Antisemitismus-Doku: Keine guten Lösungen

Diskussion zur Antisemitismus-Doku im Grimme-Institut: (v.l.n.r.) Grimme-Direktorin Frauke Gerlach, der Journalist René Martens, Marc Neugroschel, Moderator Volker Wieprecht, WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn, die Journalistin Mirna Funk, Fritz Wolf
Foto: Torsten Kleinz

Nach der Ausstrahlung der umstrittenen Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“ sind die Fronten verhärtet. Während der WDR handwerkliche Mängel für den Eklat verantwortlich macht, werfen Unterstützer_innen des Films dem Sender doppelte Standards vor. Auch eine Diskussion des Grimme-Instituts konnte keine Annäherung bringen.

Selten hat eine Dokumentation eine solch intensive Debatte ausgelöst. Hatte die Nicht-Ausstrahlung der Dokumentation von Joachim Schröder und Sophie Hafner über Monate zu immer mehr wütenden Artikeln geführt, die eine Zensur durch die auftraggebenden Sender Arte und WDR insinuierten, ging die Entwicklung nun Schlag auf Schlag. Durch die Ausstrahlung auf bild.de in der vergangenen Woche sahen sich die Verantwortlichen von Arte und WDR schließlich zur Ausstrahlung in den eigenen Programmen genötigt – stellten dem Film aber einen äußerst kritischen Faktencheck entgegen.

Bei einer vom Grimme-Institut veranstalteten Diskussion im Haus des Wissens in Bonn verteidigte WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn das Vorgehen seines Hauses. Demnach habe der WDR aktiv an einer Lösung des Problems gearbeitet, was aber mehr Zeit benötigt hätte. Seitens Arte sei die Ausstrahlung der Dokumentation erst im April definitiv abgelehnt worden, woraufhin der Sender in Köln in eigener Zuständigkeit mit einer Prüfung des Films begonnen habe. Diese wäre voraussichtlich noch im Juni abgeschlossen gewesen, so dass die Arbeit an einer neuen veröffentlichungsfähigen Fassung hätte beginnen können.

Schönenborn widersprach der Vermutung, dass die Senderverantwortlichen die Ausstrahlung des Films verhindern wollten, weil ihnen die schonungslose Darstellung des Antisemitismus nicht gepasst habe. So seien derzeit zwei andere Dokumentationen zum Antisemitismus in Arbeit.

Ein Film mit Fußnoten

„Wir sind nicht stolz darauf, was passiert ist“, sagte Schönenborn. Da aber im Internet ein Werk mit dem Namen des WDR ausgestrahlt worden sei, habe man sich zur Ausstrahlung einer Fassung entschieden, die einerseits von den Produzent_innen nachgebessert worden, andererseits vom WDR nochmal in Eigenregie überarbeitet worden sei. So wurde die Dokumentation in der WDR-Fassung um Kommentare zu einzelnen Szenen ergänzt, eine dauerhaft eingeblendete Laufschrift verwies die Zuschauer_innen auf einen Faktencheck im Internet.

Diese Lösung stellte aber offenbar keine Seite zufrieden. Fritz Wolf, Medienkritiker und Juror für den Grimme-Preis, bezeichnete die Fassung als „unsehbar“. Der Zuschauer habe auf diese Weise weder dem Film noch den Einwänden gegen ihn folgen können. „Ich finde, es ist eine unglückliche Lösung gewesen“, sagte Wolf und ergänzte: „Aber ich sehe keine glücklichen Lösungen mehr.“

Dabei äußerte er großes Verständnis, dass die Sender die Dokumentation in dem derzeitigen Zustand nicht ausstrahlen wollten. So seien die Filmemacher_innen erkennbar nicht daran interessiert gewesen, die Realität abzubilden, sondern hätten nur Aspekte in den Film eingebracht, die ihrer vorgefassten These entsprächen. Unverständnis zeigte Wolf aber auch gegenüber den Sendern: Es sei nicht nachvollziehbar, warum die Mängel des Films nicht im normalen Produktionsprozess beseitigt worden seien.

Doppelte Standards?

Zu einem anderen Schluss kommt der Journalist Marc Neugroschel, für den die Mängel der Dokumentation eher nebensächlicher Natur sind. Er verteidigte die Entscheidung der Filmemacher_innen, einen wesentlichen Teil der Sendezeit auf eine Spurensuche in Israel zu verwenden, obwohl das beauftragte Thema der Antisemitismus in Europa war. „Selbstverständlich ist es unbedingt notwendig, die Realität in Israel zu zeigen, um die antisemitischen, um die anti-israelischen Klischees aufzuschlüsseln“.

Zudem habe der WDR doppelte Standards angewendet. So habe der Sender selbst bei umstrittenen Dokumentationen wie der über den niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders nicht zu so extremen Mitteln gegriffen wie der Untertitelung. Dass es ausgerechnet bei einer Dokumentation über Antisemitismus zu einem solchen Eklat komme, sei bemerkenswert. Neugroschel warf dem WDR auch eine falsche Darstellung des Prozesses vor. So habe es monatelang keine Kommunikation zwischen den Sendeverantwortlichen und den Produzent_innen gegeben, erklärte der Journalist in Absprache mit Joachim Schröder.

Der Dokumentarfilmer will sich unterdessen zur Wehr setzen. In einer wieder bei bild.de ausgestrahlten Diskussion warf Schröder dem WDR vor, den Faktencheck zur Stimmungsmache genutzt zu haben. „Das ist ein Konvolut von hastig zusammengesuchten Meinungen, größtenteils von jenen, die unseren Film hassen“, sagte er laut dem Branchendienst Meedia. Auf diese Vorwürfe wolle er nun fundiert antworten und diese Antwort auch von einem Anwalt begleiten lassen.

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