Online-Kommunikation ist geprägt von Überreizung, Missverständnissen und gegenseitigem Misstrauen. Mit der Kulturwissenschaftlerin Annekatrin Kohout haben wir über ihre Bestandsaufnahme der digitalen Gegenwart und die Erregungsdynamik der sozialen Medien gesprochen.
Nur wer permanent beurteilt, kommentiert, teilt oder mit seinen eigenen Beiträgen starke Interaktionen hervorruft, wird von den Algorithmen mit weiterer Sichtbarkeit belohnt. Auch für die Debatte außerhalb der Plattformen und den Journalismus hat das fatale Konsequenzen, sagt Kohout. Sie spricht daher von einer Kultur der „Hyperreaktivität“. Wie wirkt sich die auf journalistisches Arbeiten, gesellschaftliche Polarisierung und die Kunst des Zuhörens aus?
Viele der Beispiele, die Sie in ihrem neuen Buch als Teil einer Kultur der „Hyperreaktivität“ diskutieren, sind wirklich zum Haare raufen. Was davon hat Sie zum Lachen gebracht?
Die legendären „Kommentare-Kommentier“-Videos vom deutschen Comedy-Trio Y-Titty oder später auch von Jan Böhmermann. Die waren im Modus des spielerischen Frechseins formuliert, oft albern, aber auch überraschend kreativ. Natürlich muss ich auch oft über heutige Meme lachen – sogar dann, wenn sie von Akteuren kommen, deren Agenda ich problematisch finde. Gerade das ist ja auch die Macht von Memes : Sie sind stets erstmal komisch, bevor man merkt, dass und wie sie politisch wirken.
Sie beschreiben die Sozialen Medien als eine Welt, in der alles auf möglichst starke Reaktionen ausgelegt ist. Was davon halten Sie für politisch gefährlich?
Gar nicht unbedingt die impulsiven Reaktionen. Die sind zwar auch folgenreich, weil sie auf den Algorithmus einzahlen. In ihrer offenkundigen Erregtheit sind die impulsiven Reaktionen allerdings auch leicht einzuordnen. Wirklich gefährlich wird es dann, wenn Reaktionen instrumentell eingesetzt werden: Wenn Empörung, Ironie oder Verdacht dazu genutzt werden, um Deutungen zu beeinflussen, Vertrauen zu zerstören oder gegnerische Inhalte zu delegitimieren. Das Perfide daran ist, dass diese strategischen Reaktionen oft das Gewand der spontanen Empörung tragen und deshalb schwerer zu durchschauen ist. Das zeigte sich erst jüngst sehr eindrücklich im Umgang mit den Epstein Files. Bestimmte Namen wurden hervorgehoben, andere ignoriert. Die Empörung über mutmaßlichen Kindesmissbrauch war dabei das moralische Schutzschild, hinter dem sich mitunter die Absicht verbarg, politische Gegner zu deligitimieren, Verschwörungsnarrativ zu befeuern oder etablierte Medien zu diskreditieren.
Zur heutigen digitalen Alltagkultur gehören spielerische Ironie und Doppeldeutigkeit genauso wie die akribische Suche nach moralischen Fehlern und verborgenen Motiven des Anderen, der am digitalen Pranger dann zynisch vorgeführt wird. Manchen Menschen gibt das einen Kick. Andere empfinden das alles mittlerweile als anstrengend und energieraubend, tun sich aber schwer mit einem Absprung aus dem Wirrwar der digitalen Anrufungen im Alltag.
Wer online kommuniziert, kommuniziert nie nur mit einer Person, sondern immer mit einer Masse an Zuschauenden im Rücken. Umgekehrt liest man ständig die Reaktionen anderer mit, die früher noch im Verborgenen stattfanden. Das macht Äußerungen inszenierter und das Verhalten strategischer. Wer an dieser Öffentlichkeit teilnehmen will, kommt aus der Reaktionsdynamik nicht heraus. Schon der Eintritt auf die Plattform ist eine Kette von Mikroentscheidungen: Ansehen oder weiterscrollen? Liken oder teilen oder kommentieren? Alles wird von den Plattformen erfasst, gemessen und in Sichtbarkeit übersetzt. Das erzeugt ein paradoxes Selbstverhältnis: Man fühlt sich handlungsmächtig, weil man ständig etwas „tun“ kann, zugleich aber auch ohnmächtig, weil dieses Tun zum Imperativ geworden ist. Dass manche daran einen Kick finden und andere Erschöpfung, ist kein Widerspruch. Es sind zwei Seiten derselben Medaille.
Welchen Anteil hat die digitale Alltagskultur an der gesellschaftlichen Polarisierung ?
Da mittlerweile ein beachtlicher Teil unserer gesellschaftlichen Kommunikation in den Sozialen Medien stattfindet, scheint mir ihr Anteil an der wahrgenommenen Polarisierung sehr hoch zu sein. Die Kommunikationssituation in den Sozialen Medien ähnelt dem politischen Sprechen, das Polarisierung braucht, damit Stimme und Parteien sich voneinander unterscheidbar machen können.
Sie findet aber vor einem unsichtbaren Publikum statt. Wenn jemand unter einem Posting kommentiert, richtet sich das nicht nur – und manchmal auch überhaupt nicht – an die Person, die es veröffentlicht hat. Es richtet sich immer auch an die unsichtbaren Mitlesenden, um deren Gunst man wirbt, die man überzeugen möchte. Zudem werden Positionen meist in Abgrenzung formuliert. Selbst wenn die Gesellschaft in Bezug auf empirisch messbare Einstellungen gar nicht so stark polarisiert sei sollte, wie wir das wahrnehmen, so ist sie doch sehr wirksam. Dass die Logik der Social-Media-Plattfromen reaktionsintensive Inhalte priorisiert und Nuancen systematisch benachteiligt, erzeugt eine Wahrnehmung von Dauer-Konflikt – selbst dort, wo im analogen Alltag viel mehr Ambivalenz und pragmatisches Nebeneinander existiert.
…und findet digital in einem ganz anderen Tempo statt als im analogen Leben.
Hyperreaktivität ist ohne das hohe Tempo nicht zu denken. In den Sozialen Medien sind Reaktionen oft auch eigenständige Inhalte, sie können ihrerseits geliked oder geteilt werden. Auf diese Weise steigt die Anzahl an Inhalten exponentiell, die wahrgenommen werden wollen und auch wieder neue Reaktionen einfordern. Wenn man keine Zeit hat, Dinge wirklich zu prüfen oder mit Sorgfalt zu behandeln, dann tun viele Menschen nur so als ob, um sich nicht festlegen zu müssen. Oder sie nutzen Ironie als Mittel der Abkürzung. Gleichzeitig wird Zynismus als verbitterte, verachtende Grundhaltung strategisch als Brandbeschleuniger zum Einsatz gebracht. Denn sein Spott ist besonders „triggernd“, löst viele und starke Reaktionen aus und kann so einem bestimmten Thema zu Aufmerksamkeit verhelfen.
Wie kann nun Kunst des Zuhörens gelingen, so wie sie etwa Bernhard Pörksen konzipiert hat als einen Weg, sich der Welt und der Andersartigkeit des Anderen zu öffnen? Oder ist das eine illusorische Vorstellung, die mit der Lebensrealität vieler Menschen einfach nichts (mehr) zu tun hat?
Auch an Idealen lohnt es sich festzuhalten. Sie sind wichtige Wegweiser, auch wenn sie womöglich nie vollständig realisiert werden können. Die Sozialen Medien und die dort kultivierte Hyperreaktivität bieten jedenfalls keine guten Voraussetzungen für Kontemplation, Innehalten oder Zuhören. In meinem Buch beschreibe ich, dass ein großer Teil der Kommunikation in den Sozialen Medien zwar interaktiv erscheint, aber sich vom dialogischen Prinzip verabschiedet hat. Der Inhalt ist nur noch Auslösevorrichtung für Reaktionen, die dann eben auch für sich stehen. So schwer es auch sein mag, der Wunsch nach „echten“ Gesprächen, nach Auszeiten, nach „Digital Detox“ ist da. Es werden sich immer auch Möglichkeiten auftun, ihn zu realisieren.
Was – in unserer Macht stehende – können Journalist*innen tun, um den Erregungsdynamiken der Hyperreaktivität zu produktiv begegnen?
Starke eigene Themen setzen, unterscheidbar bleiben, das eigene professionelle Ethos besonders hochhalten — und bloß nicht nur den Skandalen und Erregungen aus den Sozialen Medien hinterherrennen, indem man sie nachahmend aufgreift, sondern allenfalls einordnend.

