Der Tarifstreit beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) erreichte Mitte Juni eine neue Eskalationsstufe. Ein zweitägiger Warnstreik der Gewerkschaften ver.di, DJV und Unisono legte Teile des Programms lahm. Indes hatte der WDR sich in der vorangegangenen Verhandlungsrunde mit der VRFF (Vereinigung der Rundfunk-, Film- und Fernsehschaffenden) auf einen Abschluss geeinigt – ohne die drei Gewerkschaften einzubeziehen. Heute gehen die Verhandlungen mit den Gewerkschaften weiter.
Der Streik im Juni traf nicht nur die Redaktions- und Produktionsbereiche, sondern auch das Publikum. Nach Angaben einer Sprecherin konnten keine Lokalzeit-Ausgaben bei WDR 2 und WDR 4 gesendet werden. Am Mittwoch fielen unter anderem die Sendungen „Quarks“ (WDR5) und „Der Tag um 12“ (WDR 2/3/4) aus. Im Fernsehen verloren die Zuschauer mit „Hier und Heute“, „Servicezeit“ und „Markt“ ihre regulären Formate.
Daß trotz einer Einigung weiter gestreikt wurde liegt am Ergebnis. Für Beschäftigte im WDR und in anderen ARD-Sendern ist das vermeldete Tarifergebnisse wenig attraktiv. Es liegt klar unterhalb der von der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) anerkannten Personalkostensteigerung und auch unter den jüngsten Tarifabschlüssen im Öffentlichen Dienst.
Der Kernvorwurf aus Sicht der Gewerkschaften: Der WDR habe versucht, einen schlechteren Abschluss mit VRFF als Musterlösung zu verkaufen, um dann für alle Beschäftigten ähnliche Konditionen durchzusetzen – ohne eine breitere Verhandlungsgemeinschaft. Volkmar Kah, DJV-Verhandlungsführer in NRW, mahnte, dass der “Betriebsfrieden aufs Spiel gesetzt werden würde” und warf dem Sender vor, Freie und Musiker*innen leer auszugehen zu lassen, während Festangestellte “bedenklichere Konditionen” riskierten.
Forderungen von ver.di haben Bestand
Ver.di-Verhandlungsführer, Christof Büttner, betonte im Gespräch mit „M“, die Beschäftigten verdienten ein Angebot, das der Arbeit und den gestiegenen Lebenshaltungskosten gerecht werde. Die Forderungen bleiben klar: sieben Prozent Gehaltserhöhung inklusive Sonderzahlungen und Honorare, bei Festangestellten mindestens 300 Euro monatlich, plus zwölf Monate Laufzeit; Auszubildende sollen 200 Euro mehr pro Monat erhalten.
Mark Hassenzahl, einer der beiden Vorsitzenden des Senderverbands ver.di im WDR, warnt gegenüber „M“ vor einem “Pilotabschluss” außerhalb des Öffentlichen Dienstes. Ein solcher Abschluss könne in anderen ARD-Anstalten als Maßstab genutzt werden und damit die Löhne und Honorare in der ganzen Gruppe unter Druck setzen. Sein Appell: Nicht vorschnell einen Alleingang eines einzelnen Verbandes übernehmen, sondern auf eine umfassende, branchenweite Lösung hinarbeiten. Hassenzahl betont zudem die Forderungen der Gewerkschaften, dass feste Freie künftig Krankengeld ab dem ersten Krankheitstag erhalten sollten; außerdem fordert er zusammen mit ver.di eine Anpassung der Altersversorgung für Freie von vier auf 7,38 Prozent.
Stefanie Drinhausen, Verwaltungsdirektorin des WDR, verteidigte das Vorgehen: Trotz schwieriger finanzieller Lage habe der WDR ein “faires und tragfähiges Angebot” gemacht. Die VRFF-Einigung zeige, dass ein gelungenes Ergebnis möglich sei, wenn zwei Seiten aufeinander zu gingen. Zugleich kündigte sie an, Lohnerhöhungen für alle umzusetzen und zügig Verhandlungen mit den anderen Gewerkschaften zu führen. Die nächste Runde sei für den 1. Juli terminiert.
Die Tarifverhandlungen sollen am heutigen 1. Juli weitergehen. Unwahrscheinlich, dass es zu einer Einigung kommen wird. Doch die Debatte hat schon jetzt eine substanzielle Veränderung in der Dynamik der ARD‑Tarifverhandlungen ausgelöst
Tarifvertrag für Auszubildende gekündigt
WDR-Intendantin Katrin Vernau hat vergangene Woche den Manteltarifvertrag für die Auszubildenden im WDR gekündigt.

