Berliner Zeitung expandiert nach Osten

Foto: Christian von Polentz/ transitfoto.de

Der Verleger Holger Friedrich hat offenbar Sympathien für den Kreml und die AfD. Nun bringt er die Ostdeutsche Allgemeine als „Leitmedium“ für Ostdeutschland auf den Markt. Was tut der Konkurrent Madsack, an dem die SPD beteiligt ist? Er kooperiert mit Friedrich. In der Branche gibt es Erstaunen.

Der neue Nachbar auf dem ostdeutschen Medienmarkt stellte sich im Kampfmodus vor: Die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung (OAZ), Projekt des Ost-Berliner Verlegers Holger Friedrich, begann seine Social-Media-Aktivitäten im neuen Jahr mit einem Posting auf Instagram. In einer dort verbreiteten Kachel hieß es: „Was passiert, wenn eine sozialdemokratische Partei größter Anteilseigner vieler ostdeutscher Zeitungen ist? Die AfD gewinnt.“

Es war ein spöttischer Hinweis auf die Besitzverhältnisse der ostdeutschen Regionalzeitungen, von denen die meisten westdeutschen Großverlagen gehören. Hier konkret ging es um die Madsack Mediengruppe, bei der die SPD mit einem Anteil von knapp einem Viertel größte Kommanditistin ist. Madsack gehören im Osten überwiegend oder ganz die Ostsee-Zeitung in Rostock, die Leipziger Volkszeitung, das Boulevardblatt Morgenpost Sachsen, die Sächsische Zeitung aus Dresden und die Märkische Allgemeine in Potsdam. Gewichtige Player also, an die die OAZ nun appellierte: „Bevor wir über Vertrauen, Wahlergebnisse oder Spaltung reden, sollten wir über Besitz, Perspektive und Nähe sprechen.“

Was sollte das heißen? Dass die Regionalpresse im Osten die AfD mit einer kritischen und – aus Sicht von Friedrich – womöglich gar unfairen Auseinandersetzung erst groß gemacht hat? Dass womöglich die SPD dabei im Hintergrund die Strippen zog?

Der Feuilletonchef der Sächsischen Zeitung, Oliver Reinhard, verstand das Posting der OAZ auf Facebook so: „Der AfD-Erfolg, einfach erklärt von Ideologen für Dummies.“ Er stellte die Gegenfrage: „Was passiert, wenn die Ostidentitäre Allgemeine eine derart miese und verunglimpfende Kampagne startet? Sie startet nicht als Konkurrenz. Sie startet als verlogene Dreckschleuder.“

Seither sind einige Wochen vergangen – und statt gepflegter Feindschaft gibt es nun zwischen dem Madsack-Konzern und dem Ostdeutschen Verlag, in dem die OAZ von Freitag dieser Woche an erscheinen soll, recht überraschend eine Partnerschaft und Geschäftsbeziehung.

Zu Besuch bei Madsack

Zum einen lud Madsack den Verleger Holger Friedrich für Mitte März nach Hannover ein, um als einer von mehreren „Top-Speakern“ auf dem Kongress „The Future of German Media“ über „Innovation und die Zukunft von Qualitätsjournalismus“ zu sprechen. Zum anderen meldete der Branchendienst Horizont vergangene Woche, dass die Ostdeutsche Allgemeine – zunächst in einer Startauflage von 40.000 Exemplaren – in Dresden gedruckt werden soll. Und zwar bei der DDV Mediengruppe, dem früheren Dresdner Druck- und Verlagshaus. Es gehört seit 2024 Madsack.

Beobachter*innen der Medienlandschaft schüttelten den Kopf. Der lange in Sachsen tätige Politikwissenschaftler Dietrich Herrmann postete auf Bluesky: „Mit dem Druck der ostdeutschen Prawda ermöglicht #Madsack eine Schwurbel-Alternative für Abonnenten der verlagseigenen @saechsische.de bzw. #LVZ. Muss man nicht verstehen.“

Der niedersächsischen Geschäftsführerin des Deutschen Journalisten-Verbandes, Christiane Eickmann, früher Betriebsratsvorsitzende beim Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) der Madsack Mediengruppe, entfuhr auf Social Media ein „Seufz“. Ein anderer für Madsack tätiger Journalist sagte, er beobachte die Entwicklung rund um die OAZ „mit wachsendem Grausen“.

Ganz so fulminant, wie Holger Friedrich sein „Projekt Halle“ im vergangenen Jahr noch angekündigt hat, wird das Ost-Blatt nicht starten. Von Regionalausgaben in allen ehemaligen 14 DDR-Bezirkshauptstädten von Suhl bis Rostock ist nicht mehr die Rede. Gedruckt erscheinen soll die Zeitung bloß in einer Ausgabe zum Wochenende. Auch ein werktägliches E-Papier ist nur noch Zukunftsmusik, es soll mindestens zunächst lediglich ein Online-Angebot geben.

Ende vergangener Woche waren die Namen von vier OAZ-Redakteur*innen bekannt. Chefredakteur soll der aus Duisburg stammende Dorian Baganz, Jahrgang 1993, werden, bundespolitischer Korrespondent der Kreml-Propagandist Florian Warweg, früher in leitender Stellung beim russischen Kanal RT Deutsch und zuletzt bei den verschwörungsideologischen Nachdenkseiten. Chefredakteur Baganz produziert die erste OAZ-Ausgabe dem Vernehmen nach in Berlin – und nicht aus den in Dresden angemieteten Redaktionsräumen im Medienhaus Pentacon.

Auf der Homepage des „Projekts Halle“ hieß es derweil in der Rubrik „Für Journalisten: Sie wollen sich einbringen – bewerben Sie sich hier“: „Diese Stelle ist nicht mehr verfügbar. Die Stelle , Journalisten (m/w/d) gesucht – Projekt Halle by Berliner Verlag‘ wurde archiviert oder die Bewerbungsfrist ist abgelaufen.“ Auch bei der Personalgewinnung holpert es offenbar gewaltig.

Das OAZ-Führungspersonal kündigt an, dass es auch „Bürgerreporter“ geben soll, was – Absicht oder nicht? – an die Volkskorrespondenten der SED-Bezirkszeitungen erinnert. Über die AfD solle „neutral“ berichtet werden, heißt es weiter vom Ostdeutschen Verlag. Horizont zitiert Verlagsgeschäftsführer Dirk Jehmlich mit den Worten, die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern im September würden zum „Lackmustest unseres Konzepts“.

Vermeintliche Stimme des Volkes

In der Branche haben viele registriert, dass Holger Friedrich bereits die Berliner Zeitung nach rechts geöffnet hat. Er wird erwartet, dass er diesen Kurs nun auch bei der OAZ vorantreibt. Die Tagesspiegel-Redakteurin Maxi Beigang sagte M: „An der Brandmauer dürfte sich die OAZ heftig abarbeiten wollen.“ Das „Projekt Halle“ stehe offiziell für „Meinungspluralismus“. Der publizistischen Logik würde zuwiderlaufen, wenn die OAZ nun gegen eine Machtbeteiligung der AfD anschreibe. „Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis sich auch die OAZ als vermeintliche Stimme des Volkes im Namen eines demokratischen Wahlergebnisses für antidemokratische Parteien einsetzt.“ Beigang hat – bereits unter Holger Friedrich – von 2020 bis 2022 bei der Berliner Zeitung volontiert.

Und die SPD, die über die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft (ddvg) an Madsack beteiligt ist, was sagt sie eigentlich zum „Projekt Halle“ und zur Zusammenarbeit mit Holger Friedrich? Menschen machen Medien richtete dazu Fragen an ddvg-Geschäftsführer Matthias Linnekugel, früher Justiziar in der SPD-Parteizentrale, an den ddvg-Aufsichtsratschef, SPD-Schatzmeister Dietmar Nietan, und an Martin Rabanus, den Sprecher für Kultur und Medien in der SPD-Bundestagsfraktion.

Nietan und Rabanus beantworteten die Fragen nicht. Linnekugel schrieb, er sei weder in seiner Rolle als Gesellschafter noch als Aufsichtsrat mit den Entscheidungen zur Einladung von Friedrich nach Hannover noch zum Druck der OAZ in Dresden befasst gewesen. „Wie Sie vielleicht wissen, hält es die ddvg grundsätzlich so, dass wir insbesondere redaktionelle Entscheidungen in unseren Beteiligungen nicht politisch kommentieren.“

 

 

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