Publikum entscheidet: DGB-Filmpreis Emden

Bei der Diskussion zum diesjährigen Gewinnerfilm "Muganga". Foto: Regine Smarsly

In Emden hat das Publikum das Sagen. Nicht eine Jury, sondern die rund 25 000 Zuschauer entscheiden, wer den Hauptpreis beim Internationalen Filmfest Emden Norderney bekommt. Ein demokratisches Prinzip, dass auch den DGB überzeugt: Der DGB Filmpreis für gesellschaftlich engagierten Film, der jetzt zum 28. Mal verliehen wurde und mit 7.000 Euro dotiert ist, ist ein Publikumsentscheid.

Ausgezeichnet wurde in diesem Jahr der französisch-belgische Film „Muganga“, der in Bukavu in Ost-Kongo spielt. Er erhielt nicht nur den DGB-Preis, sondern auch den Score Bernhard Wicki Preis, den Hauptpreis des Festivals. Und nie zuvor waren die Zuschauer so einhellig begeistert von einem Film und bewerteten ihn so häufig mit „Exzellent“, der höchsten Wertung auf dem Stimmzettel: Im Durchschnitt erhielt „Muganga“ 4,89 von 5 möglichen Punkten.

Für den DGB Filmpreis waren vier Filme aus dem Emder Festival-Programm nominiert, die soziale oder politische Themen behandeln – auch im 20. Jahr präsentiert im traditionellen Filmgespräch von Michael Kleinschmidt vom Institut für Kino und Filmkultur.

In der diesjährigen Auswahl: „No good Men“, Eröffnungsfilm der Berlinale, dort mit minutenlangen Standing Ovations gefeiert, spielt im Afghanistan des Jahres 2021. Er zeigt den Alltag afghanischer Frauen kurz vor der Rückkehr der Taliban. Naru arbeitet als Kamerafrau, hat sich von ihrem Ehemann getrennt und kämpft um das Sorgerecht für ihren dreijährigen Sohn. Als sie den Journalisten Qodrat kennengelernt, fühlt sie sich erstmals von einem Mann respektiert. Doch Qodrat ist verheiratet. Die afghanischstämmige Regisseurin Shahrbanoo Sadat lebt mittlerweile in Hamburg. Ihr sehr gelungener Film zeigt glaubhafte Charaktere und nimmt die Zuschauer*innen mit auf eine Reise in ein Afghanistan, das es nicht mehr gibt.

Die kanadische Dokumentation „Modern Whore“ begleitet die überaus attraktive Kunststudentin Andrea auf ihrem Weg von der Kellnerin zum Escort-Service bis hin zur Sexarbeiterin. Sie basiert auf den Memoiren von Andrea Werhun, die entsprechend im Zentrum des Films steht. Der Film ist ein Kaleidoskop aus dokumentarischen, nachgespielten und animierten Szenen. Andrea Werhun und Regisseurin Nicole Bazuin verstehen ihren Film als Plädoyer für mehr Rechte von Sexarbeiterinnen und deren soziale Absicherung, die es in Kanada anders als in Deutschland bislang nicht gibt. Ein sehr kurzweiliger, ungewöhnlicher Film mit wunderschönen Sexszenen.

Laien, die wissen, was sie spielen

Der dritte Bewerber um den DGB-Filmpreis zeigt den Alltag der 59-jährigen Heike, die als Objektleiterin in der Gebäudereinigung arbeitet. Für seinen ersten Spielfilm hat Regisseur Kilian Armano Friedrich, der vom Dokumentarfilm kommt, lange recherchiert. Er zeigt den großen Druck, unter dem die Menschen in der Reinigungsbranche arbeiten, die Gründe, die ihren möglichen Kampf für ihre Rechte behindern, und die Tricks der Unternehmen. Hauptdarstellerin Sabine Thalau arbeitet selbst seit mehr als 20 Jahren als Reinigungskraft und auch weitere Rollen sind ebenfalls mit Laien besetzt – was viel zur Authentizität des Films beiträgt.

Der große Gewinner „Muganga“ erzählt die Geschichte des kongolesischen Arztes Dr. Denis Mukwege, ein Chirurg, der im brutal umkämpften Ostkongo unter Einsatz seines Lebens seit 25 Jahren vergewaltigte und misshandelte Frauen in seinem Panzi Hospital operiert und betreut – eine Unterstützung, die unschätzbar wichtig ist. Für seine Arbeit erhielt er 2018 den Friedensnobelpreis.

Filmpreis für „Muganga“

In der Region herrschen seit Jahrzehnten Kämpfe zwischen Rebellen und dem Militär, wobei es vor allem um die reichen Coltan- und Goldvorkommen geht. Leidtragend ist die Zivilbevölkerung und insbesondere die Frauen, weil Vergewaltigung und Verstümmelung in dem Konflikt als Waffe eingesetzt werden. Das Hospital von Dr. Mukwege ist ein Zufluchtsort für die Frauen, der Film zeigt es als Oase in einer Wüste der Gewalt. Regisseurin Marie-Elaine Roux ist ein vielschichtiger Film gelungen, der in einem Umfeld des Grauens auch Momente der Freude und Zuversicht spürbar macht. Der DGB-Filmpreis und der Score Bernhard Wicki Preis gingen mit deutlichem Votum an „Muganga“ – diesen grossartigen Film, der ein weltweites Publikum verdient.

Bislang hat der Film nur in Frankreich einen Verleih gefunden. Anderswo hingegen war man der Meinung, dass die Gewaltszenen aus dem kongolesischen Konflikt dem Publikum nicht zuzumuten seien. Die Zuschauer in Emden waren anderer Meinung und belohnten den Film mit Standing Ovations.

Bleibt zu hoffen, dass die grosse Zustimmung bei dem Festival doch noch einen deutschen Verleih überzeugt, zumal mit Angelina Jolie, als Mitproduzentin, ein prominenter Name auf dem Plakat stände.

Das 37. Internationale Filmfest Emden Norderney wird im Juni 2027 Stattfinden und passend dazu wird es wieder das Ver.di Seminar „Kann Kino die Welt verändern“ geben – beides besuchenswert. Und, wie der Emder Oberbürgermeister Tim Kruithoff bei der Abschlussveranstaltung formuliert: „Kultur ist einer der wichtigsten Pfeiler der Demokratie“.

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