Undercover unter Nazis

Angelique Geray, aufgenommen am 24.08.2025 in Berlin. Credit: Xander Heinl

Angelique Geray arbeitet als Investigativjournalistin für RTL und den stern. Für eine Fernseh-Dokumentation schleuste sie sich in die Gruppe „Letzte Verteidigungswelle“ ein. Durch einen Hinweis von ihr wurden die Behörden auf die Gruppe und ihre Anschlagspläne auf eine Flüchtlingsunterkunft aufmerksam. Zu ihren Erfahrungen und Beobachtungen während der Recherche hat Geray das Buch „Undercover unter Nazis“ veröffentlicht.

Frau Geray, Sie waren mehrere Monate lang als Undercover-Journalistin im rechtsradikalen, neo-nazistischen Milieu unterwegs. Gegen die rechtsextremistische Gruppierung „Letzte Verteidigungswelle“ besteht dringender Tatverdacht auf Bildung einer terroristischen Vereinigung, acht Mitglieder befinden sich aktuell in Untersuchungshaft. Was hat Sie während ihrer Recherche überrascht?

Ich wusste grob, wie rechtsextreme Strukturen funktionieren, wie weit sie zum Teil schon über viele Jahre gewachsen sind. Ich hatte allerdings nicht erwartet, dass 15- bis 21-Jährige, wie ich sie in der der Neonazi-Gruppierung „Die letzte Verteidigungswelle“ kennengelernt habe, schon so explizit und gefestigt Neonazis sind. Interessant fand ich auch, wie viele junge Frauen sich in solchen Strukturen engagieren. Zur Einordnung: Die mutmaßliche Terrorgruppe „Letzte Verteidigungswelle“ umfasste rund 70 Personen, insgesamt sprechen wir über eine Personenzahl im niedrigen dreistelligen Bereich.

Wie sind Sie bei Ihrer Recherche vorgegangen?

Zunächst habe ich mich mit meinen Tarnidentitäten auf Instagram, TikTok und Snapchat umgeschaut. Mich hat interessiert, wie es dazu kommt, dass Rechtsextremismus wie ein Lifestyle daherkommt und Jugendliche gerne wieder Bomberjacke und Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln tragen. Online habe ich dann schnell festgestellt, wie rasant und in welchem enormen Umfang verschiedene Organisationen dort Nachwuchs rekrutieren. Das sind oft auch eher lose Strukturen, die schnell auf der Sichtfläche erscheinen und plötzlich wieder verschwinden.

In der Masse untergehen

Die gesamte Recherche war ein stetes Vorantasten. Man braucht da einen enorm langen Atem und darf nicht zu aufdringlich agieren. Man muss sich verhalten wie ein typischer Neonazi, dem es vielleicht auch egal wäre, nicht auf jedes Rechtsrock-Konzert oder Lagerfeuer-Event eingeladen zu werden. Als Undercover-Journalistin musst du ständig dafür sorgen, nicht herauszustechen, sondern in der Masse unterzugehen.

Als Undercover-Journalistin befinden Sie sich in einem Dilemma: Einerseits möchten Sie möglichst nah an das zu erforschende Milieu und die Einzelpersonen kommen. Andererseits tragen Sie – gerade im gewaltbereiten Neo-Nazi-Milieu – als Zeugin und Mitwisserin auch eine persönliche Mitverantwortung. Wie sind Sie mit dieser Herausforderung umgegangen?

Während der gesamten Recherche hatte ich immer im Hinterkopf: bei all dem Material, das ich dokumentiere, ob das nun Screenshots oder Video- und Tonaufnahmen sind, muss im Zweifelsfall auch vor Gericht deutlich werden, dass ich mich nicht strafbar gemacht habe. Wenn andere den Hitlergruß zeigten, musste ich mir daher eine gute Ausrede einfallen lassen. In anderen Situationen musste ich vermeiden, Liedtexte, die Adolf Hitler verehren, mitzusingen. Ich habe dann nur mitgesummt. Alle wichtigen Schritte im Zuge meiner Recherche wurden redaktionell und juristisch abgesprochen. So zum Beispiel der Einstieg in die Szene, der riskant ist, weil sich nicht abschätzen lässt, auf wen man in Zukunft treffen wird.

Viele Situationen sind sehr dynamisch – etwa, wenn Du auf einem völkischen Tanzabend landest oder dich mit Neonazis in einer klandestinen, abgelegenen Laube triffst und dann die Kugelbomben entdeckst. Auch der Ausstieg ist riskant, weil sich nicht vorhersehen lässt, wie die andere Seite nach der Enttarnung reagiert. Aus Sicherheitsgründen hat mich RTL nach dem Ende meiner Recherche erstmal ins Ausland geschickt, unter anderem weil wir nicht wussten, ob die Neonazis meine Wohn-Adresse kennen. Rund um den Ausstrahlungstermin der Doku hatten wir Security an allen Firmen-Standorten. Da wir von einem konkreten Anschlagsplan Kenntnis hatten, war für uns klar, dass wir die zuständigen Behörden informieren müssen.

Welches Standing hat die AfD in den Kreisen, in denen Sie recherchiert haben?

Die AfD spielt eine große Rolle, gilt aber stets als nützlicher Idiot. Viele Menschen, die ich kennengelernt habe, verachten die AfD, weil sie nicht extrem genug ist. Aber sie ist sich dennoch bewusst, dass sich mit der AfD die Grenzen des Sagbaren und die gesamte Gesellschaft weiter nach rechts zu rücken lassen. Für viele Neonazis, die ich getroffen habe, macht es aktuell strategisch keinen Sinn, Kleinstparteien wie „Die Heimat“ oder „Der Dritte Weg“ zu wählen.

Wie kann man sich das typische Leben, die typische Biografie eines jungen Neo-Nazis, wie Sie ihn oder sie kennengelernt haben, vorstellen? Was sind und waren die typischen Treiber der Radikalisierung?

Viele dieser Menschen sind sehr jung und auf der Suche nach Identität. Die suchen sie sich dann, so wie wir es auch gemacht haben: über Musik, über Zugehörigkeit, Gemeinschaft. Viele wohnen im ländlichen Raum, wo es oft nur wenig Freizeitangebote gibt. Rechtsextreme Wanderungen, Gemeinschaftstage und Konzerte füllen da eine Lücke. Bei vielen habe ich auch herausgehört, dass die Erziehung im Elternhaus eine große Rolle für ihre Radikalisierung spielt. Über den Holocaust wurde bei ihnen mitunter so gesprochen, als sollte man auf die Mittäterschaft ihrer Vorfahren stolz sein. Bei einigen setzte sich die Ideologie über Generationen fort. In einem Fall etwa hatte ich den Eindruck, dass ein junger Neonazi seinem Stiefvater, der bereits in der rechtsextremen Szene der 1990er-Jahre aktiv war, unbedingt nacheifern wollte.

Timeline voll mit rechtsextremem Content

Auch Social Media ist wichtig. Denn sobald Du ein Video gesehen hast oder einem einschlägigen Kanal folgst, ist deine Timeline voll mit rechtsextremem Content. Dazu kommt oft der Wunsch nach Anerkennung und Aufwertung innerhalb der Gruppe, so wie ich es etwa bei der mutmaßlichen Terrorgruppe „Letzte Verteidigungswelle“ erlebt habe. An oberster Stelle stand in dieser Gruppe eine Person, die sich tatsächlich „Führer“ nennt, darunter gibt es verschiedene Positionen mit unterschiedlichen Funktionen mit Titeln wie „Gauleiter“, „Gestapo“ oder „Propagandaminister“. Gerade viele der jüngeren Mitglieder wollten sichtbar aufsteigen und mehr Verantwortung übernehmen. Das führte durchaus zu Konkurrenz und dem Wunsch, sich innerhalb der Gruppe besonders zu beweisen.

Welche Rolle spielen die sozio-ökonomische Herkunft und Bildung?

Die Menschen, die ich kennengelernt habe, stammen aus allen Bevölkerungsschichten, sie sind Schüler, Studenten, arbeiten als Optiker, Bäcker, Veranstaltungstechniker oder als Installateure. Vor allem die etablierten Kader sind alles andere als bildungsfern. In jedem Fall sind die Leute, die ich getroffen habe, smart. Sie denken nach, die können eins und eins zusammenzählen und wissen, was sie tun.

Wie war es für Sie, im Zuge der Recherche auch in die Welt des rechtsradikalen Online-Datings einzutauchen?

Wenn ich an Liebe denke und an eine Beziehung, dann denke ich an etwas ganz Warmes, Weiches, an etwas, das einem ein gutes Gefühl gibt. Wie passt das zusammen mit neonazistischem Gedankengut? Das hat mich interessiert – gerade auch als Frau. Frauen sind in der Neonazi-Szene letztlich nur Projektionsfläche für die Fantasien der Männer. Auf Dates und im Online-Chat auf Plattformen wie „White Date“ sind viele zum Beispiel direkt mit dem Thema „Nachwuchs“ ins Gespräch eingestiegen und haben als Bedingung für eine mögliche Beziehung sofort eine bestimmte Anzahl an Kindern genannt.

Oder sie haben sehr explizit mein Aussehen dahingehend kommentiert, wie „arisch“ meine Haare und Augen wirken. Beim Eintauchen ins rechtsradikale Online-Dating gab es natürlich auch bizarre Situationen. So beispielsweise das Treffen mit einem Lehrer, der mich als erstes Date auf eine Bootsfahrt eingeladen hatte und einen Rucksack mit rechtsextremen Büchern mitbrachte, um sie mir zu zeigen und zu prüfen, ob wir ideologisch zusammenpassen würden.

Wie reden neonazistische Frauen über den Dating-Markt und ihre potenziellen Partner?

Die haben in der Regel wenig dagegen, Projektionsfläche zu sein. Viele Frauen gehen den vielen falschen Versprechungen auf den Leim. Wichtiger ist für sie das Gefühl, Teil einer Elite zu sein, die sich vom Rest der Gesellschaft abhebt und für das vermeintlich richtige Deutschland kämpft. Als Frau giltst du darüber hinaus als „Hüterin der Heimat“ und als „Hüterin der Familie“, die in dieser Rolle verantwortlich ist für die nächsten Generationen, die den politischen Kampf weiterführt. Zudem wurde ihnen deutlich kommuniziert, dass Frauen immer unterstützend im Hintergrund stehen, wenn die Männer an der politischen Front kämpfen, auf Demonstrationen, auf Veranstaltungen, in der Parteiarbeit und in anderen Organisationen.

Risse: Frauen in der Szene

Im Gespräch mit vielen Frauen habe ich gemerkt, dass ihnen oft gar nicht so bewusst war, was das alles vielleicht für ihre eigene Zukunft bedeutet. Den ein oder anderen Riss habe ich aber ebenfalls bemerkt. Es waren interessante Gespräche und Situationen, wenn den Frauen deutlich wurde: die Realität und die Erwartungen der Szene und der Kader passen nicht zusammen mit den eigenen Bedürfnissen etwa nach Selbstständigkeit – etwa, wenn junge Frauen lieber Hosen tragen wollten, bei offiziellen Veranstaltungen aber ausschließlich Röcke oder Kleider erlaubt waren.

Was haben Sie während der Recherche über sich selbst, auch über ihr eigenes Frau-Sein gelernt?

Ich habe vor allem gemerkt, wie privilegiert meine eigene Position ist. Als Journalistin habe ich ein großes Medienhaus hinter mir, das mir Sicherheitsstrukturen, juristische Unterstützung und ein Team bietet, das mich absichert. Gleichzeitig habe ich erlebt, dass ich als Frau oft leichter ins Gespräch gekommen bin. Viele haben mir sehr persönliche Dinge erzählt – über ihre Familien, ihre Zukunft oder ihre Zweifel. Das hat mir noch einmal gezeigt, wie wichtig Zuhören für eine Recherche ist. Zuhören bedeutet aber nicht Zustimmung. Gerade wenn aus Worten irgendwann konkrete Gewaltpläne werden, endet jedes Verständnis.

Aktives Zuhören ist eine enorm starke Geste der Wertschätzung. Haben Sie da einen Kontrast bemerkt zwischen Ihnen und dem Verhalten ihrer vermeintlichen Kamerad*innen und dass Sie aufpassen müssen, nicht zu wertschätzend zu sein, weil sie so Gefahr laufen, aufzufliegen?

Mein Eindruck war, dass sehr viele junge Neonazis stark mit sich selbst beschäftigt sind. In Organisationen wie „Die letzte Verteidigungswelle“ geht es sehr dynamisch zu: Alles dreht sich um den Aufbau der Gruppe, um Mitgliederakquise, Planung und Organisation. Meine wertschätzende Kommunikation war der Schlüssel, um Zugang zu den Menschen bekommen. Allerdings ist in der Neonazi-Szene der Ton untereinander weniger rau als man sich das vielleicht vorstellen mag. Denn bei den internen Treffen ist man ja nicht der inbrünstig gehasste Feind – sondern Freund.

Da wird einem schon auch wertschätzend begegnet und auch Hilfe angeboten, etwa in der Kontaktvermittlung zu anderen oder durch Fahrservice zu einem Event. Ich musste allerdings aufpassen, nicht zu viele Fragen zu stellen oder zu penetrant nachzubohren, wenn ich bei einem Thema mal nicht weitergekommen bin, um nicht den Anschein zu wecken, ich sei von der Polizei oder vom Verfassungsschutz.

Verschworene Gruppen mit wenig durchlässigen Grenzen neigen zu Paranoia und starkem Kontrollverhalten – sowohl intern als auch gegenüber der Umwelt. Wie sind Sie mit der Gefahr, enttarnt zu werden, umgegangen?

Mir hilft es, wenn ich mir am Anfang eines Undercover-Einsatzes das schlimmstmögliche Szenario vorstelle, um in diesem Fall planvoll und besonnen zu handeln. Wenn ich ein Konzert besucht habe, habe ich vorab recherchiert, wie und wo ich den Ort schnell verlassen kann, falls ich auffliege. Der größte Druck während der gesamten Recherche lag für mich darin, die Tarnung aufrecht zu erhalten und durch die Szene zu tänzeln, ohne aufzufallen. Dass man mir kaum ansieht, wenn ich nervös bin, hat mir dabei sehr geholfen.

Inwieweit gelang ihnen während dieser intensiven Recherche, nach Feierabend abzuschalten und eine gesunde Work-Life-Balance zu leben?

So eine Recherche bestimmt einfach dein Leben. Journalistische Erfahrung und zu wissen, wie man sich Inseln der Ruhe schafft, obwohl man 24 Stunden am Handy ist und vorgibt eine andere Person zu sein, sind daher essenziell. Wenn man permanent mit extremen Inhalten konfrontiert ist, sickert das auch in den privaten Alltag. Wichtig war für mich auch, viel über meine Erfahrungen in der Neonazi-Szene zu reden. Dafür hätte ich auch eine zusätzliche psychologische Betreuung in Anspruch nehmen können. Aber das schien mir nicht nötig. Stattdessen haben mir die regelmäßigen Anrufe bei André Aden von „Recherche Nord“ bei meinen Kollegen geholfen – vor einem Einsatz, nach so einem Einsatz, aber auch währenddessen.

Was können Journalist*innen von ihren Erkenntnissen für die Berichterstattung zum Thema Rechtsextremismus und -populismus mitnehmen?

Ich halte es für enorm wichtig, mit den Menschen, über die wir berichten, auch ein Stück weit in Kontakt zu kommen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir über Rechtsextremismus, Ostdeutschland und andere Themen viel zu sehr vom Schreibtisch aus berichten. Zudem müssen wir aufpassen, uns hinreißen lassen, die Propaganda der Neonazis zu verbreiten und damit zum Mitmachen anregen. Die Spiegel-TV-Dokus beispielsweise werden in der Szene gehypt. Wer dort gezeigt wird, erlang fast schon Ikonen-Status. Da müssen wir uns schon fragen, ob und inwieweit die Berichterstattung dann unseren journalistischen Standards genügt. Deswegen ist nicht nur die inhaltliche Einordnung so wichtig, sondern auch die ästhetische Machart. Wenn das Gefühl entsteht, Neonazi-Wanderungen oder Demos sähen cool aus, dann haben wir ein Problem. Es ist eine große Herausforderung, sich aufs Verstehen einzulassen – aber gleichzeitig, die Menschen, ihre Ideologie und ihre Taten nicht zu verharmlosen.

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