Zwischen Talk und Fernsehküche

Ob Held oder Versager, Kommissarin oder Killer, Liebende oder Verlassener – Schauspielerinnen und Schauspieler sind das Aushängeschild von Kino und Fernsehen. Aber manch vielbeschäftigter Leinwandstar blickt am Ende des Arbeitslebens auf seinen Hartz IV-Antrag. Denn das Sozialversicherungsrecht verbannt alle Filmschaffenden buchstäblich auf die billigen Plätze ganz hinten im Lebenskino. Gewerkschaften und Berufsgruppenverbände halten dagegen. So kämpft auch der Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler (BFFS) um die soziale Absicherung seiner Mitglieder. M sprach mit Vorstandmitglied Heinrich Schafmeister.

Gepsäche beim parlamentarischen Frühstückdes BFFS - hier Prof. Monika Grütters und Heinrich Schafmeister. BFFS. Foto: BFFS/Reiner Freese
Gepsäche beim parlamentarischen Frühstückdes BFFS – hier Prof. Monika Grütters und Heinrich Schafmeister. BFFS.
Foto: BFFS/Reiner Freese

Welche Arbeitsschwerpunkte verfolgt der BFFS?

Heinrich Schafmeister: Sehr wichtig ist uns der soziale Schutz der Schauspieler. Jetzt steht das Arbeitslosengeld-1-Gesetz zur Novellierung an. Dieses Gesetz ist mit vielen Hürden belastet, die an der Wirklichkeit vorbeigehen. Wir, wie viele andere auch, zahlen ein in die Sozialversicherungen, bekommen aber nichts heraus. Wir möchten die Gesetze von den Hürden befreien. Damit die kurz befristet Beschäftigten – wie wir Schauspieler – gerechter an Arbeitslosengeld 1 kommen können.

Wie beurteilen Sie die vorliegenden Initiativen dazu?

Wenn das Modell der SPD durchkommt, wäre das gut. Der Antrag der SPD stellt im Kern eine Kehrtwende für sie dar: Die Rahmenfrist, in der der Anspruch auf Arbeitslosengeld nachgewiesen werden muss, soll für alle von zwei wieder auf drei Jahre verlängert werden. Die bisherigen Anspruchsvoraussetzungen – Begrenzung der zu berücksichtigenden Beschäftigungsdauer und Einkommensgrenze – sollen entfallen, weil sie sich für die meisten als unüberwindbare Hürden erwiesen haben. Aber die SPD ist in der Opposition. Als die SPD in der Regierung war, war sie nicht so mutig. Die jetzt Verantwortung haben, also CDU/CSU und FDP, haben auch eine Entkrampfung vorgesehen – allerdings viel zu dezent. Das wird nicht langen. Für uns ungeduldige Schauspieler geht diese Entwicklung zu langsam. Aber wenigstens in die richtige Richtung. Auf längere Sicht müsste bei befristeten Beschäftigungen unter einem Jahr die Sozialversicherungspflicht gesetzlich verstetigt werden, um Beitragslücken zu schließen.

Wie soll diese Verstetigung aussehen?

Die schauspielerische Tätigkeit ist immer eine angestellte. Mittelfristig müsste man die Beitragsbemessung nicht auf den Tag genau sondern monatsgenau ansetzen. Das gibt es schon bei den unständig Versicherten. Aber dort fällt die Arbeitslosenversicherung weg. Von daher ist das Modell überholt. Wir wollen ein Modell, das unserer Arbeitswelt gerecht wird. Das heißt, dass wir Ansprüche haben. Das heißt aber auch, dass man uns in die Pflicht nimmt – dass Kollegen, die privilegiert verdienen, mehr in den Topf tun müssen. Die sind übrigens damit einverstanden.

Sind da nicht die Geringverdiener benachteiligt?

Im Gegenteil. Das gegenwärtige Modell hat eine Kappung nach oben. Diese Beitragsbemessungsgrenze (BBG) schützt die, die darüber verdienen. Durch eine Verstetigung würden die BBGs steigen und die Gutverdienenden in die Pflicht genommen. Das betrifft nicht nur Schauspieler. Diese Beitragslücken muss man schließen, in dem man die Beitragseinnahmen gleichmäßiger verteilt. Das hat ja auch mit der Rente zu tun. Es kann doch nicht sein, dass zum Beispiel ein Horst Janson, der ein bewegtes Berufsleben hatte, jetzt eine gesetzliche Rente von 400 Euro bekommt, weil er so dasteht, als hätte er nie gearbeitet. Dabei war er fleißig und hat eingezahlt, aber immer nur für die einzelnen Drehtage.

Das zwingt zu privaten Investitionen in die Alterssicherung …

Wir haben bei allen Schauspielern, ob namhaft oder nicht, eine hohe Altersarmut. Die tatsächliche Lebensleistung müsste rentenmäßig besser abgebildet werden, dann schützt das unsere Leute auch vor dem Ausweichen in unsichere private Anlagen.
Wir werden auf gesetzlicher Grundlage nicht angemessen versichert. Das trifft bei allen kurz befristet Beschäftigten zu, da sind wir Schauspieler nur Protoypen für viele andere Berufe, die ähnlich arbeiten. Das betrifft immer mehr Menschen.
Was uns auch zusetzt und auf lange Sicht geändert werden müsste, ist die Unterscheidung zwischen „selbstständig“ und „beschäftigt“. Als Schauspieler sind wir einerseits sozialversicherungspflichtig. Wenn wir selbst produzieren, zum Beispiel Lesungen geben, gelten wir wiederum als selbstständig. Wir sind sozialrechtliche Amphibienfahrzeuge. Auch dieses Schicksal teilen wir mit vielen anderen. Wenn sich der Gesetzgeber entscheiden kann, alle gleichermaßen in die Pflicht zu nehmen – von Beamten über Selbstständige bis zu Beschäftigten – wäre das ein großer, wichtiger Schritt. Der ist überfällig.

Der BFFS ist auch Tarifpartei?

Es gibt für Schauspieler bei Film und Fernsehen noch keine tariflichen Vergütungsregelungen. Es kann doch nicht sein, dass manche Schauspieler am Set weniger verdienen als ein Filmhund. Hunde kriegen 350 Euro, Katzen 400 Euro, Kühe 450 Euro pro Drehtag. Immer mehr Schauspieler verdienen weniger als 350 Euro – wobei der gesamte Aufwand für einen Drehtag ca. einer Arbeitswoche entspricht.
Deswegen führen wir Tarifverhandlungen mit den Produzenten. Wir kennen ihre wirtschaftlichen Probleme. Sie sind selbst wiederum total abhängig von den privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern. Gerade auf die letzteren könnten die Politiker einwirken.

Die Landespolitiker fordern aber Einsparungen gerade bei ARD und ZDF?

Wir beobachten seit Jahren, dass immer weniger fiktional produziert wird. Von den Privaten und erst recht von den Öffentlich-Rechtlichen. Es wird getalkt, getalkt, getalkt und zwischendurch wird gekocht. Fiktionale Produktionen müssen mit sinkenden Etats auskommen. Die Sender wollen für weniger Geld mehr haben. Das wird durch kürzere Drehzeiten aufgefangen. Was an manchen Sets stattfindet, ist schlichtweg nicht mehr legal – da werden Arbeitsschutzgesetze gebrochen. Dabei kann ich die Produzenten auch verstehen – sie sind in einem harten Konkurrenzkampf um immer weniger Produktionen. Dazu kommt: Wir werden pro Drehtag bezahlt – und da sinkt die Gage auch noch. Weniger Engagements, weniger Drehtage, weniger Gage pro Drehtag – wir hatten in den letzten Jahren einen Einkommensverlust von 50 Prozent brutto. Um dem ein wenig entgegenzuwirken, fordert der BFFS eine Gagenuntergrenze in Form einer „Anfängergage“.
Wer etwas über die Machtverhältnisse in der Produktionslandschaft wissen will, sollte an das Degeto-Debakel denken: Wenn die nicht mehr produzieren, weil sie alles verbraucht haben, fallen 70 Prozent der ARD-Aufträge weg … Im Grunde sind die Produzenten – und mittelbar wir – die Opfer.

Stehen da Arbeitnehmer und Arbeitgeber Seite an Seite?

Unser Verhältnis zur Produzentenallianz ist kein übliches schwarzweißes zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite. Die Stellung der Produzenten gegenüber den Sendern muss gestärkt werden. Das liegt in unserem Interesse. Da ziehen wir mit den Produzenten an einem Strang. Ein weiterer Punkt ist das Urhebergesetz. Es sieht vor, dass Urheber und Leistungsschutzberechtigte angemessen vergütet werden. In der Praxis gibt es aber kaum Folgevergütungen und keine Erlösbeteiligung. Viele ältere Schauspieler sehen ihre alten Filme im Fernsehen – und sind auf Hartz IV. Da ist eine Lücke im Urhebergesetz: Verhandlungen sind zwar vorgesehen, wir können das aber nur mit unseren Vertragspartnern, den senderabhängigen Produzenten. Wir können nicht direkt mit den indirekten Werknutzern, den mächtigen Sendern, verhandeln. Im Korb 3 des Urhebergesetzes müssen die Politiker die Position der Urheber und Leistungsschutzberechtigten rechtlich stärken, damit wir auf Augenhöhe auch mit Sendern verhandeln können.

Haben Sie den Eindruck, dass das bei den Politikern ankommt?

Die Fähigkeit der Schauspieler ist die Wiederholbarkeit. Durch unsere ständigen Treffen mit Politikern haben wir ihnen unsere Situation Stück für Stück näher bringen können.
Beim parlamentarischen Frühstück während der Berlinale waren sehr kundige Politiker. Dass es heute ein Anwartschaftszeitänderungsgesetz gibt, was sehr stark von Filmschaffenden und Schauspielern vorangetrieben wurde, war vor unserer Gründung undenkbar. Früher wurden eine Ulrike Folkerts und andere öffentlich durch den Dreck gezogen und als Schmarotzer hingestellt: Sie würden Arbeitslosengeld abzocken. Genau das Gegenteil ist der Fall. Das hat inzwischen aufgehört. Das haben wir schon geschafft.

Wie sehen Sie das Verhältnis des BFFS zu ver.di und zum Filmschaffenden-Verband?

Faktisch sind wir keine Konkurrenten. Seit 2010 verhandeln wir einträchtig als Tarifpartner und liegen bei den anderen Baustellen Sozialversicherung und Urheberrecht auf gleicher Linie. Dass wir Druck machen und auch vor Arbeitskampfmaßnahmen nicht zurückscheuen – das hat auch ver.di imponiert. Wir wurden z.B. von ver.di zu Verhandlungen über Teamgagen als Gäste eingeladen. Da ging es eher um eine moralische Unterstützung. Das haben wir sofort eingesehen, wir brauchen ja auch die Leute vom Team, um gute Arbeit zu leisten. Auch mit dem Dachverband „Die Filmschaffenden“ arbeiten wir freundschaftlich zusammen. Wir sind ständig im Kontakt.
Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Verbänden und Gewerkschaften. Aber man sollte nicht so sehr in Konkurrenz denken, man sollte sportlich miteinander rivalisieren für die besten gemeinsamen Lösungen.

Ihr Resumee aus sechs Jahren Vorstandsarbeit im BFFS?

Wir Schauspieler wollen uns unseren tollen Beruf nicht vermiesen lassen. Wir bleiben mit Zähigkeit dran. Allen Gewerken können wir nur sagen: Organisiert Euch, geht in eure Gewerkschaften und Verbände. Nur so gibt es Veränderungen. Ich hatte immer gedacht: Schauspieler sind Einzelkämpfer. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass Schauspieler sich so organisieren können. Inzwischen ist über die Hälfte aller Film- und Fernsehschauspieler bei uns im Verband. Wir sind jetzt über 2.000. Unser Schauspieler-Preis, den wir während der Berlinale erstmals verliehen haben, soll zeigen: Wir können stolz aufeinander sein. Ich jedenfalls war auf unseren Berufsstand noch nie so stolz wie jetzt.

BFFS

Der Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler BFFS wurde 2006 gegründet und hat heute mehr als 2.000 Mitglieder. „Schauspieler sind Rückgrat und Gesicht“ von Film und Fernsehen. Für sie werden faire Arbeitsbedingungen und verlässliche soziale Standards gefordert. Der BFFS setzt sich für Ermöglichung und Schutz künstlerischer Qualität in Ausbildung und Produktion ein. Das Papier „Die Arbeit des Schauspielers am Set“, 2009 beim Branchenhearing der Bundesregierung vorgetragen, fasst grundsätzliche Positionen des Verbandes zusammen.

www.bffs.de

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