Informationen? Nur noch in Häppchen

Auch Studierende aus journalistischen Studiengängen holen sich Informationen inzwischen vor allem bei Social Media - Nachrichten und klassische Medien spielen kaum eine Rolle. Foto: 123rf

Die Nachrichtenrezeption junger Erwachsener orientiert sich überwiegend an Online-Angeboten. Selbst bei denen, die journalistische Studiengänge wählen, ist das so, hat der Medienwissenschaftler Konrad Scherfer herausgefunden. In Fokusinterviews mit Studierenden des Studiengangs Online-Redaktion an der Technischen Hochschule Köln stellte Scherfer fest, dass der Großteil sich fast ausschließlich online informiert – und zwar bei bei TikTok und Instagram.

Auch der WhatsApp-Bereich „Aktuelles“ ist für die Interviewpartner*innen eine Quelle für schnelle und unkomplizierte News-Updates. Klassische News-Websites und -Apps spielen nur eine untergeordnete Rolle – allein ein kleiner Teil der Befragten nutzt sie überhaupt. Fernsehen, Radio und Print sind irrelevant für die Studierenden, von denen zwei Drittel bei der Befragung unter 23 Jahren alt war. Im Alltag erreichen diese traditionellen Medien und ihre Angebote sie nur zufällig.

Keine aktive Nachrichtensuche

An News geraten die jungen Leute mehr oder weniger passiv beim Durch-Scrollen ihrer Social-Media-Feeds. Die dabei konsumierten Nachrichten stammen unter anderem auch von Influencern. Auf TikTok gibt es News-Zusammenfassungen unter Schlagworten wie „daily news“ oder „breaking news“ – in Form von kurzen, visuell aufbereiteten Videos, die auf schnellen Konsum ausgelegt sind. Der Begriff „News“ ist laut Konrad Scherfer eher weit gefasst – journalistische Informationen sind dabei eher gemeint als politischer Journalismus.

Insofern haben auch eigenständige News-Apps wie von der Tagesschau oder anderen großen Medienhäusern das Nachsehen, obwohl diese grundsätzlich die Chance bieten, Reichweite und Markenbindung unabhängig von Social-Media-Plattformen aufzubauen und direkt mit ihrer Community in Kontakt zu treten. Nach Ansicht der Teilnehmenden der Befragung liegt das vor allem an der fehlenden jugend- und altersgerechten Aufbereitung der Inhalte. Ausserdem böten Plattformen wie Instagram und TikTok viele Nachrichteninhalte unterhaltsam aufbereitet und in kurzer Zeit, man brauche sich nicht extra gezielt Zeit zum Lesen nehmen. Online ausschließlich Nachrichten zu konsumieren wirke zudem veraltet. Nichtsdestotrotz halten sich die Teilnehmenden der nicht-repräsentativen Studie für gut informiert.

Newskonsum als Multitasking-Erlebnis

Videos gucken und gleichzeitig Kommentare lesen, Erklärvideos und Chatdiskussionen als niedrigschwelliges Angebot – fast alles lässt sich bei TikTok parallel und nebenbei konsumieren. Die Suchfunktionen erleichtern spontane und breite Informationsbeschaffung. Die Formate schaffen ständig neue Spannungsbögen. Dabei ist die Form der Rezeption vor allem durch kurze, oberflächliche Informationshäppchen gekennzeichnet, die zwischen anderen Beiträgen konsumiert werden. Sowie eine vertiefte Auseinandersetzung mit journalistischen Inhalten gefragt ist, wenden sich die Befragten nach ihren eigenen Aussagen fast ausschließlich Plattformen wie Youtube oder Spotify zu.

Allein Podcasts spielen in Form einer Renaissance des Radios eine immer stärkere Rolle: Hier greift die Nutzer*innengruppe gezielt auf journalistische Formate wie „Anne Will“, „Lanz und Precht“ oder „Lage der Nation“ zurück. Auch die thematische Vielfalt von Podcasts kommt gut an. Vor allem Inhalte wie Selbstoptimierung und Mental Health bis hin zu Persönlichkeitsentwicklung, Leistungsdruck, Femizide, Wehrpflicht und Finanzthemen sprechen die Befragten an. Diese Inhalte würden ihrer Meinung nach in klassischen Nachrichtenformaten zudem häufig zu kurz kommen. Auch die Schwierigkeiten, sich länger zu konzentrieren, reflektieren die Teilnehmenden der Studie.

Insgesamt, so Scherfer, zeigen sich die Folgen des tiefgreifenden Medienwandels aus kommunikationswissenschaftlicher und medienökonomischer Sicht in Form eines klaren Generationsbruchs: Selbst bei formal hochgebildeten wirkt der sogenannte Agenda-Setting-Effekt zwar noch bei Schlagzeilen, aber kaum noch bei hintergündigen Themen ausserhalb des eigenen Interessenshorizonts. Die Rezeptionswege haben sich radikal verschoben, auch wenn die traditionellen Marken noch präsent sind. Plattformen statt Nachrichtenportale, statt journalistischen Autor*innen Podcaster*innen oder Influencer*innen, Infotainment statt Hintergrund – die Online-Angebote großer Medienhäuser dürften damit viele junge Menschen definitiv nicht mehr erreichen. Demokratietheoretisch ist diese Entwicklung bedeutsam. Sie zwingt den Journalismus dazu, neue Formen der Ansprache zu entwickeln und damit Anschluss an junge Generationen zu finden, ist Scherfer sicher.

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