Die Selbstbeobachtungsfalle

Hausgemachte Betriebsblindheit

Die Berichterstattung in Medien über Medien befindet sich an einer Wegscheide. Nach dem Aufschwung des Medienressorts in den neunziger Jahren hat in den Verlagen mit dem Einsetzen der ökonomischen Rezession ein quantitatives und qualitatives Rollback eingesetzt. Ob Zeit, taz oder FR – die einst kontinuierliche, kritische Hintergrundberichterstattung über Medienfragen wird abgedrängt, ins Wirtschaftsressort oder ins Feuilleton verschoben, als vernachlässigbare Größe degradiert.

Und das ausgerechnet jetzt, da Springer sich anschickt, den von Leo Kirch erträumten Verbund von Print- und elektronischen Medien Gestalt werden zu lassen, wo die Konsumenten mehr denn je Aufklärung über die Situation einer vermachteten, hochkonzentrierten Branche brauchen könnten.

Im vorliegenden Band „Die Selbstbeobachtungsfalle“ geben 31 Autoren einen facettenreichen Überblick über die aktuellen Trends und Probleme medialer Selbstreflexion. Dabei kommt auch die Selbstkritik nicht zu kurz. Die Beobachtung der Medienbranche leide an einer auch hausgemachten „Betriebsblindheit“, konstatieren die Herausgeber: „Gerade der Medienjournalismus könnte wertvolle Aufklärung aus den eigenen Reihen leisten, wenn er sich von Eitelkeiten und ökonomischen Zwängen lossagt.“

Was im Falle der „ökonomischen Zwänge“ freilich leichter gesagt als getan ist. Schließlich befindet sich der Medienjournalist selbst in einem Abhängigkeits- und Loyalitätsverhältnis zu seinen Auftraggebern. Seine Möglichkeiten, eine Instrumentalisierung von Medienseiten oder -sendungen im Interesse der Verlage oder Sender zu verhindern, sind somit begrenzt. Wer‘s nicht glaubt, überprüfe zum Beispiel die Berichterstattung der Holtzbrinck-Blätter über die kartellrechtlich umstrittene Fusion zwischen Tagesspiegel und Berliner Zeitung.

Eine tägliche Medienseite in der Zeitung ist „ebenso überflüssig wie eine tägliche Textilseite“? Nicht alle Chefredakteure stellen die Existenzberechtigung von kritischer Selbstreflexion so borniert in Frage wie der ehemalige Chefredakteur der WAZ, Uwe Knüpfer. Als sei nicht das Missverhältnis zwischen der behaupteten Bedeutung der Medien („Vierte Gewalt“) und ihrer kritischen Begleitung auf den Medienseiten gravierend genug.

Allerdings macht die unscharfe Profilierung und Definition des Beobachtungsgegenstands die Sache nicht einfacher. Kritische Medienanalyse oder unverbindliche Branchen-News und Programmvorschau? Wo Verlage / Sender die Richtung nicht vorgeben, besorgen es viele Kollegen selbst. „Viele Medienjournalisten betrachten sich weniger als investigative Medienwächter, sondern in erster Linie als neutrale Berichterstatter“, so die Herausgeber. Wo aber auf fundierte Medienkritik verzichtet wird, haben die PR-Strategen mit irrelevanten Pressemitteilungen und „arrangierten Pseudo-Ereignissen“ umso leichteres Spiel.

Zur Sicherung der Qualität einer kritischen Medienberichterstattung fordern Beuthner / Weichert einen Rahmen für redaktionsunabhängiges Arbeiten. Unter anderem schwebt ihnen eine bundesweite Interessenvertretung für Medienjournalisten vor, die sich mit aktuellen Problemfällen Betroffener befasst und – analog zum Presserat – Rügen gegenüber Chefredakteuren und Verlegern aussprechen kann. Ob dies der Weisheit letzter Schluss ist, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

Michael Beuthner / Stephan Alexander Weichert (Hrsg.):

Die Selbstbeobachtungsfalle

Grenzen und Grenzgänge des Medienjournalismus

VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005

432 Seiten

39,90 Euro

ISBN 3531142151

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