„Desinformation gefährdet Leben“

Politische Kommunikation studierte Johannes Hillje an der London School of Economics, Politikwissenschaften an der Universität Mainz. Er arbeitet als Politik- und Kommunikationsberater und ist Autor. In seinem Buch „Mehr Emotionen wagen“ beschreibt er, wie Gefühle die politische Landschaft beeinflussen. Wir sprachen mit ihm über emotionale Wahlkämpfe, journalistische Strategien und den Umgang mit Antidemokraten.

Ende Februar debattierten die Spitzenkandidaten der drei umfragestärksten Parteien bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg im Südwestrundfunk live miteinander. Neben Cem Özdemir (Grüne) und Manuel Hagel (CDU) hat daran auch Markus Frohnmaier (AfD) teilgenommen. Wie würden Sie die Sendung charakterisieren?

Zwei gegen eins. Es gab sehr oft eine Konstellation, in der Özdemir und Hagel gegen Frohnmaier argumentiert haben und Frohnmaier sich von beiden als Kollektiv abgegrenzt hat. Genau diese Konfliktkonstellation ist das Ziel der AfD, um sich als grundsätzliche Alternative zu allen anderen Parteien zu inszenieren. Da diese Frontstellung aber bekannt ist, war der Erkenntniswert der Sendung sehr gering. Interessanter wäre es gewesen, die Unterschiede zwischen den beiden Favoriten auf das Ministerpräsidentenamt, Özdemir und Hagel, herauszuarbeiten. Genau das wurde aber mit der Auswahl der Diskutanten und die erwartbare Lagerbildung verhindert.

Die Begründung des SWR war: Man möchte die Parteien repräsentieren, die die Landespolitik in der kommenden Legislaturperiode voraussichtlich am stärksten prägen werden. Können Sie das nachvollziehen?

Nein. Im Falle einer Deutschland-Koalition, die wir vor der Wahl nicht ausschließen konnten, würden die FDP und die SPD die Landespolitik in der nächsten Legislaturperiode deutlich mehr prägen als eine starke AfD in der Opposition. Normalerweise treten in einem Format wie dem Triell die Kandidaten gegeneinander an, die die größten Chancen auf das Amt des Ministerpräsidenten haben. Das war bei AfD-Spitzenkandidat Frohnmaier überhaupt nicht der Fall. Auch in Baden-Württemberg stuft der Verfassungsschutz die AfD als rechtsextremistischen Verdachtsfall ein. Keine andere Partei würde mit ihr koalieren.

Halten Sie es für grundsätzlich sinnvoll, die AfD an solchen Formaten zu beteiligen?

Ich bin gegen das prinzipielle Ausschließen der AfD aus medialen Formaten. Denn die journalistische Auseinandersetzung mit einer radikalen Kraft wie der AfD ist enorm wichtig – umso mehr, wenn sie einen hohen Wählerzuspruch erfährt. Aber man darf die AfD nicht wie jede andere Partei behandeln. Die Partei muss in journalistischen Formaten aber nicht nur inhaltlich, sondern stets auch ideologisch eingeordnet werden.

Was heißt das konkret?

Einzuordnen, welches Weltbild dahintersteht, wenn etwa von „Passdeutschen“ die Rede ist. Das bedeutet nämlich, die Staatsbürgerschaft nicht am Pass festzumachen, sondern an der Herkunft, an der Ethnie. Oder die Rede von „Globalisten“. Da handelt es sich um eine antisemitische Verschwörungserzählung. Journalist*innen müssen sich auf ein Interview oder ein Gespräch mit Vertretern der AfD wesentlich ausführlicher vorbereiten als bei anderen Politiker*innen. Von Seiten der Redaktionen braucht es dafür natürlich auch mehr Ressourcen.

Welche Lernprozesse beobachten Sie im medialen Umgang mit der AfD?

Die erste Phase dauert ungefähr von Parteigründung 2013 bis zum Einzug der Partei in den Bundestag 2017. Häufig lief das klassische Reiz-Reaktions-Schema ab: Die AfD hat provoziert und polarisiert und die Medien haben das mit Berichterstattung belohnt. Damals gab es auch eine Faszination für das Böse, die sich in Homestories über ein sehr kleines Rittergut in Schnellroda oder in Waldspaziergängen mit Björn Höcke gezeigt hat. Diesen extremistischen Akteuren hat man damals vielfältige Bühnen geboten, Höckes Auftritt in Günther Jauchs ARD-Talkshow nicht zu vergessen.

Mit dem Einzug in den Bundestag 2017 begann die zweite Phase. Dann wurde nicht mehr aus jeder Provokation eine Schlagzeile gemacht. Die Berichterstattung über die AfD war damals weniger geworden, hat aber an Qualität gewonnen, weil sie einordnender, kritischer wurde und von mehr journalistischer Verantwortung geprägt war.

Der Beginn der dritten Phase fällt in die Zeit der Ampel-Regierung, als die AfD ab Mitte 2023 in Umfragen sehr stark zulegte. Seitdem erhält die AfD wieder mehr mediale Aufmerksamkeit. Die Interviewführung und Berichterstattung changiert nun zwischen kumpelhaft, politisch-konfrontativ und kritisch-sachorientiert. Insgesamt ziehe ich für diese Phase eine sehr gemischte Bilanz, da alte Fehler wiederholt und neue Fehler gemacht werden. Dazu zähle ich auch die Einladung von Markus Frohnmaier in das SWR-Triell. Es gibt aber auch immer mal durchaus erkenntnisreiche Formate. So etwa die ARD-Wahlarena vor der Bundestagswahl 2025, als Alice Weidel wegen der Fragen der Bürger*innen ins Straucheln gekommen ist.

Welche Wirkung haben solche TV-Auftritte kurz vor den Wahlen?

Wähler werden wechselfreudiger und entscheiden sich kurzfristiger. Für sie sind solche Formate meist eine Entscheidungshilfe. Für die AfD ist es ein Riesengewinn, wenn sie nicht nur in einer Wahlarena zusammen mit vielen weiteren Kandidaten auftritt, sondern ihr in einem Triell eine größere Rolle zugewiesen wird, als sie das in der Realität hat. Das führt zur medialen Normalisierung der Partei.

Fakten-Checks sind mittlerweile ein gängiges, routiniertes Prozedere in Talkshows. Lassen sich darüber rechtsextreme und populistische Diskutanten „inhaltlich stellen“, wie es oft gefordert wird?

Faktenchecks sind eine journalistische Pflichtaufgabe. Sie sind wirkungsvoller, wenn sie noch während der Sendung angeboten werden. Erscheinen sie erst im Nachgang, etwa auf der Webseite des Senders, dürften das nur wenige Live-Zuschauer*innen rezipieren. Viele Redaktionen können einen Live-Faktencheck aber nicht leisten. Zwar lässt sich nicht jede Behauptung eines AfD-Politikers antizipieren, aber es gibt natürlich Falschbehauptungen der AfD, mit denen in einer Sendung zu rechnen wäre. Etwa bei der Anzahl der ausreisepflichtigen Ausländer*innen. Da sollte die Moderation unmittelbar einen Faktencheck liefern können. Ich halte es für sehr wichtig, dass der Journalismus sich gegenüber der AfD selbst behauptet. Die AfD macht mediale Räume zur Front eines Informationskriegs und verfolgt das Ziel, den unabhängigen Journalismus zu schwächen und weitestgehend durch Propaganda ersetzten. Orban und Trump sind medienpolitische Vorbilder. Der Journalismus sollte hingegen zu einer wehrhaften Mediendemokratie beitragen.

In ihrem letzten Buch plädieren Sie für eine politische Kultur, die „mehr Emotionen wagt“, um Angst, Hoffnung und Wut nicht den Populist*innen zu überlassen. Was bedeutet das für den Journalismus?

Auch der Journalismus sollte stärker anerkennen, dass Menschen politische Entscheidungen immer auch emotional treffen. Nach wie vor heißt es immer wieder, AfD-Wähler würden „gegen ihre eigenen Interessen“ stimmen, weil viele von ihnen vom Programm der AfD ökonomisch gesehen nicht profitieren würden. Das blendet die emotionale Realität allerdings vollkommen aus. Denn für die Wahlentscheidung von AfD-Wählern kann das Gemeinschaftsgefühl, die Anerkennung und die Statusaufwertung wichtiger sein als die materielle Besserstellung. Zudem sind Rationalität und Emotionalität keine Gegensätze. Angst und Wut müssen nicht immer destruktiv wirken. Wut war schon Antreiber vieler emanzipatorischer Fortschritte in der Gesellschaft, zum Beispiel für die Frauenbewegung. Und Sorge und Angst war in der Corona-Pandemie ein starker Treiber für viele Menschen, sich mit der Pandemie auseinanderzusetzen und sich auf die Informationssuche zu begeben. Wer emotional handelt, der handelt nicht automatisch irrational.

Im Idealfall sind Emotionen ein Türöffner zum rationalen Denken.

Exakt. Bei den Faktenchecks ist das Grundproblem, dass sie immer später kommen und langsamer sind als die Lüge. Sie sind meist aber auch wenig emotional und erreichen damit weniger Menschen. Das muss aber nicht so sein. Um der Desinformationen zur Covid-Impfung entgegenzuwirken, haben viele Journalisten und Medien darauf gesetzt, sachlich die Fakten über ihre Risiken und die starke Schutzwirkung zu verbreiten. Auf diese Fakten hätte man aber auch über eine emotionale Zuspitzung Aufmerksamkeit lenken können nach dem Motto: „Desinformation gefährdet Leben“.

 

 

 

 

 

 

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