Der Journalist Francis Farrell berichtet seit über vier Jahren als Kriegsreporter für The Kyiv Independent von der Front des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Die englischsprachige Online-Zeitung wurde Ende 2021 gegründet. 2023 erhielt Farrell den Bayeux Calvados-Normandy Award for War Correspondents in der Kategorie Young Reporter für seine Berichterstattung des Kampfes um Bachmut im Osten der Ukraine.
Herr Farrell, Sie arbeiten seit dem Beginn der russischen Vollinvasion vor über vier Jahren als Kriegsreporter für The Kyiv Independent. Wie sieht für Sie ein typischer Arbeitstag aus?
Wenn ich in Kiew arbeite, dann sitze ich in meinem Büro im Stadtzentrum – mit allen Annehmlichkeiten, die diese Stadt trotz des Krieges zu bieten hat. Etwa alle sechs bis acht Wochen gehen wir an die Front. Diese Einsätze dauern in der Regel ein bis zwei Wochen. Dann wohnen wir in einer Stadt in der Nähe des Frontabschnitts, aus dem wir berichten. Bei solchen Einsätzen schlafen wir wenig. Wenn wir zusammen mit Soldaten unterwegs sind, geht unser Arbeitstag mitten in der Nacht los. Wir bleiben dann ein oder zwei Tage an den Kampfpositionen. Anschließend legen wir zur Erholung vielleicht einen Ruhetag ein. Und dann geht die Arbeit weiter.
Das klingt sehr routiniert. Sie selbst sind in Australien geboren, haben International Studies in Den Haag und London studiert. Was treibt Sie an, von den Kriegsschauplätzen in der Ukraine zu berichten?
Mein Studienschwerpunkte waren die Ukraine, Russland und die gesamte die postsowjetische Region. Ich habe Russisch und Ukrainisch gelernt und an einem Studien-Austausch in Russland teilgenommen. Schon vor der russischen Vollinvasion war ich viel und gerne in der Ukraine. Grundsätzlich geht es mir darum, die Dinge mit eigenen Augen zu sehen und direkt mit den Soldaten, Kommandanten und Zivilisten vor Ort zu sprechen. Im Krieg möchte ich davon berichten, wie die Ukraine trotz großer Widrigkeiten gegen den Versuch der Russen kämpft, seine Existenz als unabhängiges, freies Land zu beenden. Ich hoffe, mit meiner Arbeit Politiker, Diplomaten, andere Medienhäuser sowie Bürger in Europa zu erreichen.
Gibt es eine Geschichte, eine Begegnung oder eine Beobachtung, die auf den Punkt bringt, worum es in diesem Krieg im Kern geht?
Ich glaube, die Antwort darauf habe ich in Cherson im Süden der Ukraine gefunden. Ich war dort zum ersten Mal kurz nach der Befreiung der Stadt im November 2022. Nach acht Monaten russischer Besatzung gingen die Menschen damals endlich wieder ohne Angst durch die Straßen. Voller Euphorie und Erleichterung zeigten sie ihre ukrainischen Flaggen, die vorher verstecken mussten. Im Zuge unserer Recherchen kamen dann viele schockierende Geschichten ans Licht: über die systematische Folter ukrainischer Zivilisten, über die Deportation von Kindern und die Plünderung des kulturellen Erbes der Stadt. Das zweite Mal war ich in Cherson im Sommer 2023. Damals hatte Russland durch die Zerstörung der Kachowka-Stauanlage gezielt eine Flut herbeigeführt. Ich watete durch das Wasser, beobachtete die Evakuierung der Menschen – und währenddessen wurden wir beschossen. Seitdem werden in Cherson fast täglich Zivilisten angegriffen. Die Russen bilden auf der anderen Seite des Flusses ihre Drohnenpiloten aus. Für sie sind selbst eine Oma sein, die Äpfel vom Markt holt, oder ein Kind auf seinem Fahrrad ein legitimes Ziel.
Sie erleben hautnah, was der russische Imperialismus in der Ukraine anrichtet. Welches Bild haben Sie von den Menschen, über deren Taten Sie berichten: russische Soldaten, Kommandeure und Politiker?
Anfangs hatte ich Mitgefühl mit den einfachen russischen Soldaten. Sie wurden ja zwangsmobilisiert und wussten nur begrenzt, worauf sie sich einließen. Inzwischen aber kämpfen viele Soldaten wegen des guten Gehalts, das ihnen der russische Staat zahlt. Bei der Folter von Zivilisten oder Kriegsgefangenen sowie bei anderen Kriegsverbrechen zeigen die Täter oft sadistische Freude. Nach dem Einmarsch in Kursk hatte ich die Möglichkeit, mit russischen Kriegsgefangenen zu sprechen. Einige von ihnen sind einer Gehirnwäsche unterzogen worden, andere sind bösartig und aggressiv. Die meisten aber sind innerlich einfach völlig leer. Doch auch sie haben sich bewusst dafür entschieden, an diesem Krieg teilzunehmen.
Wenn Sie die Gelegenheit hätten, Vladimir Putin zu interviewen – was würden Sie ihn fragen?
Es macht keinen Sinn, jemanden wie Putin mit Moral zu konfrontieren. Ich denke, ich würde ihn etwas fragen wie: „Sie sprechen regelmäßig von der Befreiung des Donbass, aber Sie haben so viele große Städte, die lokale Industrie, die Lebensgrundlagen zerstört und die Existenz von Hunderttausenden Menschen beendet – sind Sie sich selbst gegenüber wirklich ehrlich, wenn Sie glauben, dass es sich um eine Befreiung handelt? Was sagen Sie den Einwohnern von Bachmut, die vor der ihrer sogenannten militärischen Sonderoperation in einer wunderschönen Stadt lebten, die heute nicht mehr existiert?“
Gibt es eine Geschichte, Begegnung oder Beobachtung von der Front, die uns Leser*innen in Zentraleuropa hilft, den Krieg und seine Dynamiken besser zu verstehen?
Kürzlich habe ich einen Tag mit einem der Elite-Drohnenteams der Ukraine verbracht. Auf eine sehr direkte und eindringliche Weise habe ich in Echtzeit miterlebt, wie ein ukrainischer Drohnenpilot an einem Tag zehn Männer auf der anderen Seite der Frontlinie getötet hat. Das hat mein Verständnis von diesem Krieg und den Dynamiken der Kriegsführung grundlegend verändert: inzwischen kann jedes Ziel nur kurze Zeit nach seiner Entdeckung mit einfachen Präzisionswaffen wie First-Person-View-Drohnen gejagt werden. Die NATO-Staaten sind darauf überhaupt nicht vorbereitet. Gleichzeitig sollten wir nicht vergessen, dass auch die Infanteriesoldaten noch immer vor Ort sind. Im Sommer 2024 waren wir eines der letzten fremdsprachigen Medienteams an Infanteriepositionen – nur 150 Meter von russischen Soldaten entfernt. Diesen Menschen verdanken wir unsere Sicherheit nicht nur in Kiew, sondern in ganz Europa. Sie halten die Stellung und machen den tödlichsten und schwierigsten Job in diesem Krieg. Die gesamte Atmosphäre an der Infanterieposition, die Gesichter und Augen der ukrainischen Soldaten zu sehen, das alles hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Wie stellen Sie Ihre eigene Sicherheit an der Front sicher?
Wegen der Drohnen hat sich das Gebiet um die Frontlinie in eine regelrechte Todeszone verwandelt. First-Person-View-Drohnen können bis zu 20 bis 25 Kilometer hinter die klassische Frontlinie fliegen. Je näher Du mit einem Fahrzeug an die Frontlinie kommst, desto wahrscheinlicher ist es, dass Du attackiert wirst – selbst dann, wenn Du über Möglichkeiten zur Störung der elektronischen Signale des Gegners verfügst. Beim Herausfahren aus der „Todeszone“ wurden wir einmal fast von einer Kampf-Drohne angegriffen. Uns ist zum Glück aber nichts passiert. Wer sehr nah an die Frontlinie kommt, muss wirklich sehr vorsichtig sein und besonders stark darauf achten, wie man sich bewegt und sollte sich nicht zu sehr im Freien zeigen.
Das heißt: mit einer offiziellen Presseweste, die einen als Reporter ausweist und damit eigentlich vor Angriffen schützen sollte, exponiert man sich als Ziel?
Absolut. Das Beispiel Cherson zeigt, dass wir davon ausgehen sollten, dass die Russen auf alles zielen, was sich bewegt – egal, ob es sich um Soldaten, Zivilisten, Journalisten oder Mitarbeiter einer humanitären Hilfsorganisation handelt. Für uns Journalisten bedeutet ein großer Pressenaufkleber oder eine auffällige blaue Weste daher tatsächlich nichts anderes, als sich als Ziel für Angriffe zu exponieren. Um nicht getroffen zu werden, tragen wir daher unauffällige Pressewesten und Tarnkleidung. Grundsätzlich wagen wir uns in die „Todeszone“ niemals ganz allein. Wir werden stets von einer militärischen Eskorte begleitet, die über die aktuellen Lageinformationen verfügt.
Was Sie schildern, klingt nach einer enorm stressigen, möglicherweise psychisch belastenden Arbeit, bei der es gleichzeitig sehr darauf ankommt, wachsam und präsent zu sein. Was tun Sie als Einzelperson, aber auch als Team für ihre psychische Gesundheit?
Dafür gibt es selbstverständlich keine Zauberformel. Als Team kümmern wir uns umeinander, und wenn wir das Gefühl haben, dass uns ein Einsatz emotional besonders stark belastet, dann gibt es die Möglichkeit für therapeutische Hilfe. Ich denke, es braucht die richtige Balance: Einerseits musst Du als Kriegsreporter Emotionen, Empathie und Ausdruckskraft mitbringen. Andererseits musst Du stark, belastbar und stabil sein. Wer zu sehr eine dieser beiden Richtungen tendiert, bricht entweder während des Einsatzes zusammen oder findet vor Ort keinen Draht zu den Menschen. Ich selbst hatte bislang das Glück, nichts Traumatisches zu erleben. Wir müssen hier aber auch größeren Kontext in den Blick nehmen. In der Ukraine sind wir alle – auch in Kiew – regelmäßig massiven Drohnen- und Raketenangriffen ausgesetzt. Als militärisch eingebetteter Front-Reporter ist man geschützt und hat sich auch mental auf seinen Einsatz vorbereiten können. Es ist etwas ganz anderes, wenn mitten in der Nacht, während Du schläfst, ballistische Raketen in der Nähe deines Wohnhauses einschlagen. In der Ukraine kann Dir jeder seine eigenen Geschichten über Belastungen, Verluste und Burnout während des Krieges erzählen. Dazu kommen noch die Auswirkungen der russischen Angriffe auf die nationale Energieinfrastruktur. Als Kriegsreporter von der Front zu berichten, ist daher nur ein Tropfen im riesigen Ozean des Stresses, dem alle Menschen in der Ukraine aktuell ausgesetzt sind.
Als Front-Reporter sind Sie vom ukrainischen Militär abhängig und auf den Goodwill des Staates angewiesen. Gleichzeitig ist für gute, professionelle journalistische Arbeit ist ein verlässlicher, unabhängiger Zugang zu Informationen essenziell. Wie ist das bei Ihnen?
Alles, was man als Kriegsreporter tut, wird letztendlich Teil des Informationskriegs – im Guten wie im Schlechten. In der Regierung, in der Zivilgesellschaft oder sogar unter anderen selbsternannten Journalisten glauben manche, der Informationskrieg sei derzeit das einzig Wichtige. Der Zugang zu Informationen wird tatsächlich kontrolliert – wie stark und nach welchen Kriterien, das hängt aber stark vom Presse-Offizier der jeweiligen Brigade ab. Manche Presses-Offiziere meinen, unsere Aufgabe wäre es, Propagandastücke über den Mut und den Erfolg ihrer Soldaten zu produzieren. Viele Presse-Offiziere schätzen unsere Arbeit aber wert und haben erkannt, dass Journalismus realitätsnah und wahrheitsgetreu sein muss und daher auch die hässlichen Seiten des Krieges zeigen muss. Einen Unterschied bemerke ich bei den verschiedenen Formaten, die ich mache. Bei Videoberichten geht es vor allem darum, die Atmosphäre einzufangen, zum Beispiel bei einer bestimmten Einheit und von der Arbeit der Soldaten. Dabei sprechen wir selbstverständlich auch über Probleme. Aber das Textformat eignet sich viel besser, um über konkrete Probleme zu berichten, weil sich hier die Aussagen von Soldaten und Kommandeure viel besser anonymisieren lassen, um die Identität der Beteiligten und die Quellen zu schützen. Da geht es dann um die Führungskultur des ukrainischen Militärs oder um Fehlverhalten. Ähnlich wie beim Thema Korruption wäre es schädlicher, darüber zu schweigen, als darüber zu sprechen. Denn die grundsätzliche moralische Wahrheit, wer der Aggressor in diesem Krieg ist, steht selbstverständlich nicht zur Debatte.
Englische Version des Interviews: Francis Farrell: Reports from the war.

