Plädoyer für eine neue medial-digitale Aufmerksamkeit

European Newspaper Congress in 2016 Wien Foto: Medienfachverlag Oberauer/APA-Fotoservice/Schedl

Wohin entwickeln sich Journalismus und „Content” in einem Klima gesellschaftlicher Hyper-Erregung? Diese aktuelle Frage, der sich Medienmacher_innen in ihrer täglichen Arbeit stellen müssen, treibt auch Matthias Horx um, der allerdings einen anderen Zugang sucht: „Wir werden nicht durch schlaue Antworten klüger, sondern durch kluge Fragen.“ Der Zukunftsforscher stellte auf dem European Newspaper Congress (ENC) Anfang Mai in Wien ein ganzheitliches systemisches Modell vor, mit dem sich die Wechselwirkung zwischen Technologie und Gesellschaft prognostizieren lässt.

Horx analysiert die Entwicklung von Wissen, Information und Inhalten im Wandel kultureller und kommunikativer Techniken. Er kritisiert im Ergebnis das „doppelte Geschäftsmodell“, das viele Medienhäuser sowohl analog als auch digital verfolgen: Beim Konsumenten zuerst Angst erzeugen, um ihn dann zu beruhigen. Horx warnte vor dem Spiel mit den Emotionen: „Alarmismus und die Erosion des Wirklichen erzeugen Panik und eine gesellschaftliche Grundstimmung, die Politikverdrossenheit und Lügenpresse-Vermutungen begünstigen.“ Gerade weil die geradezu toxische Erregungskurve in den Medien fast täglich weiter nach oben gepeitscht würde, wachse das Bedürfnis nach Orientierung – seriöser, fundierter Information und kompetenter Einordnung von Themen. Wer sich mit journalistischer Autorität und echter Relevanz profilieren könne, hätte langfristig bessere Überlebenschancen.
Die heute weit verbreitete Mischung aus Irritation und Entertainment, mit der die Mediennutzer permanent überflutet würden, bezeichnete der ehemalige Zeit-Redakteur als „Irritainment“, das ein „Brei“-Syndrom auslöse: „Der Overkill führt zur Ermüdung und bei vielen sogar zum totalen Abschalten oder ignorieren des Medienrauschens“, so Horx. Der Futurologist meint: „Wir sind mitten in einer digitalen Revision.“ Aktuelle Erscheinungen wie „Smombies“ (Wortschöpfung aus Smartphone und Zombie) sind für Horx unmissverständliche Zeichen für so genannte Kategorienfehler, also unkontrollierte „Entgleisungen“ des Systems, die auftreten. Die oft social-media-süchtigen Smombies sind für Horx Warnzeichen an die Gesellschaft: „1000 Freunde bei Facebook – das ist die neue Einsamkeit.“ Die allgemeine Skepsis wachse und viele Trendsetter und Prominente flüchteten gar ganz aus der virtuellen Welt. Das entspricht der Aussage des Medienpioniers Sascha Lobo, der kürzlich das Internet als „kaputt“ bezeichnete.
Horx plädiert für eine neue medial-digitale Achtsamkeit, bei der es vielen darum gehe, ihre Lebensballance und informelle Selbstbestimmung wieder zu gewinnen: „Aber es geht nicht um den Abschied von der digitalen Welt, sondern um einen achtsamen, selbstbestimmten Umgang mit ihr.“ Konstruktiver Journalismus, der nach Lösungen sucht und Orientierung bietet, habe einen festen Platz in dieser neuen Medienwelt, so Horx.

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