegenwart gefordert, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden, die komplexen Prozesse in Politik, Wirtschaft, Kultur richtig zu verstehen, um sie den Lesern, Hörern, Zuschauern nutzbringend vermitteln zu können.

Und nie brauchte es mehr Aufmerksamkeit, um den allfälligen (PR-)Täuschungen interessierter Kreise nicht auf den Leim zu gehen. … Ein weiteres kommt hinzu: Journalisten heute sind nicht mehr nur Schreiber und hoffentlich gute. Gerade im Interesse der Multiplattform-Strategie ihrer Medienhäuser sind sie gezwungen, von Anfang an crossmedial zu denken und ihre Rechercheergebnisse in vielerlei Formen aufzubereiten. Und das mit einer Geschwindigkeit, die oft schon an Echtzeit grenzt – und nie darf die Sorgfalt leiden.
In dieser Situation wirkt es wie ein Ausdruck von gedankenloser Geringschätzung, wenn die Verleger das Tarifniveau von Redakteuren deutlich absenken wollen. Die Verleger, die in jeder drittklassigen Sonntagsrede das Wort vom „Qualitätsjournalismus“ im Munde führen, wollen offenbar nicht anerkennen, dass Journalistsein ein hoch anspruchsvoller Beruf ist und dass die Wertarbeit der Kolleginnen und Kollegen anständig bezahlt werden muss. Mehr Arbeit, weniger Geld – von dieser Botschaft geht ein Demotivationssignal aus, ein Signal, das die Geschäftsmodelle der Verlage selbst gefährdet. …
Die Verleger wollen neuerdings Geld für ihre Online-Inhalte – gut so. Aber auch die Redakteure und Freien, die diese Inhalte erstellen, haben eine anständige Bezahlung mindestens auf dem erreichten Niveau verdient. Ohne die Wertschätzung, die sich auch in angemessenen Tarifgehältern ausdrückt, verliert man die Lust und die Kraft, die man für diese anstrengende Arbeit so dringend braucht.“
Redeauszug anlässlich des Festaktes 60 Jahre dju

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

„Tagesspiegel“ bekommt Tarifvertrag

Einigung nach langen Verhandlungen: ver.di und der DJV haben heute den Tarifvertrag für den Berliner „Tagesspiegel“ unterschrieben. Damit verpflichtet sich das Medienhaus, ab dem 1. Januar 2023, die Mantel- und Gehaltstarifverträge für Redaktion und Verlag sowie den Tarifvertrag über die Altersversorgung für Redakteur*innen an Tageszeitungen anzuwenden. „Dass der Tagesspiegel sich für einen Tarifvertrag entschieden hat, ist ein wichtiger Schritt für die Arbeitsbedingungen der Medienbranche in Berlin“, sagte der zuständige Gewerkschaftssekretär Jörg Reichel von ver.di.
mehr »

Mental stark in Krisenzeiten

Wie können Journalist*innen den Zustand der Welt noch abbilden, fragte im November die Friedrich-Ebert-Stiftung. Wie kommen sie selbst mit der Dauerkrisensendung klar? Eine Antwort darauf versuchte der Kommunikationswissenschaftler Stephan Weichert zu geben: einen resilienten Journalismus. Ziemlich nüchtern berichtete Andrea Beer über ihre Arbeit als ARD-Hörfunkkorrespondentin in der Ukraine. Angehenden und jungen Journalist*innen zeigte sie per Videostream Fotos von ihren Einsätzen – etwa bei den Toten in der Nähe der zurückeroberten Stadt Isjum im Nordosten.
mehr »

Feminismus im Comic: Ganz ohne Superman

Comics waren lange eine Sache von Männern und Jungs. In ihren Abenteuern retteten maskuline Helden wie Superman die Welt, Zeichner dominierten die Branche. Doch das ändert sich: Viele der aufsehenerregenden Comics der vergangenen Jahre stammen von Frauen. Die Zeichnerinnen erzählen aus ihrem Leben, hinterfragen stereotype Geschlechterrollen und machen feministische Begriffe und Theorien populär. Doch ganz neu ist das nicht: Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass feministische Ideen schon sehr früh Teil der Comickultur waren.
mehr »

Journalismus: Wenn Arbeit krank macht

Die Journalistin Mar Cabra ist Mitbegründerin von „Self Investigation“. Die Stiftung mit Sitz in den Niederlanden gibt es seit November 2021. Ihr Ziel ist, die Situation der mentalen Gesundheit von Journalist*innen zu verbessern. Dabei schöpft die gebürtige Spanierin aus ihren Erfahrungen mit einem Burnout. Die Pulitzer-Preisträgerin arbeitete 15 Jahre lang als Journalistin in spanischen und internationalen Medien, unter anderem bei der BBC oder der spanischen Zeitung "El Mundo".
mehr »