Zentralredaktionen als Vielfaltskiller

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„Parlamentsjournalismus im technischen und ökonomischen Medienwandel“ war der Titel einer Debatte im Rahmen der Konferenz „Formate des Politischen“ am 8. November im Atrium der Bundespressekonferenz (BPK). Im Fokus der Diskussion stand schnell die wachsende Rolle der Zentralredaktionen und ihre Folgen für die publizistische Vielfalt in Deutschland. Eingeladen hatten der Deutschlandfunk, die Bundeszentrale für politische Bildung und die BPK.

„Es gibt keinen Mangel an Vielstimmigkeit, aber Vielstimmigkeit darf nicht mit Vielfalt verwechselt werden“, zitierte Medienjournalistin Ulrike Simon in ihrer Einführung den Intendanten des Deutschlandradios, Stefan Raue. Drei große Zentralredaktionen liefern mittlerweile aus Berlin Texte mit überregionalen Inhalten an unterschiedlich große Netzwerke von Regionalzeitungen: Das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) aus dem Hause Madsack, die Funke-Mediengruppe (Ex-WAZ) und im Südwesten der Republik die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH). Die Entstehung der Zentralredaktionen sei eine direkte Folge der Krise des bisherigen Print-Geschäftsmodells. Mit dem Rückgang der Anzeigen- und Vertriebserlöse seien immer mehr Verlage dazu übergegangen, auf eigene Hauptstadtkorrespondenten zu verzichten. Stattdessen werde jetzt auf die Dienste der Zentralredaktionen zurückgegriffen. Diese belieferten, je nach Verbreitungsgebiet, bis zu 40 regionale Redaktionen mit teilweise identischen Texten.

Verlust oder Bereicherung? Für Simon erscheint die Entwicklung unvermeidbar. Die Alternative wäre eine weitere Ausdünnung der einzelnen Redaktionen und ein verstärkter Rückgriff auf Agenturen, vor allem dpa. „Das wäre dann in der Tat ein Einheitsbrei gewesen“, so Simon. Der Nachteil sei eine gewisse publizistische Eintönigkeit: „Jede Zeitung habe „ihren eigenen Sound, ihre eigene Seele, eine eigene Art, Themen anzugehen“. Diese Vielfalt gehe mit dem neuen Modell verloren.

Gordon Repinski, Leiter der Hauptstadtredaktion des RND in Berlin, zugleich stellvertretender RND-Chefredakteur bei Madsack, pries die Vorzüge einer zentralen Berichterstattung. Die große Reichweite erleichtere es, an Interviews mit Entscheidungsträgern aus der Politik zu kommen. „Dadurch haben wir die Möglichkeit, für die Leser unserer Regionalzeitungen exklusive Inhalte und Interviews zu bringen, die diese Leser bis dahin noch gar nicht kannten“. Er bekomme viele positive Rückmeldungen aus den vom RND bespielten Regionen. Das Redaktionswerk sei „kein Satellit, der irgendwo schwebt, sondern wir sind ein Teil dieser Zeitungen“.

Anja Maier, Parlamentskorrespondentin der alternativen Tageszeitung hat da ganz andere Probleme. Das einzige Interview mit der Kanzlerin habe das Blatt im vergangenen Jahr wahrscheinlich nur bekommen, „weil Merkel  damals eine Koalition mit den Grünen machen wollte“. Zum 40. Geburtstag der taz erwägt die Geschäftsführung, ab 2022 – abgesehen von der Wochenendausgabe – nur noch digital zu erscheinen. Als überregionale Tageszeitung mit einer werktäglichen Auflage von nur noch 46.000 Exemplaren (27 000 Abos) mag sie sich die immensen Druck- und Vertriebskosten nicht länger leisten.

Cornelia Haß, Bundesgeschäftsführerin der dju in ver.di, verwies auf die beträchtlichen personellen Einschnitte im Gefolge der Neuorganisation vieler Zeitungen. Durch den Abbau von Redakteursstellen gehe viel Expertise verloren. Der Wirtschaftsteil etwa der Berliner Zeitung habe „den besten Blick auf die ökonomische Entwicklung im deutschen Osten“ geliefert. Die ursprüngliche Hoffnung sei gewesen, im Verbund mit der DuMont-Hauptstadtredaktion, mit den Kolleg_innen von der Frankfurter Rundschau, mehr Zeit für die Recherche zu bekommen. „Diese Hoffnungen haben sich nicht erfüllt.“ Von den damals zuständigen Redakteur_innen sei inzwischen niemand mehr an Bord.

RND-Mann Repinski räumte ein, auch er trauere gelegentlich alten Zeiten nach, als den Redaktionen  noch mehr Personal und Korrespondenten zur Verfügung gestanden hätten. Jetzt aber müsse die Branche jährliche Auflagenverluste von drei bis fünf Prozent und Anzeigenverluste in zweistelliger Höhe verkraften. Es gehe also nicht mehr darum, ob Zeitungen sich künftig in „dpa-Wüsten“ verwandelten, sondern eher um die Frage, „ob Zeitungen überhaupt überleben können“. Das Modell Zentralredaktion trage mit dazu bei, „dass es in Einbeck, Schaumburg  oder Wolfsburg noch eine Regionalzeitung gibt“. Erreicht werde dies mit einer „Bündelung der Kräfte“. Dadurch sei es auch möglich, bei Madsack in Hannover eine „Digitalredaktion mit 70 Leuten“ aufzubauen.

Für Cornelia Haß geht mit der wachsenden Bedeutung von Zentralredaktionen tendenziell die Identifikation der Leser_innen mit der regionalen Marke verloren. Allein beim Funke-Blatt WAZ habe sich die Anzahl der Stellen in den Regionalredaktionen in den letzten Jahren halbiert. Zudem werde die wirtschaftliche Situation der Verlage schlechter dargestellt, als gerechtfertigt sei. Die Branche sei „keine Leiche, die mühsam wiederbeatmet werden muss“. Die Umsatzrendite der großen Verlage liege immer noch bei sieben bis zwölf Prozent und damit wesentlich höher als etwa im Handel oder in der Automobilbranche. Zu übertriebenem Katastrophengerede bestehe daher kein Anlass. Anstatt Ressourcen in „immer größere Trichter zu schütten, aus denen immer mehr Einheitliches herausfließt“,  sei es an der Zeit, in neue Ideen zu investieren: „ins Lokale, ins Regionale, ins Digitale“.

 

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