Duell, Triell, Bagatell

Medien beeinflussen die Wahlentscheidungen der Bürger*innen zwar nur gering, aber wenige Prozente können das politische Spektrum in Deutschland verschieben. Grund genug, die Wahlkampfberichterstattung aus demokratischer Sicht genauer unter die Lupe zu nehmen – ihre Knackpunkte und ihre Perspektiven.

Die Hamburger Kommunikationswissenschaftlerin Judith Möller erläuterte vor der Bundestagswahl 2025, dass Medien nur zu fünf bis zehn Prozent für Wahlentscheidungen verantwortlich sind. Wichtig seien eher persönliche Faktoren – wo und wie man aufgewachsen sei, mit wem man über die Wahl und Politik spreche, welche Medien man nutze. Die Bedeutung von Informationsquellen für die Wahlentscheidung sei aber gewachsen, weil die Parteibindung sinke, es mehr Wechselwähler*innen gebe und gleichzeitig das Interesse an Nachrichten und politischen Informationen schwinde.

Die Informationsquellen im deutschen Mediensystem unterliegen in Wahlkampfzeiten unterschiedlich strengen Regeln. Am stärksten reguliert werden die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, die entsprechend den gesetzlichen Vorgaben eigene Konzepte für die Wahlkampfberichterstattung entwickeln. SWR-Chefredakteurin Franziska Roth erklärte im Januar, es gelte, „immer ausgewogen und unparteiisch“ zu berichten, doch bei der Auswahl der Themen könne die Redaktion entscheiden, was für das Publikum besonders relevant sei. Private Sender und demokratische Presse orientieren sich an allgemeinen Grundsätzen und dem Pressekodex.

Social Media richten sich weitgehend nach den Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie, die der europäische Digital Services Act regulieren könnte. So wird in Art. 34 Abs. 3 die Vermeidung aller „tatsächlichen oder absehbaren nachteiligen Auswirkungen auf die gesellschaftliche Debatte und auf Wahlprozesse und die öffentliche Sicherheit“ vorgeschrieben. Die Grenzen zwischen Journalismus, Wahlwerbung und Propaganda verschwimmen zunehmend. Der Einfluss einzelner Fake News auf das Wahlverhalten sei eher gering, so Möller. Wichtiger sei der langfristige Effekt: „Soziale Medien prägen, welche Themen als relevant gelten und was als normal empfunden wird.“

Veränderungen durch Social Media

Digitale Medien erhöhen die Menge an Informationen, aber die menschliche Aufmerksamkeit bleibt ein knappes Gut. Politische und mediale Akteur*innen sowie digitale Plattformen konkurrieren in dieser Aufmerksamkeitsökonomie darum, ihre Botschaften zu verbreiten und Werbeeinnahmen zu generieren. Rechtsextreme setzen sich mit ihren Diskurstaktiken à la Trump erfolgreich durch – mit gezielten Provokationen und „Flood the Zone with Shit“.

Allein die mediale Sichtbarkeit zähle, nicht der Wahrheitsgehalt der Äußerungen, konstatieren die Medienforscher Jan Rau und Christoph Richter nach ihrer Kurzanalyse von AfD-Wahlkampfstrategien. In der Folge könnten demokratische Parteien und Medien kaum eigene Themen setzen und arbeiten sich stattdessen an den Narrativen der radikalen Rechten ab. Die beiden Medienforscher halten eine „vielfältige, umfangreiche und aufgeklärte Berichterstattung rund um die AfD“ für notwendig, warnen aber, dass eine mediale Dauerpräsenz „den Diskursstrategien von Rechtsaußen mehr nutzen als schaden“ kann.

Mit zu viel Aufmerksamkeit erfahren Rechtsextreme im politischen System eine Normalisierung. Nach Ansicht der Journalistin Hadija Haruna-Oelker unterschätzten viele Medien lange die Gefährlichkeit der AfD und „nun müssen wir die Demokratie verteidigen. Wir haben ein Publikum, das eine multikulturelle Gesellschaft ist, das sich in den Medien nicht repräsentiert fühlt“. Deshalb solle man Debatten in der Berichterstattung so rahmen, dass sie rückgebunden werden an die Menschenrechte aller Bürger*innen. Für eine verantwortungsbewusste Wahlberichterstattung seien einige journalistische Standards nicht mehr zeitgemäß. So sagte Jay Rosen, Journalismusprofessor an der New York University, in einer Podiumsdiskussion 2024, neutral zu bleiben und über alle Sichtweisen zu berichten, setze voraus, dass wir über das gleiche Objekt sprechen. Mit diesen Gewissheiten habe Donald Trump gebrochen, als er nach Joe Bidens Sieg 2020 das Internet mit seinem Narrativ von der „gestohlenen Wahl“ flutete. In der Wahlberichterstattung gehören auch Formate wie das Fernsehduell oder Umfragen auf den Prüfstand. In der unübersichtlichen, fragmentiert erscheinenden Medienwelt sollen sie den Bürger*innen Orientierungen für Wahlentscheidungen bieten, doch ihr politischer Aufklärungswert ist begrenzt.

Journalistische Standards und Formate

Das aus den USA stammende Konzept des TV-Duell zwischen den Spitzenkandidat*innen gibt es in Deutschland seit 2002. Nach einer Studie der TU Kaiserslautern-Landau zur Bundestagswahl 2025 schalten bei TV-Duellen auch politisch weniger interessierte Menschen ein. Im Publikum verringerte sich der Anteil der unentschlossenen Wähler*innen nach den Debatten „im Mittel um drei bis fünf Prozentpunkte, 14 Prozent änderten ihre Kanzlerpräferenz, 18 Prozent ihre Wahlabsicht“. Allerdings hätten Formate wie „ZDF Klartext“ oder die „ARD Wahlarena“, bei denen die Kandidat*innen mit Bürger*innen diskutierten, ähnliche Wirkungen gezeigt, den Wahlkampf aber weniger negativ und personalisiert erscheinen lassen. Damit könnten sie „eine andere, stärker Demokratie unterstützende Funktion haben“.

Der Mainzer Journalismusprofessor Tanjev Schultz kritisiert TV-Duelle als „Lügenschleudern“, denn extremistische Politiker*innen seien auch durch Fact-Checking kaum zu entlarven. Die Frage, wer ein Duell gewonnen habe, sei zudem „wenig daran interessiert, Parteiprogramme zu bewerten und gegeneinander abzuwägen, sie zielt auf Personen und deren politisches Verkaufstalent.“ Über den politischen Wettstreit werde berichtet wie über ein Pferderennen, die Auseinandersetzung mit politischen Inhalten komme zu kurz. Zu dieser Horse-Race-Berichterstattung gehören auch Wahlumfragen, die keine Prognosen, sondern lediglich Stimmungsbilder sind.

Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages konstatierte, die wachsende Zahl an Wahlumfragen sei „wesentlich der Logik der medialen Berichterstattung zu verdanken“ und Medien gehörten zu den Institutionen, „die am häufigsten entsprechende Umfragen in Auftrag geben“. 2025 seien Umfrageergebnisse bis zum Vortag der Bundestagswahl veröffentlicht worden, die dann „entscheidungserheblich sein können“. Viele Menschen neigten dazu, die Partei mit den größten Gewinnchancen zu wählen.

Einfluss der Themensetzung auf die Wahl

Statt alte Muster „Wer hat die Nase vorn?“ zu bedienen, sollte Wahlkampfberichterstattung die Themen auf der Straße – bezahlbare Mieten, Klimaschutz oder ÖPNV – im Blick haben und gesellschaftlich relevante Problemfelder und Lösungsstrategien thematisieren. Darum geht es in einem Projekt von Correctiv, das Wahlberichterstattung im Lokaljournalismus so gestalten will, dass sie näher an der Lebensrealität der Menschen vor Ort ist, „politische Themen greifbar macht und die Beteiligung der Community in den Vordergrund stellt.“ Aus der Probephase 2025 wurde ein Leitfaden entwickelt. Für „ehrlichen lokalen Journalismus“ als Mittel gegen Demokratiefeindlichkeit wirbt auch der Potsdamer Journalismustrainer Benjamin Denes. Die „spürbare gesellschaftliche Unzufriedenheit“ sei auch deshalb so groß, weil es zu wenig lösungsorientierten Journalismus gebe.

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