Filmtipp: Made in EU

Stephan Komandarev dreht mit „Made in EU“ einen Film über die prekären Arbeitsverhältnisse in Osteuropa und plädiert für engagiertes Offenlegen ihrer Mechanismen. Einen speziellen Fall von Bürgerjournalismus beschreibt der Regisseur in seinem Spielfilm.

 Mischa ist ein unpolitischer Influencer mit mäßiger Follower-Zahl, der mit seiner Freundin lustige Action- und Ferien-Reels postet. Er lebt mit seiner Mutter Iva in einer bulgarischen Kleinstadt, die nach dem Aus des größten Arbeitgebers, eines Bergwerks, verschiedene Transformationen nicht unbedingt hin zu besseren Verhältnissen durchgemacht hat. Iva ist zuständig fürs Geld; Sie fährt 12-Stunden-Schichten in der Minimallohnklasse im Nähereibetrieb eines italienischen Modehauses. „Made in EU“ lautet die Aufschrift auf den Etiketten, die die Frauen in die Mäntel nähen.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Die Corona-Welle ist im Anmarsch, als auch Iva krank wird. Der Näherei-Chef und sein Geschäftsführer haben Macht bis in die letzte Ecke, und so verwundert es nicht, dass der Arzt Iva wissen lässt, dass ihm Krankschreibungen per se untersagt sind. Iva schleppt sich krank in die Firma. Als es bald die ersten Todesfälle unter den Kollegen und ihren Angehörigen gibt, fällt der Verdacht auf Iva, das Virus verbreitet zu haben. Eine Hexenjagd beginnt, die an mittelalterliche Zeiten erinnert. Sie fliegt nicht nur aus dem Betrieb, sondern auch aus allen Geschäften und Lebensmittelläden, wenn sie einkaufen will. Sohn Mischa kriegt von seinen Kumpels eine Abreibung nach der anderen, schließlich sorgt seine Mutter für Tod und Teufel.

MIscha aber macht – um ein paar Zähne ärmer – das, was er am besten kann: Filmchen drehen. In einem deckt er auf, dass der Besitzer der Fabrik vor seiner letzten Inspektion einen publicity-trächtigen Auftritt im italienischen Bergamo hatte – dem Ort, wo Corona nach allem Stand des Wissens am schlimmsten wütet.

Dass die Arbeit auf Instagram und Youtube auch positive Folgen haben kann, sollen die weiteren Ereignisse zeigen: Radio- und Fernsehsender wie Zeitungsreporter greifen Mischas Berichte auf und nehmen das prekäre Geschäft mit der Näherei aufs Korn. Vorher haben Arbeitsverhältnisse und Arbeitsschutz und keinen interessiert.

Die Drohung, den Produktionsstandort zu verlagern, ist ohnehin haltlos. Selbst mit ein paar Änderungen in Sachen Gesundheit und Arbeitszeit bleibt Bulgarien konkurrenzlos billig. Durch Mischas Arbeit weiß man nun wenigstens, wie dort gewirtschaftet wird.

Komandarevs in vielerlei Hinsicht interessanter, dramaturgisch klug aufgebauter und spannender Film ist ein Plädoyer dafür, mit den heute zur Verfügung stehenden Mitteln Öffentlichkeit zu erzeugen und sich nicht einschüchtern zu lassen.


 

Made in EU. Regie: Stephan Komandarev. Mit Gergana Pletnyova, Gerasim Georgiev. Kinostart: 19. Februar 2026

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

ver.di übt Kritik an ZDF-Intendant

Der Vorgang der Ausladung der Musiker Igor Levit und Danger Dan aus der 100. Ausgabe des Satire-Magazins „Die Anstalt“ (Sendetermin am 21. Juli 2026) wirft große Wellen. Der Auftritt wurde durch eine kurzfristige Entscheidung des ZDF-Intendanten Norbert Himmler verhindert. Daran übt auch der ver.di-Bundesvorstand starke Kritik.
mehr »

Politische Ausladung: ZDF sagt Auftritt ab

Ein neues Lied von Igor Levit und Danger Dan heißt "Keine Angst" und erscheint zum 17. Juli 2026. Es handelt vom möglichen Widerstand gegen eine zunehmende politische und gesellschaftliche Faschisisierung, wie sie weltweit und auch in Deutschland zu beobachten ist. Ein Auftritt der Künstler mit dem Song sollte ebenfalls für die 100. Sendung von "Die Anstalt" aufgezeichnet werden, die am 21. Juli 2026 erscheint. Dann lud das ZDF Danger Dan und Igor Levit kurzfristig aus.
mehr »

RSF: Kritik an Reform der Nachrichtendienste

Die Bundesregierung möchte dem Bundesnachrichtendienst (BND) und dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) deutlich mehr Befugnisse einräumen, das hat sie am 14. Juli 2026 in einer 700-seitigen Stellungnahme dargelegt. Der Schutz von Journalist*innen und ihren Quellen wird darin systematisch abgebaut, kritisiert Reporter ohne Grenzen (RSF). Und das ist nur ein Kritikpunkt an der Reform, die an anderer Stelle als "unanständig" kritisiert wurde.
mehr »

Österreichs „Standard“ in Deutschland

Kann eine österreichische Tageszeitung im zehnmal größeren deutschen Markt bestehen? Während viele Medienhäuser bei Expansionsversuchen viel Geld investierten und scheiterten, verfolgt der Wiener „Standard“ seit Jahren einen anderen Weg. Die deutsche Website derstandard.de ist weniger Angriff auf etablierte Anbieter als vielmehr ein strategisches Versuchslabor. Dort testet der Verlag Technologien, Geschäftsmodelle und digitale Strategien – mit erstaunlichen Erkenntnissen.
mehr »