Filmtipp: TV-Projekt – 24 Stunden in Europa

Screenshot: https://www.arte.tv

Domenika (27) lebt im Norden Ungarns, sie wohnt in einer Jurte mit zwei Männern und ernährt sich von dem, was sie anbaut. Valeri (17) lebt in einem Dorf in Bulgarien und ist der einzige junge Mensch unter lauter Alten. Carolina (25) arbeitet in London als Bankmanagerin und fliegt am Wochenende mal eben zu ihrer Familie nach Italien. Drei Orte, drei Menschen, drei Lebensweisen. Anzutreffen in dem TV-Projekt „24h Europe – The Next Generation“, ausgestrahlt am 4. Mai auf Arte.

Das Format erzählt in Echtzeit aus dem Leben von 60 Menschen in Europa, gedreht an einem Tag, ein Jahr später ausgestrahlt im gleichen Zeitrhythmus. Ein Puzzle, ein Netzwerk von Lebensgeschichten aus einem Kontinent, der vielfach in der Krise steckt, politisch, sozial, gesellschaftspolitisch. Viele dieser Aspekte bildet dieses 24-Stunden-Programm ab und es konzentriert sich auf junge Menschen bis 30, auf die „Next Generation“, die die Zukunft des Kontinents gestalten wird.

Jugendarbeitslosigkeit etwa ist ein Problem, besonders in Südeuropa. Joana (27) aus Lissabon hat studiert und kutschiert Touristen im Tukatuka durch die Stadt. Yannis (30) aus Griechenland wird als Lehrer im Sommer entlassen und im Herbst wiedereingestellt. Bilal aus Nigeria absolviert in Bayern eine Spenglerlehre und verkörpert als Fußballer die Hoffnung des örtlichen Vereins; sein Asylverfahren läuft noch. Landsleute von ihm werden im Mittelmeer von der Sea-Watch 3 gerettet; die gesamte Schiffsbesatzung macht das ehrenamtlich.

„24h Europe“ präsentiert einen unaufhörlichen Fluss an größeren und kleineren Geschichten. Manche beziehen sich direkt auf Europa – wie die Geschichte vom Farmer Gordon (23) in Nordirland. zieht der Brexit eine neue, alte Landesgrenze, liegt sein Land auf beiden Seiten der Grenze. Andere tangieren die großen europäischen Fragen nur am Rande. Überall taucht die soziale Frage auf. Man muss sich auf all diese Geschichten einlassen, Szene für Szene die Protagonisten kennenlernen wollen. Auch die unangenehmen wie etwa den neofaschistischen Almerigo aus Triest – die Montage mit anderen Lebensgeschichten konterkariert seine Ideologie. Das Urteil bilden muss jeder sich selbst.

Der Aufwand für dieses Projekt „24h Europe“ ist beträchtlich. 45 Kamerateams drehten in 26 Ländern, 24 Sprachen mussten verarbeitet werden. Arte und rbb sind die Treiber auf deutscher Seite, zero one aus Berlin und Ideale Audience aus Frankreich sind Co-Produzenten, dazu kamen Partner aus Belgien, Tschechien, Finnland. Arte strahlt das Event am Samstag, dem 4. Mai 2019 aus, von 06.00 bis 06.00 Uhr. Danach folgen andere ARD-Sender. Im Netz hat Arte das Programm in sechs Sprachen aufbereitet. Die Filme stehen 60 Tage lang in den Mediatheken.

„24h Europe“ ist kein Fernsehtag, den man so einfach nebenbei absolvieren sollte. Selten kann man so klar Konturen dieses Europa erkennen. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Die große Vielfalt und die enormen sozialen und kulturellen Unterschiede. Die komplexe und heterogene Struktur der europäischen Gesellschaften. Gefahren und Möglichkeiten. Ein wahrhaft europäisches Großprojekt und das Beste, was öffentlich-rechtliches Fernsehen zu bieten hat.

 

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

ARD: Regionaler KI-Service im Radio

Die ARD setzt im Zuge von Sparmaßnahmen auf die Zentralisation von Hörfunkmoderationen. Allerdings ging das bislang auf Kosten des Service. Im gemeinschaftlichen Radio-Nachtprogramm kommen deshalb nun KI-Stimmen zum Einsatz. Die behutsame Einführung sorgt für positive Resonanz, heißt es.
mehr »

Erneuter Angriff in Fretterode

Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di verurteilt den erneuten Angriff auf Journalist*innen im thüringischen Fretterode scharf. Nach Medienberichten wurden Reporter bei Dreharbeiten im Umfeld des Rechtsextremisten Thorsten Heise angegriffen und mit Reizstoff attackiert. Sie mussten medizinisch versorgt werden.
mehr »

ECPMF: Druck auf Journalist*innen wächst

Anfeindungen gegenüber Journalist*innen nehmen zu, ebenso wachsen ökonomischer Druck und generell strukturelle Herausforderungen im Beruf. Wie genau sich die Belastung auswirkt, hat das European Centre for Press and Media Freedom (ECPMF) in Leipzig zusammen mit dem Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Universität Bielefeld im Rahmen einer aktuellen Studie mit dem Titel „Strapazierter Journalismus“ erhoben.
mehr »

Rechte Medienmacht entlarven

Mit einer schlau eingefädelten Aktion ist das neu gegründete Edelweiss-Netzwerk in der vergangenen Woche an die Öffentlichkeit gegangen. Angetreten, die Medienmacht der Neuen Rechten zu entlarven, hat dabei gleich Nius-Chef Julian Reichelt ordentlich einstecken müssen.
mehr »