Aktionstag für digitale Souveränität

Mastodon: Eine echte Alternative zu gewinnorientierten Portalen. Bild: Mastodon

Persönliche Daten sind eine Ware – und wir liefern sie freiwillig an große Technologiekonzerne. Doch was wäre, wenn es auch anders ginge? Eine neue Initiative ruft zum Digitalen Unabhängigkeitstag auf und wirbt für einen Ausstieg aus der digitalen Abhängigkeit.

Ausgerufen wurde der Aktionstag vom Comedian und Künstler Marc-Uwe Kling auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs in Hamburg. Am 4. Januar fand der erste sogenannte DI.Day (Digital Independence Day) statt. Deutschlandweit kamen Menschen zusammen, online wie vor Ort, um sich über digitale Selbstbestimmung auszutauschen.

Kling ist dabei nur einer von mehreren Sprecher*innen. Hinter dem Digitalen Unabhängigkeitstag steht ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis, das Menschen befähigen will, einen Schritt in Richtung digitaler Souveränität zu gehen. Koordiniert wird der DI.Day von der Inititaive Save-Social, der auch die dju angehört. Das Bündnis will die digitale demokratische Öffentlichkeit erhalten. Ziel des digitalen Unabhängigkeitstags ist es, Abhängigkeiten von großen Tech-Konzernen zu reduzieren und eigene Daten wieder stärker unter Kontrolle zu bringen. So soll Vielfalt im Netz und Freiheit gestärkt werden.

Hilfe zur Selbsthilfe

Zum Online-Kick-off am 4. Januar schalteten sich knapp 30 Teilnehmende zu. Nach Angaben der Organisator*innen fanden parallel rund 60 weitere Treffen in ganz Deutschland statt, viele davon als Präsenzveranstaltungen. Die Teilnehmenden des Online-Meetings waren über das gesamte Bundesgebiet verteilt. Viele von ihnen beschäftigen sich bereits seit Jahren – teils auch beruflich – mit digitaler Unabhängigkeit. Im Chat teilten sie eigene Texte und Projekte. Nur wenige outeten sich selbst als Neulinge. Einige berichteten davon, ihr Smartphone zu „entgoogeln“, also Google-Dienste und – Apps zu entfernen. Eine Teilnehmerin erzählte, sie habe über ihren Sohn vom Digitalen Unabhängigkeitstag erfahren. Als Lokalpolitikerin interessiere sie sich vor allem für Instagram-Alternativen im anstehenden Kommunalwahlkampf.

Solche Treffen sollen künftig regelmäßig stattfinden. Geplant sind lokale Anlaufstellen, die sich an jedem ersten Sonntag im Monat treffen – oft organisiert von regionalen Gruppen des Chaos Computer Clubs. Der Hackerverein will dabei Menschen beibringen, ihre Daten besser zu schützen und auf datenssicherere Alternativen auf ihren Smartphones und Computern umzusteigen.

Weg von Big Tech – in kleinen Schritten

Geleitet wurde das Online-Meeting von Informatikprofessor Harald Wehnes, Mitglied der Gesellschaft für Informatik und Mitinitiator der Initiative zum Digitalen Unabhängigkeitstag. „Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts. Damit wird Geld gemacht. Aber es sind unsere Daten – und wir können etwas ändern“, sagt er. Wehnes beschreibt eine digitale Landschaft, in der wenige, oft von Milliardären geführte Konzerne bestimmen, wie Menschen kommunizieren, sich informieren und handeln. Diese Machtkonzentration bedrohe die digitale Selbstbestimmung.

Der Digitale Unabhängigkeitstag setzt deshalb auf datensichere Alternativen zu gängigen Browsern, Suchmaschinen, Clouddienste, Messengern oder Videoplattformen. Auf der Website des Bündnisses finden sich sogenannte Wechselrezepte – etwa „WhatsApp zu Signal“, „X zu Mastodon“ oder „Amazon zum Buchladen“. Schritt für Schritt erklären sie, wie der Umstieg gelingen kann.

Im Online-Meeting folgten die Teilnehmenden gemeinsam einer Anleitung, um Google als Standard-Suchmaschine zu deaktivieren. Alternativen wie DuckDuckGo oder Ecosia wurden vorgestellt. „Wir wollen keinen Big Bang, sondern kleine, einfache Schritte. Ein gemeinsames Umziehen“, so Wehnes. Erreicht wurden bei diesem ersten Treffen wahrscheinlich vorwiegend Expert*innen. Teilweise verlief sich die Diskussion dann in technischen Details.

Auch strukturelle Veränderung nötig

Doch digitale Unabhängigkeit kann nicht nur allein Sache Einzelner sein. Darauf machte auch ein Teilnehmer aufmerksam, der forderte, das europäische Nichthaftungsprivileg für soziale Netzwerke zu überdenken. In eine ähnliche Richtung denkt auch die Initiative Save-Social. Das Bündnis fordert strukturelle Veränderungen wie die Förderung alternativer open-source Plattformen und die rechtliche Begrenzung der Marktmacht von Big-Tech-Unternehmen. Ende des Jahres verhängte die EU-Komission wegen Transparenzmängeln eine 120 Million Euro Strafe gegen den Twitter Nachfolger „X“. Daraufhin startete Save-Social eine Petition, um öffentliche Behörden wie die Bundesregierung dazu bringen, ihre Konten bei „X“ zu löschen.

Auch Stefan Voigt, Präsident der Open Search Foundation, war bei dem Kick-Off-Meeting dabei. Er findet, es brauche ein Zusammenspiel aus Regulierung und eigenem Handeln. „Wer nur auf die Politik wartet, hängt schnell zehn Jahre zurück. Das sind im Digitalen gesprochen Äonen“, so Voigt. Deshalb wird die Initiative DI-Day auch in den kommenden Monaten versuchen, möglichst viele Menschen von den Plattformen der Big-Tech-Firmen wegzuholen.


Mehr zum Thema finden Sie in unserer Ausgabe zur Medienkompetenz

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