GMF: Journalismus hat existentielle Relevanz

Friedensnobelpreisträgerin Maria Ressa auf dem Global Media Forum 2022 in Bonn Foto: GMF 2022 / Deutsche Welle

„Die Schlacht um Fakten“ finde überall in der Welt statt und jeder Einzelne könne etwas dagegen tun, sagte Friedensnobelpreisträgerin Maria Ressa bei der Eröffnung des Global Media Forum (GMF) der Deutschen Welle in Bonn. Unter dem Titel „Shaping tomorrow, now!“ diskutierten an zwei Junitagen über 2000 Medienschaffende aus 120 Ländern, wie Journalismus, Medienfreiheit und die Zivilgesellschaft gestärkt werden können, um weltweite Krisen – Klimawandel, Covid-19-Pandemie oder Ukrainekrieg – zu bewältigen. Einige Schlaglichter. 

„Wenn wir keine Fakten haben, haben wir keine Wahrheit, und wenn wir keine Wahrheit haben, haben wir kein Vertrauen“, konstatierte die philippinische Investigativjournalistin Ressa. Sie erläuterte, welche Rolle Technologie, Journalismus und die Community dabei spielen, wenn das Vertrauen, das illiberale Regierungen zerstört haben, wieder gewonnen werden soll. Problematisch sei die von den großen Plattformen dominierte Technologie, die Hate Speech und Lügen schneller als Fakten und Wahrheiten verbreiten: „Die Freiheit der Informationsverbreitung ist eine Freiheit der Lügen!“ Deshalb seien kartellrechtliche Regulierungen, Schutz privater Daten oder User-Sicherheit so wichtig. Gesetze zur Einschränkung von Plattformmacht wie der Digital Service Act kämen „zu spät“. 

In den Philippinen ist das Fernsehen nach wie vor das beliebteste Medium, doch nach dem diesjährigen Digital News Report wächst der Online-Nachrichtenkonsum, wobei Facebook mit 73 Prozent dominiert. „Wir müssen die Technik nutzen“, sagte die Chefin der Website „Rappler“, die sie 2012 mitgründete. Wie wichtig unabhängige Informationsquellen sind, habe der Wahlkampf im Frühjahr gezeigt, so Ressa, denn „ohne die Integrität der Fakten kann man auch keine integren Wahlen erwarten“. Der neue Präsident Ferdinand Marcos Junior, Sohn des verstorbenen Diktators, habe die Bevölkerung mit Desinformationen überschwemmt und Journalist*innen diskriminiert – auch sie selbst und „Rappler“. Bereits im November vergangenen Jahren starteten Newsgroups eine Factchecking-Initiative. Doch es reiche nicht, Fakten zu überprüfen. Man müsse den Menschen, die an die Lügen glaubten, auch vermitteln, wie sie manipuliert würden und wer davon profitiere. Da die Pressefreiheit weltweit bedroht ist, sollten demokratische Regierungen in einen internationalen Fonds einzahlen, der Plattformen im öffentlichen Interesse unterstützt. Ressa: „Wir müssen die Demokratie verteidigen!“

Ressa riss in ihrer kämpferischen Rede viele Themen an, die an den beiden Konferenztagen vertieft wurden. Bei den “rote Linien“ zwischen Journalismus und Aktivismus zeigten sich unterschiedliche Perspektiven – abhängig von der Situation in den jeweiligen Ländern. DW-Intendant Peter Limbourg etwa meinte: “Wir müssen Fakten bringen und das ganze Bild zeigen!“ Der kenianische Umweltjournalist und Trainer Kiundu Waweru will mit seinen Geschichten mehr ökologisches Bewusstsein schaffen, den Zugang zu Informationen erhalte er als Aktivist. Die ukrainische Journalistin Angelina Kariakina meinte, auch wenn sie Teil des Kriegsgeschehens sei, arbeite sie nicht weniger professionell: “Wenn du jemandem hilfst, ist das eine Frage der Menschlichkeit!“

Menschenrechte und Demokratie als Richtschnur für journalistisches Arbeiten waren genauso unbestritten wie die Notwendigkeit von mehr Diversity in den Redaktionen, um möglichst viele Perspektiven zu repräsentieren. Mehr Nähe zu den Menschen vor Ort, aber auch mehr Verständnis für die in anderen Ländern und für Zusammenhänge und Hintergründe von Konflikten sollten den Journalismus von morgen prägen. Einig waren sich auch alle, dass Medien sich nicht in Abhängigkeit von großen Plattformen begeben dürfen – auch wenn sie deren Reichweite nutzen, um ihr Publikum zu erreichen. Eine Transparenz der Algorithmen solle polarisierende Inhalte verhindern.   

Statt Aktualität Lösungsorientierung

Der zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft könne mit konstruktivem Journalismus begegnet werden. Ulrik Haagerup, Gründer und Chef des Constructive Institute an der Universität Aarhus, sagte: „Die Leute interessieren sich eher für Lösungen als für Probleme.“ Er forderte eine neue Rahmung für den Journalismus, der bei den Sorgen der Menschen und existentiellen Problemen ansetzt und zeigt, was wir dagegen tun können. 

Auch der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen meinte, der Journalismus stehe angesichts der digitalen Revolution vor der Herausforderung, „seine Autorität neu zu begründen“. Die Klimakrise zeige etwa, wie wichtig eine Orientierung auf „existenzielle Relevanz“ sei, das heißt, nicht die Aktualität eines Problems ist wichtig, sondern seine Dauer. In der Politikberichterstattung müssten Journalist*innen sich von den Klatschgeschichten und Machtspielchen-Mustern verabschieden. Es gelte einen transparenten, dialogischen Journalismus zu befördern, der im menschlichen Miteinandersprechen um Problemlösungen ringt. Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck praktiziere da einen glaubwürdigen, nahbaren Kommunikationsstil, wenn er bei der Suche nach sicherer Energieversorgung „Schmerzarbeit vor Publikum“ betreibt.

Am Beispiel des Ukrainekriegs erläuterte Pörksen weitere Herausforderungen. Gegen Desinformationen sei Medienbildung die beste Präventionsmethode. In Finnland gebe es zum Beispiel an allen Schulen ein landesweites Bildungsprogramm gegen russische Propaganda. Beim „Factchecking hoppeln wir hinterher“, so Pörksen und forderte ein „Prebunking“ statt „Debunking“, das heißt, schon im Vorfeld gegen Falschnachrichten vorzugehen, statt erst im Nachhinein darüber aufzuklären. US-Geheimdienste und ukrainische Politiker hätten das gemacht, als erste russische Fake-Narrative auftauchten. „Ideologen sind wahnsinnig berechenbar“, ermunterte Pörksen – auch mit Blick auf Impfgegner*innen und ihre Verschwörungserzählungen – zu Gegenmaßnahmen wie  „seriöse Narrative bedienen “ und „mit Nicht-Erreichbaren ins Gespräch kommen“.  


DW-Preis für Pressefreiheit an ukrainische Journalisten

„Manchmal sind Informationen für das Überleben der Menschen wichtiger als Lebensmittel. Dieser Gedanke ließ uns weiterarbeiten, auch wenn es jeden Tag schwieriger wurde“, sagte der ukrainische Journalist Mstyslav Chernov während der GMF-Konferenz, als ihm zusammen mit seinem Kollegen  Evgeniy Maloletka der DW Freedom of Speech Award verliehen wurde. Die beiden wurden für ihre Berichterstattung über den russischen Angriff auf Mariupol im Februar und März gewürdigt. 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Negativrekord der Pressefreiheit

Mehr Übergriffe im Umfeld von Wahlen und eine Rekordzahl von Ländern mit katastrophalen Bedingungen für Medienschaffende. Die Lage der Pressefreiheit hat sich im weltweiten Vergleich weiter deutlich verschlechtert. Dies geht aus der Rangliste der Pressefreiheit 2024 von Reporter ohne Grenzen (RSF) hervor. Der Analyse zufolge befanden sich im vergangenen Jahr 36 Länder in der schlechtesten Wertungskategorie. Das sind so viele wie seit mehr als zehn Jahren nicht.
mehr »

Medienhäuser müssen Journalisten schützen

„Die Pressefreiheit ist auch in Deutschland zunehmend bedroht”, kritisiert die Bundesvorsitzende der Deutschen Journalistinnen- und Journalistenunion (dju) in ver.di, Tina Groll, zum Internationalen Tag der Pressefreiheit. Die dju in ver.di verzeichne mit großer Sorge eine wachsende Anzahl der Angriffe, die die Gewerkschaft für Medienschaffende in einem internen Monitoring festhält.
mehr »

Beitragsanpassung unter der Inflationsrate

Seit die aktuelle Empfehlung der KEF zur Beitragsanpassung vorliegt, gibt es mehrere Ministerpräsidenten, die eine Zustimmung zu einer Erhöhung kategorisch ausschließen. Dabei hatte das Bundesverfassungsgericht vor drei Jahren bereits geurteilt, dass sich ein Bundesland dem Vorschlag der KEF im bislang gültigen Verfahren nicht einfach so widersetzen darf. M sprach mit dem KEF-Vorsitzenden Prof. Dr. Martin Detzel über die aktuelle Debatte um die Rundfunkfinanzierung.
mehr »

Filmtipp: Die Mutigen 56

Hin und wieder ist es gar nicht verkehrt, sich bewusst zu machen, wie gut es uns in vielerlei Hinsicht geht. Jedenfalls gemessen an anderen Zeiten. Vieles von dem, was uns heute selbstverständlich erscheint, musste erst erkämpft werden, zum Beispiel die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall; davon erzählt das sehenswerte Dokudrama „Die Mutigen 56 – Deutschlands längster Streik“.
mehr »