Filmtipp: Eine bessere Welt

Wissenschaftlerin Elena (Peri Baumeister) polarisiert mit ihrem Buch "Eine bessere Welt" mit Ideen für eine ökologische Zukunft. Bild: ZDF und Julia Feldhagen

Ein vorzüglich gespieltes ZDF-Drama beschreibt, wie eine junge Wissenschaftlerin nach einer TV-Talkshow über die Klimakrise, in der sie für eine Begrenzung des individuellen CO2-Ausstoßes plädiert, zum Freiwild erklärt wird. Aufgrund der Beleidigungen und Morddrohungen im Internet entwickelt die völlig unvorbereitete Forscherin einen regelrechten Verfolgungswahn. Dann werden ihre Ängste Wirklichkeit.

Angesichts der äußerst bedrückenden Handlung klingt der Titel wie purer Zynismus: Nach ihrer Mitwirkung in einer Talkshow, in der sie für eine Begrenzung des individuellen CO2-Ausstoßes plädiert, wird Wissenschaftlerin Elena Stanat (Peri Baumeister) zum Freiwild erklärt. In ihrem Buch „Eine bessere Welt – Utopische Gedanken zur Klimakrise“ und in der TV-Sendung hat sie verdeutlicht, dass es keine andere Möglichkeit als diese Begrenzung gibt, wenn die Ziele des 2015 vereinbarten Pariser Klimaabkommens tatsächlich erreicht werden sollen.

Nach ihren Berechnungen dürfte jeder Mensch pro Jahr nicht mehr als drei Tonnen Kohlendioxid produzieren. Der Aufschrei lässt nicht lange auf sich warten. Eine große Boulevardzeitung titelt auf ihrer Website „’Klimaschützerin‘ Stanat fordert Steuer fürs Haareföhnen“.

Volle Wucht vom Hass getroffen

Als die Kommentare im Internet immer hasserfüllter und aus Beleidigungen Morddrohungen werden, wittert Elena, die von den Ereignissen völlig unvorbereitet und daher mit voller Wucht getroffen wird, überall Gefahr. Prompt kommt es auch zu Spannungen mit dem Gatten: Deniz (Serkan Kaya) hält ihre Ängste für Verfolgungswahn. Das Paar ist kürzlich der beiden Kinder wegen in die Idylle eines Kölner Vororts gezogen.

Aber während die Großstadt mit ihrer Anonymität einen gewissen Schutz bietet, fühlt sich Elena in dem einsam gelegenen Haus wie zum Abschuss freigegeben. Als die Hühner sterben, ist sie überzeugt, dass jemand die Tiere vergiftet hat. Weil ein „bester Freund“ einen Hausbesuch angekündigt hat, greift sie zu einem Messer, als plötzlich der Postbote im Wohnzimmer steht. Erst lässt sie für viel Geld Überwachungskameras und eine Alarmanlage installieren, dann verwandelt sie ein verstecktes Zimmer in einen Panikraum.

Aus diesem Stoff hätte auch ein Psychothriller werden können. In der Tat sorgt nicht zuletzt die Musik für diverse packende Momente, doch die spannendere Frage ist eine andere: Sind die Bedrohungen real oder bildet sich die wegen „Verbrechen am deutschen Volk“ gebrandmarkte Elena nur ein, dass sie permanent beobachtet wird? Immerhin erweisen sich einige Ereignisse als Hirngespinst.

Frauen aus der Öffentlichkeit gedrängt

Nadine Gottmann und Regisseur Sebastian Hilger, die zuletzt die Drehbücher zu der herausragenden Science-Fiction-Serie „Das Signal“ (Netflix 2024, ebenfalls mit Baumeister) geschrieben haben, machen jedoch von Beginn an deutlich, worum es ihnen geht. Der Film beginnt mit einem Off-Monolog, der beschreibt, wie es sich anfühlt, öffentlich angeprangert zu werden: „Wenn du morgens aufwachst, sind sie schon da. Sie beschimpfen dich. Sie sagen, dass Du aufpassen sollst, wenn du das Haus verlässt. Sie sagen, sie sind überall. Sie werden versuchen, dich kleinzukriegen. Sie wollen etwas in dir kaputt machen, damit du den Mund hältst.“

Dazu passt die Feststellung der TV-Moderatorin (Dunja Hayali), die sich bei Elena für ihre Teilnahme an der Talkshow bedankt: Es werde immer schwieriger, „insbesondere Frauen zu finden, die sich noch in die Öffentlichkeit begeben.“ Zum Abschied gibt sie ihr einen Rat: „Machen sie das Internet ein paar Tage aus.“ Vermutlich hätte das nicht viel geändert, zumal der Server des Instituts, an dem die Dozentin lehrt, aufgrund tausender Mails in die Knie geht. Eine Kollegin sagt: „Das ist wie Krieg da draußen“, deshalb lehne sie Einladungen zu Talkshows schon lange ab. Tatsächlich war Elena nur Ersatz für eine prominente Klimaaktivistin, die sich ein Bein gebrochen hatte. Lara (Kayla Shyx) hat einen Leibwächter, arbeitet mit der gemeinnützigen Organisation HateAid gegen Hass im Netz und empfiehlt Elena psychologische Unterstützung. Später wird ihr Engagement ein tragisches Ende nehmen.

Zwischen Paranoia und Realität

Zwischendurch gönnt das von Hilger sehr intensiv inszenierte und daher äußerst unbehagliche Drama der Hauptfigur und dem Publikum immer wieder Momente der Entspannung: Das alte Haus gehörte früher den Großeltern einer Freundin. Der Opa war Hobbyornithologe und hoffte, Exemplare des hierzulande angeblich ausgestorbenen Goldregenpfeifers zu finden. Das wirkt zunächst etwas schrullig, doch dann entpuppen sich die Exkurse als Spiegel: Die Suche nach dem seltenen Vogel wurde mehr und mehr zu einer fixen Idee, am Ende war der alte Mann regelrecht besessen, und auch Elena erkennt irgendwann, dass sie der eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauen kann.

Aber nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht trotzdem hinter dir her sind: Die zum Teil allerdings dilettantisch gesprochenen Internet-Kommentare lassen keinen Zweifel daran, dass aus der virtuellen Bedrohung jederzeit reale Gewalt werden kann.

Um 22.15 zeigt das „Zweite“ dann zusätzlich die Dokumentation „Hass im Netz“. Im Zentrum stehen der ehemalige Fußballprofi Kevin Plath, der nach einem TV-Auftritt Ziel rassistischer Hassattacken wurde, die Drag Queen und Aktivistin Vicky Voyage sowie die Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert, die wegen ihrer Haltung zu Klima- und Energiefragen angegriffen wird.

„Eine bessere Welt“, Deutschland 2025. Buch: Nadine Gottmann, Sebastian Hilger. Regie: Sebastian Hilger. ZDF, 23. März 2025, 20.15 Uhr. Der Film wie auch die Dokumentation „Hass im Netz“ stehen ab 14. März in der ZDF-Mediathek.

 

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Leben ohne Thüringer Lokalzeitung 

Ostthüringen ist im Jahr 2023 von der Funke-Mediengruppe zur „Modellregion für die Digitalisierung des ländlichen Raums“ erklärt worden. Der Verlag stellte die Zustellung der Printausgabe der Ostthüringer Zeitung in elf Gemeinden rund um Greiz ein. Thomas Schnedler und Malte Werner vom Netzwerk Recherche haben die Folgen untersucht. Die Ergebnisse finden sich im Abschlussbericht „Lückenfüller –Was kommt, wenn die Lokalzeitung geht?“.
mehr »

Katapult MV: Die Stimme für den Norden

Die kleine Redaktion von Katapult MV stellt im Flächenland mit 1,57 Millionen Einwohner*innen mit einer monatlichen Zeitung und aktuellen Online-Beiträgen ein Gegengewicht in der Berichterstattung dar. Wir sprachen mit Chefredakteur Patrick Hinz über Lokaljournalismus, die anstehenden Landtagswahlen und den journalistischen Umgang mit der AfD.
mehr »

Berichten wo es ungemütlich ist

In autoritär regierten Staaten geraten auch ausländische Medienschaffende zunehmend unter Druck: Einreiseverbote, die Verweigerung von Visa und andere Repressionen erschweren die Arbeit von Korrespondent*innen. In vielen Fällen bleibt ihnen nur noch die Berichterstattung aus dem Ausland ohne direkten Zugang zum Land selbst.
mehr »

Lobbylandkarte: Big Tech mischt mit

Es sind Karten wie die des Zentrums für Digitalrechte und Demokratie mit dem Titel „Big Tech Lobbylandkarte Deutschland“, die das Bewusstsein dafür ändern können, wie stark Big-Tech-Konzerne in Deutschland tatsächlich längst verankert ist und bis wohin ihr langer Arm reicht.
mehr »