Filmtipp: Die Saat des Heiligen Feigenbaums

Die Saat des Heiligen Feigenbaums. Foto: Alamode Filmverleih

Die Alten hüten die Asche, die Jungen schüren das Feuer. Konflikte zwischen den Generationen sind vermutlich so alt wie die Geschichte der Menschheit. Zumindest im Westen haben die im Rückblick als „68er-Bewegung“ zusammengefassten Proteste für tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzungen gesorgt. Angesichts des Klimawandels könnte sich das Phänomen wiederholen. Mohammad Rasoulofs Familiendrama, deutscher „Oscar“-Kandidat, beschreibt anhand der Demonstrationen im Iran, wie sich die Alten wehren.

Die Parallelen dieses Films mit dem poetischen Titel „Die Saat des Heiligen Feigenbaums“ gerade zu 68 sind offenkundig. Die Bilder erinnern nicht nur an die Ereignisse rund um den Berliner Schah-Besuch im Juni 1967 und die Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg durch einen Polizisten, sondern auch an die März-Unruhen 1968 in Polen und selbstverständlich an den Prager Frühling; von jüngeren Ereignissen wie dem Pekinger Tian’anmen-Massaker im Juni 1989 oder den „Gezi-Protesten“ 2013 in der Türkei ganz zu schweigen. Rasoulof streut in seinen Film regelmäßig Videos von den „Jina-Protesten“ ein, als die Menschen nach dem Tod einer von der Sittenpolizei verhafteten jungen Kurdin im September 2022 überall im Iran auf die Straße gingen.

Eine gespaltene Familie

Der Autor und Regisseur erzählt die Geschichte einer gespaltenen Familie: Nach zwanzig Jahren im Staatsdienst wird der Jurist Iman (Missagh Zareh) zum Ermittlungsrichter am Revolutionsgericht berufen. Seine Frau Najmeh (Soheila Golestani) freut sich: Die Familie wird in eine größere Wohnung umziehen, die beiden Töchter, Studentin Rezvan und Schülerin Sana (Mahsa Rostami, Setareh Maleki), bekommen endlich eigene Zimmer. Iman ist linientreu und gottesfürchtig. Aber als sich die Verhaftungen häufen und er einige hundert Todesurteile pro Tag unterschreiben soll, ohne die jeweiligen Fälle prüfen zu können, bekommt er Skrupel.

Hauptfiguren des Films sind jedoch die drei Frauen. Der Vater arbeitet quasi rund um die Uhr und ist eh nie zuhause. Zunächst solidarisieren sich die Schwestern eher ideell mit den Protesten. Das ändert sich, als einer Freundin Rezvans ins Gesicht geschossen wird. In einer auch wegen der Nahaufnahme in jeder Hinsicht quälend langen Szene entfernt Najmeh zwei Dutzend Schrotkugeln aus der klaffenden Wunde. Trotzdem bleibt die Mutter bei ihrer naiv und ignorant anmutenden Haltung: Wer Opfer von Polizeigewalt oder verhaftet wird, ist selbst schuld. Während sie alles glaubt, was die Nachrichten im Staatsfernsehen verkünden, schauen sich die Töchter auf ihren Smartphones an, wie die Polizei die Demonstrationen niederprügelt.

Showdown wie im Western

Als eines Morgens Imans im Nachttisch aufbewahrte Dienstwaffe verschwunden ist, zerreißt der Konflikt die Familie endgültig. Ihm droht eine dreijährige Haftstrafe, der Ruf wäre ruiniert, die Karriere selbstverständlich vorbei. Er lässt die drei Frauen von einem befreundeten Verhörspezialisten vernehmen. Als dann auch noch seine Kontaktdaten im Internet veröffentlicht werden, verlassen die vier auf Anraten eines wohlmeinenden Vorgesetzten die Stadt. Im archaisch anmutenden Geburtsort Imans irgendwo in der fernen Provinz kommt es schließlich zum Eklat, den Rasoulof in ein wie im Western inszeniertes Showdown eskalieren lässt.

Klugerweise hat der Regisseur darauf verzichtet, die Figuren schwarz oder weiß zu zeichnen, auch wenn er keinen Zweifel daran lässt, dass seine Sympathien den Töchtern gehören. Selbst für Iman weckt er ein gewisses Verständnis. Die wichtigere Figur ist jedoch die zwischen bedingungsloser Loyalität zum vom Gatten repräsentierten Gottesstaat und der Liebe zu ihren Töchtern hin und her gerissenen Mutter.

Es ist auch und gerade den herausragenden darstellerischen Leistungen des vierköpfigen Kern-Ensembles zu verdanken, dass der Film trotz einer Dauer von 167 Minuten nicht viel zu lang wirkt. „Die Saat des Heiligen Feigenbaums“ ist in Cannes mit der Goldenen Palme sowie fünf weiteren Auszeichnungen gewürdigt worden. Darunter auch mit dem Sonderpreis der Jury für Rasoulof, der im Frühjahr aus seiner Heimat geflohen ist, nachdem er wegen seiner kritischen Haltung zum Regime zu einer achtjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Seither lebt er in Deutschland. Da die Produktion größtenteils mit deutschem Geld entstanden ist, konnte sie als hiesiger Beitrag für die „Oscar“-Kategorie Bester Internationaler Film ausgewählt werden.


„Die Saat des Heiligen Feigenbaums“. Iran, Deutschland, Frankreich 2024. Buch und Regie: Mohammad Rasoulof. Kinostart: 26. Dezember

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