Tatort: Drehort

Mit connexx.av auf Spurensuche bei den Münchner Medientagen

Die Arbeitsbedingungen der Film- und Fernsehschaffenden sowie ihre Ausbildung im internationalen Vergleich waren die Themen einer sehr gut besuchten Veranstaltung von connexx.av im Oktober auf den Medientagen in München, einem wichtigen jährlichen Treffpunkt der deutschen Medienbranche.

In seinen einleitenden Worten betonte der im Bundeskabinett u.a. auch für Filmfragen zuständigen Kulturstaatsminister, Julian Nida-Rümelin, den zentralen Stellenwert des deutschen Films als Kulturgut. Er bedürfe der Vielfalt und der Möglichkeit, ästhetische Risiken einzugehen. Teil der geplanten Reform der Filmförderung sei die Schaffung verbesserter Anreizstrukturen für alle Beteiligten. Auch die Reform des Urheberrechtes sei ein entscheidender Schritt in diese Richtung. Nida-Rümelin folgte dem Motto der Veranstaltung und wagte einen Blick ins Ausland, indem er Frankreich als ein positives Beispiel nannte für das Zusammenwirken verschiedener Fördermechanismen zur Stärkung des nationalen Kulturgutes Film.

Arbeiten wie in Hollywood

Das einführende Referat zu der sich anschließenden Podiumsdiskusssion hielt Jim Wilson, Generalsekretär der UNI-MEI (Media, Entertainment and Arts) aus Brüssel. Unter dem Titel „What’s it Like to Work in Hollywood?“ schilderte er sehr anschaulich die Arbeitsbedingungen der Filmschaffenden in den USA. Auffällig ist, dass der Organisationsgrad der amerikanischen Filmbranche sehr hoch ist und die Gewerkschaften bzw. „Guilds“ über einen erheblichen Macht- und Einflussbereich verfügen. Es existieren keine flächendeckenden Tarifverträge, sondern jeder Produzent muss für seine Produktion die Tarifverträge für die entsprechenden Berufskategorien einzeln unterschreiben und damit anerkennen. Der Produzent wird dann als „union“ oder „non-union“ bezeichnet mit weitreichenden Folgen für ihn und die Beschäftigten. Die Gewerkschaften wachen sehr genau über die Einhaltung der Tarifverträge für die entsprechenden Berufskategorien. Zudem verfügen sie über einen erheblichen Einfluss bei der Arbeitsvermittlung und Alterssicherung ihrer Mitglieder.

Bezeichnenderweise verhindern diese stark regulierten Arbeitsbeziehungen nicht den wirtschaftlichen Erfolg der Produktionen und, so eine von Jim Wilsons Kernthesen, gerade die große Machtstellung der Gewerkschaften in diesem Sektor sorgt in den USA für Stabilität und Professionalität.

Kein Muster, aber Anregung

Schon aus verfassungsrechtlichen Gründen ist die Situation in den USA nicht übertragbar auf die Branche in Deutschland, gleichwohl lassen sich Lehren ziehen. So sei es zum Beispiel nur dem Einfluss des entsprechenden Verbandes zu verdanken, dass das Berufsbild des Kameramannes in den USA weit differenzierter und geschützter sei als hierzulande, so der Oscar-prämierte deutsche Kameramann Jost Vacano („Das Boot“ u.a.).

Mischa Hofmann, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der deutschen Fernsehproduzenten, betonte für seinen Verband die Notwendigkeit, an den Rechten und Erlösen einer Produktion angemessen beteiligt zu werden und so dem amerikanischen Produzenten-Status wenigstens ein Stück weit näher zu kommen. Die amerikanischen Verhältnisse seien schon deshalb nicht auf Deutschland anwendbar, da 90Prozent des Produktionsvolumens hier als Auftragsproduktionen abgewickelt würden, bei denen auch der Produzent nur Auftragnehmer sei. Seine Produktionsbudgets würden jedoch die wahren Kosten nicht mehr abbilden, zumal die Sender immer knapper kalkulieren.

In die gleiche Richtung argumentierte Christine Rothe, Constantin-Film, die das Problem anhand des rapide gestiegenen Personalkostenanteils am Produktionsbudget anschaulich vorrechnete. Zumindest die privatwirtschaftlich organisierten Sender verweisen dagegen auf ihren Zwang, ihre fiktionalen Eigenproduktionen hauptsächlich durch Werbung refinanzieren zu müssen. Stefan Thul, Herstellungsleiter der ProSiebenSat.1 Media AG, titulierte die fiktionalen Eigenproduktionen seines Sender in diesem Zusammenhang gar als „Werberahmenprogramm“.

Deutlich wurde allerdings auch, dass sich die Bedingungen bei den von öffentlich-rechtlichen Anstalten in Auftrag gegebenen Produktionen nicht sonderlich positiv von denen privater Veranstalter unterscheiden.

Ausufernde Arbeitszeiten am Set

Sowohl Ida Arndt, die Vorsitzende der Maskenbildnervereinigung München als auch Diskussionsteilnehmer aus dem Publikum schilderten auf drastische Weise die fast durchweg katastrophalen Drehbedingungen bei deutschen Produktionen. Als Hauptproblem kristallisierten sich, neben zu spätem Eintreffen der Drehbücher und der daraus resultierenden mangelnden Drehvorbereitung, die ausufernden Arbeitszeiten heraus, die oft nicht mal als Überstunden tarifgemäß abgegolten werden. Ida Arndt forderte in diesem Zusammenhang ein energischeres Eingreifen des Gesetzgebers bzw. auch der Gewerbeaufsichtsämter.

„Praktikantenstadl“

Auch der zweite Schwerpunkt der Veranstaltung, die Aus- und Weiterbildungsangebote in der Filmbranche, hinterließ wenig positive Eindrücke.

Steffen Schmidt von connexx.av machte mit seinem Begriff „Praktikantenstadl“ deutlich, wie oft nicht nur Kostenzwänge sondern auch schlecht ausgebildete Mitarbeiter in herausgehobenen Funktionen die Arbeit am Set erschwerten. Sein konstruktiver Vorschlag an Nida Rümelin: Ein neues Filmförderungsgesetz könnte vorsehen, einen Teil der Finanzmittel, die bei erfolgreichen Produktionen an die Gremien zurückfließen, als „Ausbildungsabgabe“ in einen speziellen Topf weiterzuleiten, über dessen Verwendung die beteiligten Gruppen dann gemeinsam befinden.
Die Veranstaltung zeigte einmal mehr, dass Film im wahrsten Sinn des Wortes „Teamwork“ ist und die Diskussion häufig in die Frage mündet: Wer steuert wen und zu welchen Konditionen?

Klar wurde aber auch, dass der Ruf nach dem Gesetzgeber nicht ausreichend ist. Die Gestaltung der Arbeitsbedingungen durch einen Tarifvertrag, der das geltende, zum Teil jahrzehntealte Tarifwerk für Film- und Fernsehschaffende ablöst, ist ein sehr wichtiges Vorhaben für die gewerkschaftliche Arbeit der nächsten Monate. Die Ergebnisse der connexx-Veranstaltung werden somit sicher nicht vom Winde verweht.

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