Feiger Anschlag auf Journalisten

Amsterdam Lange Leidsedwarsstraat nach dem Anschlag auf den Kriminalreporter Peter R. de Vries. Die Polizei befragt Passanten. Foto: picture alliance/ANP/Evert Elzinga

Auf den bekannten niederländischen Journalisten Peter R. de Vries wurde am Abend des 6. Juli mitten in Amsterdam ein Anschlag verübt. Der Kriminalreporter war Medienberichten zufolge nach dem Verlassen des Studios von RTL Boulevard in den Kopf geschossen und lebensgefährlich verletzt worden. „Wir sind fassungslos und ringen um Worte. Dieser Anschlag hat den unabhängigen Journalismus und die Pressefreiheit bis ins Mark getroffen“, erklärte die Bundesgeschäftsführerin der dju in ver.di, Monique Hofmann.

De Vries und seiner Familie, den niederländischen Journalistinnen und Journalisten und allen freiheitlich denkenden Bürgerinnen und Bürgern drückte die Gewerkschafterin „ihre Anteilnahme und Solidarität aus“. Die Regierungen in Europa und in Deutschland rief Hofmann auf, schnell zu handeln und wirksame Maßnahmen zum Schutz von Medienschaffenden zu ergreifen. „Daphne Caruana Galizia, Jan Kuciak, Giorgos Karaivaz und nun der hinterhältige Mordanschlag auf Peter R. de Vries in unserem Nachbarland. „Was muss noch geschehen, damit auch die letzten Politiker*innen verstanden haben, dass Journalist*innen auch in Deutschland nicht mehr sicher sind?“

Drei Verdächtige wurden nach Angaben der Polizei festgenommen, darunter auch der vermutliche Schütze, berichtete dpa. Aber über die Hintergründe der Tat wurde noch nichts mitgeteilt. Eine Sonderkommission ist eingesetzt worden. Der Anschlag hat das Land geschockt, TV-Sender berichteten in Sondersendungen über die Tat. Premierminister Mark Rutte sprach in der Nacht zum Mittwoch von einem „Anschlag auf den freien Journalismus.“ Politiker mehrerer Parteien und die Journalistengewerkschaft reagierten entsetzt.

De Vries ist der führende Kriminalreporter der Niederlande und tritt regelmäßig auch als Sprecher von Opfern oder Zeugen bei Prozessen auf. Regelmäßig ist er auch Gast bei TV-Talkshows. Derzeit ist er die Vertrauensperson eines Kronzeugen im Prozess gegen Ridouan Taghi: Dem mutmaßlichen Boss einer international agierenden Bande wird wegen zahlreicher Mordaufträge und Drogenschmuggels im großen Stil der Prozess gemacht. Im Zusammenhang mit dem Verfahren war bereits 2019 der Anwalt des Kronzeugen erschossen worden.

International bekannt wurde der Reporter 1987 mit seinem Bestseller über die Entführung des Bierbrauers Freddy Heineken. 2008 gewannt er einen Emmy Award für seine Reportagen über den Fall von Natalee Holloway. Die Amerikanerin war 2005 auf Aruba verschwunden und vermutlich von einem Niederländer getötet worden.


Aktualisierung am 19. Juli 2021

Peter R. de Vries verstorben

Etwas mehr als eine Woche nachdem Peter R. de Vries in Amsterdam auf offener Straße niedergeschossen wurde, als er ein Fernsehstudio verlassen hatte, erlag der niederländische Kriminalreporter seinen Verletzungen.

Niederländischer Journalist Peter de Vries ist gestorben – DWDL.de

 

 

 

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Rassismus in Redaktionen

Das Kitt Kollektiv hat 200 Menschen, die in Redaktionen arbeiten nach ihren Rassismuserfahrungen gefragt: 90 Prozent gaben an, ihn erlebt zu haben, erklärt Sarah Zaheer im Interview mit der taz. Journalismus in Deutschland hat ein Vielfaltsproblem - können einzelne Programme, die Medienhäuser und Organisationen inzwischen etabliert haben, das Problem tatsächlich verändern?
mehr »

Krasse Kürzungen bei ARD und ZDF

  Für 58 Cent bekommt man heutzutage beim Bäcker allenfalls ein Brötchen von gestern. Dennoch haben einige Bundesländer ARD und ZDF eine entsprechende Erhöhung der Rundfunkabgabe auf monatlich 18,94 Euro verweigert. Trotz einer Verfassungsbeschwerde der Sender wird der Beitrag erst 2027 steigen, und dann wohl nur um 28 Cent. Vor allem innerhalb der ARD muss daher noch mehr gespart werden. Das schließt auch einen weiteren Stellenabbau mit ein.
mehr »

Medien-NGOs im Visier der Rechten

In Deutschland nehmen die Angriffe auf zivilgesellschaftliche Organisationen zu – angefeuert von extrem rechten Akteur*innen aus Politik, Medien und PR. Ihre Diffamierungs- und Desinformationskampagnen zielen darauf, vor allem Nichtregierungsorganisationen, finanziell auszutrocknen. Damit gefährden sie auch die Arbeit demokratischer Medienprojekte.
mehr »

Filmtipp: Was haben wir gelacht

Der Dokumentarfilm „Was haben wir gelacht“ mit Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Gaby Köster und Esther Schweins blickt facettenreich, differenziert und  kurzweilig aus weiblicher Perspektive auf die Rolle der Frau in der Fernsehunterhaltung der Neunziger- und Nullerjahre. Eva Müller und Isabel Schneider dokumentieren mit Hilfe vieler Show-Ausschnitte, wie misogyn und homophob diese Zeit war.
mehr »