Geteilte Öffentlichkeit zusammenführen

Wie finden wir in den geteilten Öffentlichkeiten wieder zusammen? Bild: pixabay

Eine Studie des Bundesverbands Wohnen und Stadtentwicklung (vhw) untersucht die Folgen des sozio-technischen Wandels für die lokale Öffentlichkeit und damit auch für die kommunale Politik. Die zentrale Feststellung: Das Informations- und Kommunikationsverhalten der Bevölkerung, was einmal auf einer gemeinsam geteilten Öffentlichkeit mit ähnlicher Informations- und Wissensbasis beruhte, basiert mittlerweile auf einer Vielzahl von (Teil-)Öffentlichkeiten. Mit dem Konzept des „Local Public Open Space“ sehen die Forschenden eine Möglichkeit, diese wieder zusammen zu führen.

Viele Akteure in Politik und Zivilgesellschaft sind sich einig: Die Zunahme von (Teil-)Öffentlichkeiten hat große Auswirkungen auf den sozialen Zusammenhalt sowie auf politische Prozesse. Der Bedeutungsverlust der Lokalmedien und der Markterfolg rein kommerziell orientierter Plattformen beeinflußt das Selbstverstehen und das Selbstverständnis lokaler Gemeinschaften und damit die demokratische Gesellschaft.

Eine funktionsfähige liberale Demokratie sei „auf gesellschaftsorientierte und informierte Bürgerinnen und Bürger angewiesen“, heißt es dahingehend auch eingangs der Studie des vhw, die kürzlich veröffentlicht wurde. Wie dies angesichts der Veränderungen der Medienwelt zukünftig ermöglicht werden kann, wurde auch im Mai, der zum „Monat des Lokaljournalismus“ erklärt wurde, vielfältig diskutiert.

Unter anderem fand im Bundestag eine „vereinbarte Debatte“ über die Situation der lokalen Demokratie und ihrer Medien unter dem Titel „Meinungsvielfalt und Bürgerbeteiligung“ statt. Bei dieser betonten alle Fraktionen ausser der rechtsextremen AfD die große Bedeutung von Lokalmedien und Lokaljournalismus für die Demokratie. Zugleich gab es unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie deren zukünftige Förderung aussehen könne.

Der Kommunikationswissenschaftler Otfried Jarren, der das Studienprojekt zusammen mit Bernd Hallenberg geleitet hat und an der Initiative für einen „Local Public Open Space“ beteiligt ist, hat die zentralen Aspekte des Wandels im Informations- und Kommunikationsverhalten und die damit im Zusammenhang stehenden Herausforderungen zusammengefasst.

Lokalzeitungen im Umbruch

So verfügen gerade die in ihren Auflagen- und Abonnementzahlen massiv sinkenden Lokalzeitungen zwar weiterhin über ein hohes Maß an Akzeptanz und Vertrauen, haben aber ihre zentrale Rolle in der lokalen Öffentlichkeit aus verschiedenen Gründen eingebüßt (u.a. renditegetriebenes Verlagsmanagement, Einzeitungskreise und größere Verbreitungsgebiete und damit Abnahme der regionalen und lokalen Differenzierung, fehlende Abbildung sozialer Vielfalt, sozialer Wertewandel hin zu Individualisierung).

Zugleich sehen sie sich dem Druck durch neue lokale Informationsanbieter ausgesetzt. Zahllose lokale Informationen sind jederzeit kostenfrei und auf Nachfrage verfügbar – auf Lokalmedien angewiesen ist man nicht mehr. Dazu kommt der Druck durch die Sozialen Medien. Die Plattformen sind sozial und kulturell längst bedeutungsvoller. Allein im Bereich der Politik kann der Lokaljournalismus noch stärker hervortreten, muss dafür aber ebenso die Kanäle zwischen Instagram und Youtube bespielen. Grundsätzlich haben die digitalen Angebote vieler Lokalmedien den Vorsprung sozialer Medien aufgeholt, sind aber zugleich in der Logik und Abhängigkeit von Plattformkonzernen verfangen. Deren Anliegen und Wirkung stehen den Aufgaben von Medien mitunter diametral gegenüber. Auch die zunehmend fragmentierte Anbieter- und Nutzungsstruktur zur Herausforderung.

Wie kann nun eine zuverlässige ökonomische Lösung für Lokalmedien aussehen? In vielen Medienhäusern scheint die Schnelllebigkeit digitaler Information das Prinzip „Viel hilft viel“ zu befördern. Aber zu viel Angebot, sprich zu viele Nachrichten, zudem sich immer ähnlicher werdende, kann auch zu News Avoidance führen. Die größte Herausforderung liegt damit in der Eigenständigkeit lokaljournalistischer Angebote. Das betrifft auch die Finanzierung. Wenn immer weniger Menschen bereit sind, für Informationen zu zahlen, ist zunächst das Vertrauen der Nutzenden (zurück) zu gewinnen. Dafür spielen auch andere Faktoren eine Rolle.

Zusammenspiel lokaler Akteure und lokaler Medien

Die Studie selbst untersucht mit einem ganzheitlichen Ansatz die lokale Gesellschaft unter dem Eindruck der fragmentierten Öffentlichkeit. In den Blick genommen werden dabei sowohl Lokalmedien und lokaler Journalismus, aber auch die kommunale Verwaltung sowie die Akteure des intermediären Systems (Parteien, Vereine, NGOs). „Sie alle tragen in unterschiedlicher Weise zur Herstellung der lokalen Öffentlichkeit(-en) bei“, heißt es – und sind demnach gleichermaßen vom sozialen und digitalen Wandel betroffen und herausgefordert.

Abhelfen könne eine lokale Kommunikationsinfrastruktur, die der Information, dem Austausch und der Vernetzung lokaler Gemeinschaften dienen soll, heißt es in einem Appell, den die Verfasser*innen der Studie Anfang Juni veröffentlichten. So ein „Local Open Public Space“ können zum „Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge“ werden – „ein allgemein bekannter, niedrigschwelliger Ort, an dem lokal relevante Informationen, Wissen, Meinungen und Positionen gebündelt, auffindbar und einordnungsfähig sind“.

Die großen Plattformen im Internet hätten „fragmentierte Öffentlichkeiten geschaffen“ und belohnten zuspitzende und polarisierende Inhalte. Viele Bürgerinnen und Bürger zögen sich aus solchen Diskussionen zurück. Nur mit einem lokalen öffentlichen Diskussionsraum lasse sich sicherstellen, dass Information, Austausch und Beteiligung auch unter digitalen Bedingungen „in einem verbindlichen und inklusiven Rahmen stattfinden“.

„Die Sicherung eines funktionsfähigen lokalen Diskursraums ist keine optionale Modernisierungsaufgabe, sondern eine Voraussetzung dafür, dass Demokratie vor Ort auch in Zukunft existiert, trägt und sich weiterentwickeln kann“, schreiben die Wissenschaftler in dem Appell. Auf der lokalen Plattform müssten „lokal relevante Informationen, Wissen, Meinung und Positionen“ gebündelt auffindbar sein, schreiben die Wissenschaftler. Der „Local Open Public Space“ solle ein Gegengewicht zum kommerziell-individualistischen Raum der großen Plattformen“ bilden.

Und der Lokaljournalismus?

Die Forschenden schlagen eine Verbindung von Plattform und Lokaljournalismus vor, ohne dass dieser seine Eigenständigkeit verliert. Im „Local Open Public Space“ werden lokaljournalistische Angebote bekannt gemacht und können so zur Steigerung der Reichweite beitragen. Der Lokaljournalismus kann damit seine Leistungen in einem bekannten, vertrauenswürdigen und von persönlichen Austauschmöglichkeiten geprägten Umfeld anbietet. Über Berichterstattung, Analyse und Kommentierung hinaus kann er aber auch neue Aufgaben für die lokale Lebenswelt übernehmen: bei der Vernetzung von Angeboten auf der Plattform, der Moderation in Diskussionsprozessen, durch die Erstellung von fachlichen Dossiers oder wissensbasierten Beiträgen.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Undercover unter Nazis

Angelique Geray arbeitet als Investigativjournalistin für RTL und den stern. Für eine Fernseh-Dokumentation schleuste sie sich in die Gruppe „Letzte Verteidigungswelle“ ein. Durch einen Hinweis von ihr wurden die Behörden auf die Gruppe und ihre Anschlagspläne auf eine Flüchtlingsunterkunft aufmerksam. Zu ihren Erfahrungen und Beobachtungen während der Recherche hat Geray das Buch „Undercover unter Nazis“ veröffentlicht.
mehr »

Rassismus in Redaktionen

Das Kitt Kollektiv hat 200 Menschen, die in Redaktionen arbeiten nach ihren Rassismuserfahrungen gefragt: 90 Prozent gaben an, ihn erlebt zu haben, erklärt Sarah Zaheer im Interview mit der taz. Journalismus in Deutschland hat ein Vielfaltsproblem - können einzelne Programme, die Medienhäuser und Organisationen inzwischen etabliert haben, das Problem tatsächlich verändern?
mehr »

Krasse Kürzungen bei ARD und ZDF

  Für 58 Cent bekommt man heutzutage beim Bäcker allenfalls ein Brötchen von gestern. Dennoch haben einige Bundesländer ARD und ZDF eine entsprechende Erhöhung der Rundfunkabgabe auf monatlich 18,94 Euro verweigert. Trotz einer Verfassungsbeschwerde der Sender wird der Beitrag erst 2027 steigen, und dann wohl nur um 28 Cent. Vor allem innerhalb der ARD muss daher noch mehr gespart werden. Das schließt auch einen weiteren Stellenabbau mit ein.
mehr »

Medien-NGOs im Visier der Rechten

In Deutschland nehmen die Angriffe auf zivilgesellschaftliche Organisationen zu – angefeuert von extrem rechten Akteur*innen aus Politik, Medien und PR. Ihre Diffamierungs- und Desinformationskampagnen zielen darauf, vor allem Nichtregierungsorganisationen, finanziell auszutrocknen. Damit gefährden sie auch die Arbeit demokratischer Medienprojekte.
mehr »