Filmtipp: „Nürnberg“

Russel Crowe (1. von links) als Hermann Göring in "Nürnberg". Bild: Weltkino Filmverleih

Das vorzüglich gespielte und auch mit 150 Minuten nicht zu lange Justizdrama „Nürnberg“ mit Russell Crowe als Hermann Göring und Rami Malek als amerikanischer Militärpsychiater rekonstruiert den Prozess gegen die Hauptverantwortlichen des NS-Regimes. Der Film startet ab dem 7. Mai 2026.

Es war in vielerlei Hinsicht ein denkwürdiger Prozess, der im November 1945 seinen Lauf nahm und sich über fast ein Jahr hinzog: Ein internationaler Militärgerichtshof verhandelte im Nürnberger Justizpalast über das Schicksal deutscher Politiker, Offiziere und NSDAP-Funktionäre. So etwas hatte es zuvor noch nie gegeben, weil es keine rechtliche Grundlage gab, um Kriegsverbrecher außerhalb der Gerichtsbarkeit des jeweiligen Landes anzuklagen. Die Ereignisse sind schon einige Male verfilmt worden; zuletzt hat die ARD achtzig Jahre nach Prozessbeginn das preiswürdige Dokudrama „Nürnberg 45 – Im Angesicht des Bösen“ gezeigt (zu sehen in der ARD-Mediathek). Hauptfigur ist der jüdische Auschwitz-Überlebende Ernst Michel, der als Journalist über den Prozess berichtet hat.

Das „Böse im Menschen“ untersuchen

Auch „Nürnberg“ schildert das Geschehen aus der Sicht eines teilnehmenden Beobachters. Das Drehbuch von Regisseur James Vanderbilt basiert auf dem Sachbuch „Der Nazi und der Psychiater“ (2013, Aufbau Verlag). Der Wissenschaftsjournalist Jack El-Hai schildert darin die Gespräche, die der amerikanische Militärpsychiater Douglas M. Kelley vor Prozessbeginn mit den Angeklagten führte. Besonders fasziniert war der mit 33 Jahren vergleichsweise junge Arzt von Hermann Göring. Er hoffte, genug Material für ein Buch über das „Böse im Menschen“ sammeln zu können. Dieses Buch hat er anschließend tatsächlich geschrieben („22 Männer um Hitler“, 1947); viel Glück hat es ihm nicht gebracht. Tatsächlich wird der Psychiater (Rami Malek) später zur tragischen Figur des Films, aber das wäre eine andere Geschichte, die Vanderbilt daher auch nur kurz im Epilog andeutet.

Unangefochtener Star ist ohnehin schon allein aufgrund seiner wuchtigen Präsenz Russell Crowe. Dank seiner charismatischen Verkörperung vermittelt sich die Faszination Kelleys auf der Stelle, zumal Crowe den ehemaligen Reichsmarschall gerade nicht als Inkarnation des Bösen anlegt: Der Mann hat Charme, ist eloquent und durchaus sympathisch. Im Verlauf der auch intellektuell anspruchsvollen Sitzungen kommt es nicht nur zum Rollentausch, es entsteht gar so etwas wie eine Freundschaft auf Zeit. Ausnahmsweise empfiehlt sich diesmal die Originalfassung allerdings nicht, weil der Neuseeländer seine deutschen Dialoge mit starkem Akzent vorträgt. In der synchronisierten Fassung wechselt Kelly bei den Gesprächen ins Englische, damit der Dolmetscher übersetzen kann, aber da der Film-Göring die Sprache beherrscht, unterhalten sich die beiden Männer im Original fortan auf Englisch und in der Synchronversion auf Deutsch. Preiswürdig ist Crowes Leistung trotzdem.

Herausragende Darstellungen

Für Autor und Produzent Vanderbilt gilt das nicht minder. Er hat die Drehbücher zu Produktionen wie „The Amazing Spider-Man“ oder „White House Down“ verfasst; „Nürnberg“ ist nach dem fesselnden Mediendrama „Der Moment der Wahrheit“ (2015, mit Robert Redford) erst seine zweite Regiearbeit. Der Film dauert zweieinhalb Stunden, die Unterhaltungen finden in Görings winziger Zelle statt, doch die Handlung wirkt nie wie ein Kammerspiel, zumal sich das mit gelegentlichen dokumentarischen Bildern durchsetzte Geschehen zur zweiten Filmhälfte größtenteils in den Gerichtssaal verlagert.

Klug hat Vanderbilt die Last der Handlung zudem auf zwei weitere Schultern verteilt: Während Hauptanklagevertreter Robert H. Jackson (Michael Shannon) die juristische Seite mit all‘ ihren rechtlichen und moralischen Komplikationen repräsentiert, beobachtet der junge Übersetzer Howie Triest (Leo Woodall) mit Sorge, wie Kelly die Seiten zu wechseln scheint. In einer berührenden Bahnsteigszene, als der Psychiater nach einem groben Fehlverhalten seinen Job verloren hat, offenbart Howie, warum der Prozess für ihn so bedeutsam ist. Dieser Monolog ist eine der drei Herzkammern des Films. Die zweite ist die gerade auch darstellerisch ungemein fesselnde Befragung Görings durch Jackson und seinen britischen Kollegen David Maxwell Fyfe (Richard E. Grant), zumal das Kreuzverhör eine gänzlich unerwartete Dramaturgie entwickelt. Am erschütterndsten ist die Vorführung eines Zusammenschnitts der Filme, die die Befreier von den Konzentrationslagern gemacht haben.

Ganz vorzüglich ist auch die Bildgestaltung durch den seit Jahrzehnten in den USA lebenden polnischen Kameramann Dariusz Wolski. Anmutung und Atmosphäre sind von gedeckten dunklen Farben geprägt, weshalb ein aus scheinbar zeitgenössischen bunten Aufnahmen bestehender Exkurs über Rudolf Heß umso kräftiger aus dem Rahmen fällt; Andreas Pietschmann verschwindet bis zur Unkenntlichkeit in dieser Rolle. Weitere Angeklagte sind ebenfalls mit deutschen Schauspielern (darunter Peter Jordan und Tom Keune) besetzt worden. Ihre Aufgabe ist nicht zu unterschätzen, denn sie tragen erheblich zur Quintessenz des Films bei. Kelley hatte erkannt, dass die Täter keineswegs von Natur aus böse waren: Unter bestimmten Umständen ist jeder Mensch zu monströsen Taten fähig; aber das wollte damals niemand hören.

„Nürnberg“. USA 2025. Buch und Regie: James Vanderbilt. Kinostart: 7. Mai 2026

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