Wie sollten sich journalistische Arbeit und Selbstverständnis in einer plattformdominierten Öffentlichkeit verändern, um Demokratie und Pressefreiheit zu schützen? Engagiert diskutierten darüber etwa 200 Medienschaffende auf dem diesjährigen dju-Journalismustag am 31. Januar 2026 im Berliner unter dem Motto „The Good, The Bad, The Journ@list – Zwischen Creator Economy, News Fatigue und berufsethischen Standards“ im Berliner ver.di-Haus.
„Journalismus ist mehr als ein Algorithmus“, stellte Christoph Schmitz-Detlefsen vom ver.di-Bundesvorstand eingangs klar. Er brauche Haltung, Organisationen und Menschen, die sich einmischen. Schmitz-Detlefsen skizzierte für den 38. Journalismustag das Problemfeld von der internationalen Entwicklung einer Tech-Oligarchie bis zum vielfältigen Druck auf Medienschaffende, dem Gewerkschaften und Zivilgesellschaft gemeinsam entgegen treten sollten.
Exit-Strategie aus der Abhängigkeit von Big Tech
Ein flammendes Plädoyer für digitale Souveränität hielt in der Keynote Markus Beckedahl vom Zentrum für Digitalrechte und Demokratie. Dies allein könne die Machtkonzentration im Digitalen, dominiert von Donald Trump-freundlichen Tech-Konzernen, eindämmen. „Jeder Tweet auf X stärkt die Macht von Elon Musk“, warnte er. Wer die Algorithmen kontrolliere, bestimme auch, was die Öffentlichkeit erfährt. So seien Berichte über ICE in Minneapolis unterdrückt worden, nachdem Milliardär Larry Ellison TikToK in den USA übernommen hatte. Beckedahl rief dazu auf, alternative Dienste wie etwa Signal zu nutzen und auf Open-Source-Software wie Linux umzustellen. Deutschland mache sich erpressbar, wenn alle Daten in den Clouds von Microsoft, Amazon und Google landeten und eine Regierung bei EU-Regulierungen der Tech-Konzerne abwägen müsse zwischen „Autozöllen oder Demokratie“.
Aus Angst vor Trump aber auch aus Bequemlichkeit machten sich deutsche Politik und Medien viel zu wenig Gedanken über eine Exit-Strategie, kritisierte Beckedahl und lobte demgegenüber die Umstellung der Behörden in Schleswig-Holstein auf Open-Source-Programme und die Public Space Initiative des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Gleichzeitig brauche es viel mehr Investitionen für die Sicherung von digitaler Souveränität und Demokratie. Durch den wachsenden Rechtsextremismus seien sie bereits jetzt gefährdet – wie zahlreiche und wachsende Angriffe auf Zivilgesellschaft und Medienorganisationen zeigen. Beckedahl erklärte, noch gäbe es die Wahl, gemeinsam für einen „demokratischen Basar“ zu kämpfen.
Periphere Medienakteur*innen nicht ausgrenzen
Nach dem kritischen Blick auf Strukturen ging es um die Rolle von Medienakteur*innen in der digitalen Welt und wie sich journalistische Arbeit und Selbstverständnis verändern. Daten zum Berufsfeld in Deutschland werden im Rahmen der internationalen Befragung „Worlds of Journalism“ erhoben – geknüpft an Kriterien, die nur „einen Teil der journalistisch Tätigen“ erfassen, so die Hamburger Medienforscherin Anna von Garmissen. Sie ist mitverantwortlich für eine Teilstudie, in der neben Journalist*innen in Deutschland, Österreich und der Schweiz im „Kern“ erstmals auch über 350 Medienakteur*innen am „Rand“ der Profession befragt wurden. Es gibt kaum Unterschiede – lediglich beim Einkommen, wo der „Rand“ sehr viel weniger verdient. Politisch seien sie eher links eingestellt, doch die identifizierten Macher*innen eher rechter Medienangebote „wollten bei der Befragung nicht mitmachen“, gab von Garmissen zu bedenken.
Beim journalistischen Rollenverständnis gibt es viele Gemeinsamkeiten: Beide Gruppen wollen das „aktuelle Geschehen einordnen“, informieren und zur Meinungsbildung beitragen, Ethik hat einen großen Einfluss auf ihre Arbeit. Viele periphere Medienakteur*innen stammen aus dem journalistischen Kern. Diese „Weltenwanderer“ unterscheiden sich von ihren Kolleg*innen im Kern dadurch, dass sie stärker etwas bewegen, vernachlässigte Themen aufgreifen und Problemlösungen aufzeigen wollen. Dabei orientieren sie sich an journalistischen Prinzipien. Von Garmissen: „Wir sollten sie nicht ausschließen – gerade jetzt!“
„Wir stehen an einem Kipp-Punkt, werden von Infos geflutet und müssen Unterstützung für Vertrauensankerpunkte finden“, sagte sie in der folgenden Fishbowl-Diskussion mit Medienschaffenden von ARD, BR und Presserat, die Publikumsfragen zu journalistischer Identität und Verantwortung vertieften. Als zentrale Aufgaben von Journalist*innen benannten sie Chronistenpflicht, Machtkontrolle, Faktentreue, wobei sie bei unterhaltsamer und persönlicher Ansprache von Influencer*innen lernen könnten. Eine Abgrenzung von Aktivist*innen sei nötig, um glaubwürdig zu sein. Durch die Akademisierung der Profession seien Medien „kein Spiegel der Gesellschaft“, versuchten durch Volovergabe ohne Studium aber mehr Diversität in die Redaktionen zu bringen. Es gab Anregungen wie durch „einfache Sprache“ Texte verständlicher zu gestalten und bei wichtigen vernachlässigten Themen wie Klima Nachrichtenwerte zu hinterfragen.
Neue Zielgruppen gewinnen
In ihrem Film „Ein paar Sekunden Aufmerksamkeit“ zeigten Schülerinnen der Deutschen Journalisten Schule (DJS), wie Medien durch Social Media neue Zielgruppen gewinnen wollen. Bei ihrem Blick in der TikTok-Redaktion „Hochkant“ von Zeit Online wurde deutlich, welchen Druck die Hosts aushalten müssen, um an der jungen Zielgruppe dranzubleiben. Einer sagt süffisant: „Ich bekomme Hates für Augenbrauen und fürs Dasein!“
Durch spielerisches Denken neue Zielgruppen gewinnen will Matthias Leitner, der beim Bayrischen Rundfunk neue journalistische Konzepte und Formate entwickelt. Er verwendet immer wieder Elemente, die üblicherweise in Computerspielen die Motivation der Gamer steigern sollen. Bei „Ich, Eisner!“ widmete er sich mit seinem Team einem historischen Thema über ein Messenger-Format wie WhatsApp, das sie täglich nutzen. Kurt Eisner, der erste bayrische Ministerpräsident, schildert dort im Chat seine Sicht auf die Jahre 1918 bis zu seiner Ermordung im Februar 1919. In dem Virtual-Reality-Projekt „München 72“ können Menschen die Ereignisse rund um das palästinensische Olympia-Attentat per spezieller Computerbrille unmittelbar nacherleben. Beim „ARD Game Jam“ entwickeln Programmier-Teams innerhalb von 48 Stunden neue Computerspiele.
Matthias Leitner hält die Verwendung spielerischer Elemente im Journalismus nur für eine von vielen weiteren neuen Ansätzen. Allerdings sei die neue digitale Realität, in der sich die meisten Menschen bewegen, genau mit solchen Elementen aus der Spielewelt durchzogen. Darum sollten Medien versuchen, die Menschen dort abzuholen, wo sie sich bevorzugt aufhalten. Sein Plädoyer zum Abschluss seines Vortrags: „Der Journalismus sollte sich von der Rolle des reinen Beobachters lösen und stärker zum Gestalter der neuen digitalen Welt werden.“
Arbeitsbedingungen von Medienschaffenden
Danach teilte sich das Plenum in vier Workshops auf. Stefanie Bilen von der Hamburg Media School gab Tipps, wie sich Journalist*innen als Marke positionieren können. Das sei für viele Menschen, die in den Medien arbeiten, immer noch ein Tabubruch. Dabei bieten Social Media oder ein eigener Podcast gute Chancen, um sich über die journalistische Rolle hinaus auch als führende Stimme für bestimmte Themen zu etablieren.
In einer anderen Gruppe empfahl Mitsuo Iwamoto vom taz Zukunftsressort nach Themen zu recherchieren, die eine Geschichte mit dem Blick nach vorne gerichtet erzählt. Da nach einer aktuellen Studie 71 Prozent der Befragten in Deutschland zumindest gelegentlich den Nachrichtenkonsum vermeiden, brauche es einen anderen Ansatz für Geschichten und die Art und Weise sie zu erzählen. Dabei gehe es darum, dem Publikum immer wieder auch Lösungen für Probleme aufzuzeigen und über Beispiele zu berichten, in denen etwas gut funktioniert.
Um prekäre Arbeitsbedingungen und mangelnde Wertschätzung für Community-Redaktionen ging es im Workshop der Neuen deutschen Medienmacher*innen NdM. Sie fordern „Community Management“, das Fakten checkt und Kommentare moderiert, als neues journalistisches Berufsfeld anzuerkennen. Elena Kountidou und Eda Öztürk berichteten von Gesprächen in neun Redaktionen, wo die Menschen unter enormem Zeitdruck, großer psychischer Belastung und mit schlechter Bezahlung arbeiten. Die Workshopteilnehmenden waren sich einig, dass Medien die Chance nutzen sollten, durch gut ausgestattete Community-Redaktionen ihre Bindung zum Publikum zu stärken und Vertrauen zu gewinnen.
Über den Druck, dem Menschen in den Medien täglich ausgesetzt sind, sprachen auch die Teilnehmenden des Workshops von Tasnim Rödder von Helpline. Diese Hotline vom Netzwerk Recherche bietet Journalist*innen eine Möglichkeit, sich mit anderen geschulten Kolleg*innen anonym über psychischen Druck oder Ängste im beruflichen Alltag auszutauschen. Aktives Zuhören stehe im Vordergrund, keine vorgestanzten Lösungen, erklärte Rödder. Viel mehr diene das Gespräch als Hilfe zur Selbsthilfe. Denn Zukunftsängste, gerade im Printbereich, seien real und ließen sich nicht einfach wegdiskutieren. Durch das Sprechen werde man sich seiner Lage bewusster, ein wichtiger Aspekt, um Lösungen zu finden.
Gemeinsam Demokratie schützen und Interessen vertreten
Mit vielen neuen Impulsen startete der Journalismustag dann in seine Schlussrunde. Zu Beginn sprach Moderatorin Siri Keil mit der Autorin und Medienkritikerin Nadia Zaboura über das drohende Demokratieproblem, wenn das Vertrauen in Medien weiter zerbröselt. Nach jüngsten Ergebnissen der Mainzer Langzeitstudie zum Medienvertrauen in Deutschland vertrauten nur 27 Prozent der Befragten der Nahost-Berichterstattung, den medialen Berichten im Ukrainekrieg 40 Prozent. Das seien alarmierende Zahlen, betonte Zaboura, weil mit dem Vertrauensverlust in Medien auch ein steigendes Misstrauen in andere Institutionen einherginge. Zum Schutz unserer Demokratie sollten Journalist*innen sagen, was tatsächlich ist und nicht die Sprache von anti-demokratischen Regimen und ihren Akteur*innen ohne Einordnung nachplappern.
Auf dem letzten Panel des Tages sprachen die Teilnehmenden über die Rolle von Plattformen wie TikTok und wie sie immer deutlicher auf den Journalismus einwirken. Nach Ansicht von Marcus Bösch, Herausgeber des Newsletters „Understanding TikTok“, braucht es keine neue Journalismus-Definition. Dinge passierten einfach, ganz egal, ob gerade mit dem Internet ein neuer Kommunikationskanal auftauche, der Einfluss von Bloggern und Plattformen steige oder KI einmal mehr alles veränderte. Für Raphael Klein alias @honeybalecta und Content-Creator sei eine Unterscheidung zwischen Journalist*innen und Creator*innen unsinnig. Für ihn hätten Plattformen und Verlage dasselbe Interesse, nämlich Geld zu verdienen.
Wie gnadenlos dabei zumindest auf Seiten der Plattformen vorgegangen wird, berichteten ver.di-Gewerkschaftssekretärin Kathlen Eggerling und die ehemalige TikTok-Beschäftigte Sara Tegge. Tegge gehörte zu einem Team, das sich um die Content-Moderation und das Training von KI auf TikTok gekümmert hatte. Nachdem die KI dann ausreichend gute Antworten lieferte, wurde den menschlichen Coaches gekündigt. Unter der Federführung von Kathlen Eggeling organisierte ver.di massive Proteste gegen diese Entscheidung. Am Ende rettete diese Aktion zwar keine Jobs, allerdings bekam das Team eine ordentliche Abfindung und eine Menge Respekt für den Mut zum Widerstand. Einig waren sich die Teilnehmenden des Panels über die künftige Rolle von Journalist*innen auf Plattformen wie TikTok. Da dort täglich 23 Millionen Menschen miteinander agierten, dürften Medien als Creator*innen dort nicht fehlen, betonte Marcus Bösch.

