Arbeit und Ausbeutung im Dokumentarfilm

O! Fortuna! work in progress I–VI (AT 2017, Karin Berger, 12 min)

Am Anfang des Symposiums der Dokumentarfilminitiative dfi im Filmbüro NW stand die Frage nach Begrifflichkeiten: Was gilt als Arbeit, wie prägt sie Leben und Alltag? Wer bestimmt, was produktiv ist? In einem Programm aus Vorträgen, Panels, Screenings und Filmgesprächen wurde unter verschiedenen Schwerpunktsetzungen diskutiert. Parallel ging es darum, wie der Dokumentarfilm Arbeit abbildet, verhandelt und dadurch erst sichtbar macht.

Zwei Filme widmeten sich körperlicher Arbeit an unterschiedlichen Orten. Für „Olanda“ beobachtete Regisseur Bernd Schoch drei Monate lang Pilzsammler*innen in den rumänischen Karpaten. Er und sein Kameramann Simon Quack berichteten in Köln von den Anstrengungen, stundenlang unzugängliches Terrain zu durchqueren und die immer voller werdenden Körbe zu schleppen, bei jedem Wetter. Da seitens der regionalen Politik keinerlei Interesse bestünde, vor Ort offizielle Strukturen zu fördern, leben die Sammler*innen über Monate in Zelten oder Autos, ohne Strom, Frischwasser oder sanitäre Anlagen. Andererseits ermögliche die Arbeit eine gewisse Selbstständigkeit, Zeiteinteilung und die Entscheidung darüber, wem man seine Erträge verkaufe.

„Ekmek parasi – Geld für’s Brot“ von Serap Berrakkarasu von 1994 bildete Fabrikarbeit aus der seltenen Perspektive türkischer „Gastarbeiterinnen“ der ersten Generation ab. „Migrantische, besonders türkische Frauen wurden meist als stumm dargestellt. Dabei erzählen sie gern, man muss sie nur fragen“, erklärte Berrakkarasu im Gespräch. In einer Lübecker Fischfabrik befragte die Regisseurin die Arbeiterinnen zu Beruf und Privatleben. Gisela Tuchtenhagen fing nebenbei mit ihrer Kamera auch die Härte der Arbeit ein und wie sich diese in die Körper der Frauen eingeschrieben hat: Hände, die wund und verfärbt sind von stunden- und jahrelangen Berührungen mit dem Fisch und endlosen Wiederholungen der immer gleichen Routinen am Band.

Neben körperlicher Arbeit am Fließband oder in der Landwirtschaft, Care-Arbeit im Privaten oder der „Arbeit am Selbst“ im Sinne neoliberaler Selbstoptimierung, die in Katharina Pethkes „In dir muss brennen“ anhand von Porträts verschiedener Life-Coaches verhandelt wird, thematisierte das Symposium auch Verschiebungen aktueller Arbeitsverhältnisse ins Digitale. Nicolas Gouraults „Their Eyes“ (2025) zeigte prekäre Bedingungen globalisierter Clickarbeit, bei der Menschen von den Philippinen, Bangladesch oder Afrika ohne Verträge, klare Arbeitszeiten oder soziale Absicherung Algorithmen und KI-Modelle trainieren.

Aber auch der künstlerische Kinodokumentarfilm entsteht meist unter prekären Bedingungen am Rande der Selbstausbeutung, wie das abschließende Panel „Who Cares – Arbeitsbedingungen und Wertigkeiten des Dokumentarfilms“ offenbarte. Arbeitssoziologin Alexandra Manske kritisierte, dass sich Politik und soziale Sicherungssysteme an sogenannten „Normalarbeitsverhältnissen“ orientierten und von kontinuierlichen Erwerbsbiografien in Festanstellung ausgingen. Auch die für Kunst- und Kulturschaffende wichtige KSK bleibe in dieser Logik verhaftet. Da freiberufliche Dokumentarfilmschaffende ihre Kunst und ihren Lebensunterhalt häufig durch Nebenjobs, temporäre Anstellungen und Fördergelder in Projektzyklen finanzierten, passten sie nicht in dieses System, das deshalb reformbedürftig sei. Altersarmut sieht sie dabei als große Gefahr. Sie plädierte für mehr Lobbyarbeit durch Verbände in die Politik, für Tarifregelungen und Mindestlöhne.

Dagegen argumentierten unter anderem die Filmemacherinnen Miri Ian Gossing und Gabriele Voss. Sie appellierten an den Nachwuchs, weniger über Fördertöpfe und mehr darüber nachzudenken, für welche Themen man brenne.

Philosophin und Filmhistorikerin Heide Schlüpmann zeigte sich von der Diskussion irritiert „Ich komme mir vor, als wäre ich auf einem anderen Planeten!“. In Anbetracht von Umweltzerstörung, Kriegen und dem politischen Erstarken der Neuen Rechte in Deutschland solle man nicht von Geld sprechen, sondern darüber, ob nicht die gesamte Kultur von den aktuellen Entwicklungen massiv bedroht sei. Diese Haltung unterstützten auch einige junge Filmstudierende im Publikum. Die Generation zwischen Nachwuchs und etablierten Filmschaffenden im Rentenalter besetzte dagegen Regisseurin Serpil Turhan. Sie wolle gern weiter relevante Filme machen, aber davon auch leben und eine Familie unterhalten können. Die Frage nach der Rolle öffentlich-rechtlicher Sender, die sich als Förderer des Dokumentarfilms zurückgezogen haben, kam ebenfalls wiederholt auf. Valentin Thurn (Filmemacher und Produzent) merkte an, dass Lamentieren nichts nutze und die Zukunft des Dokumentarfilms nicht im linearen TV zu finden sei.

Darin, dass die gesellschaftliche Relevanz des künstlerischen Kinodokumentarfilms immens und die Arbeit im, mit und am Bild wichtig ist, waren sich am Ende alle einig. Wie solche Filme künftig noch finanzier- und realisierbar seien sollen, bleibt abzuwarten. dfi-Leiterin Michelle Koch schloss mit der Bemerkung, sie sei zwar „dankbar für die Selbstausbeutung der Filmschaffenden“ und würde auch weiterhin versuchen, ihnen eine Plattform zu bieten – wünsche ihnen aber trotzdem mehr Geld und Anerkennung für ihre wichtige Arbeit.

 

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