Filmtipp: Bis es blutet

„Bis es blutet“ ist ein bedrückendes Drama mit Elisa Schlott als ehrgeizige junge Boulevard-Journalistin, die für ein reißerisches Online-Medium über das Verschwinden eines Teenagers berichten soll. Wegen ihrer skrupellosen Arbeit gerät der afrikanische Freund des Mädchens an den Pranger der Öffentlichkeit. Debütregisseur Daniel Sager hat zuletzt mit dem sehenswerten Dokumentarfilm „Erfundene Wahrheit“ die erstaunliche Geschichte des „Spiegel“-Hochstaplers Claas Relotius rekonstruiert.

Unter den vielen fragwürdigen Praktiken der Boulevardmedien gehört das sogenannte Witwenschütteln sicherlich zu den abstoßendsten: Angehörige der Opfer von Unfällen oder Verbrechen werden unmittelbar nach einem tragischen Ereignis heimgesucht; am besten, solange sie noch unter Schock stehen, damit ihre Aussagen möglichst aufgewühlt sind. „Auch Emotionen sind Fakten“ lautet das Credo dieser Form von Journalismus’, der eine derartige Bezeichnung gerade gemessen an seriöser Berichterstattung kaum verdient. Günter Wallraff hat die Arbeitsweise in seinem 1977 erschienenen Buch „Der Aufmacher“ über die Praktiken bei „Bild“ enthüllt. Im Nachwort der Neuauflage (2022) schrieb Georg Restle, Leiter des WDR-Politmagazins „Monitor“, die Digitalisierung „habe sich wie ein Turbolader auf den Journalismus“ ausgewirkt: „schneller, lauter, hemmungsloser“; und darum geht es in dem bedrückenden Drama „Bis aufs Blut“.

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Aga Novak (Elisa Schlott) ist Absolventin einer renommierten Journalistenschule und arbeitet nun für das Sportressort des Online-Nachrichtenportals „True Newz“. Weil sie bei ihren Methoden wenig wählerisch ist, vertraut Chefredakteur Meixner (Thomas Loibl) ihr einen Fall an, der bereits überregional Schlagzeilen gemacht hat: In der hessischen Provinz ist ein Teenager verschwunden. Vor langer Zeit gab es eine Mordserie in der Gegend, womöglich besteht da ein Zusammenhang. Vanessas Vater (Bernd Hölscher), ein mittelständischer Unternehmer, lässt Aga und ihren Kollegen, den Top-Fotografen Thorsten Meier von Hagen (Franz Pätzold), jedoch abblitzen; später stellt sich raus, dass der Mann die Exklusivrechte bereits an Deutschlands größte Boulevardzeitung (repräsentiert von David Rott) verkauft hat.

Weil Aga, gern nabelfrei und mit kurzem Röckchen unterwegs, polnische Wurzeln hat, findet sie einen Draht zur gleichfalls aus Polen stammenden Mutter (Malina Ebert) des Mädchens. Als sie gemeinsam durchs Familienalbum blättern, zeigt sich, wes Geistes Kind die ehrgeizige junge Journalistin ist: Natürlich muss die Frau die Bikinifotos in die Kamera halten, und damit die Aufnahmen richtig emotional werden, greift Aga zu einem perfiden manipulativen Mittel. Die Tränen der schockierten Mutter sind aber noch nicht der Tiefpunkt ihrer Skrupellosigkeit. Die Frau hatte einen Freund Vanessas erwähnt, der als Buhmann einer Schauergeschichte wie geschaffen ist: Welat Nail (Francisco Akudike) ist ein Flüchtling aus Uganda. Als Aga und der Fotograf seinen Müll durchwühlen, stoßen sie auf ein Indiz, das einen erheblichen Verdacht auf den kurz drauf prompt verhafteten jungen Altenpfleger wirft. Natürlich ahnen die beiden, was sie mit ihrem Bericht auslösen werden: Die Polizei lässt Welat zwar bald wieder frei, doch an Details ist der Mob, der sich umgehend vor seinem Wohnblock zusammenrottet, nicht interessiert.

Selbst wenn der Schluss andeutet, dass sich die junge Journalistin doch noch eines Besseren besinnt: Das Drehbuch lässt kein gutes Haar an einer Branche, die von der Zuspitzung lebt, wie Aga bei einer Befragung unumwunden einräumt. Dieses scheinbar mit einer Ermittlerin geführte Gespräch bildet den Rahmen der Ereignisse, entpuppt sich aber ebenso als Bluff wie eine Aktion des mit allen Abwassern gewaschenen Fotografen. Der clickfixierte Chefredakteur wiederum ist ohnehin eine sinistre Figur. Aus den belanglosen Straßeninterviews („Vox-Pops“ im Branchenjargon, für vox populi, Stimme des Volkes), dichtet er eine reißerische „Stadt in Angst“-Story. Dass Aga in einem Teaser spekuliert, ob Welat Vanessa „brutal ermordet“ habe, findet Meixner „Weltklasse“; an einer späteren Richtigstellung hat er kein Interesse. Das Credo, man dürfe nicht langweilen, dann verzeihen die Leute dir alles, stammt allerdings von dem Fotografen.

„Bis aufs Blut“ ist der erste Spielfilm von Daniel Sager (Koautor: Oskar Sulowski). Der Regisseur hat nach einigen Reportagen einen fesselnden Dokumentarfilm über die Arbeit des Investigativ-Ressorts der „Süddeutschen Zeitung“ gedreht („Hinter den Schlagzeilen“, 2021) und zuletzt für Sky nicht minder sehenswert die erstaunliche Geschichte des „Spiegel“-Hochstaplers Claas Relotius rekonstruiert („Erfundene Wahrheit“, 2023). Sein szenisches Debüt ist als „Kleines Fernsehspiel“ fürs ZDF entstanden. Im Gegensatz zu den sonstigen stets recht sparsam und filmisch entsprechend unaufwändig wirkenden Produktionen dieser Redaktion ist das Drama allerdings ein Fernsehfilm, das das „Zweite“ bei seiner Wiederholung nach der Arte-Premiere hoffentlich ebenfalls um 20.15 Uhr ausstrahlt.


„Bis es blutet“. Deutschland 2025. Buch: Oskar Sulowski, Daniel Sager, Regie: Daniel Sager. Arte, 5. Dezember, 20.15 Uhr und in der Arte-Mediathek

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