Italien: Protest gegen Entlassung von EU-Korrespondent

Gabriele Nunziati am 13. Oktober 2025 beim Presse-Briefing der EU-Kommission Bild: Euronews

Der italienische Journalist Gabriele Nunziati, Brüsseler Korrespondent der Nachrichtenagentur Agenzia Nova, hatte der Sprecherin der Europäischen Kommission, Paula Pinho, eine Frage zur Verantwortung Israels für den Wiederaufbau des Gazastreifens gestellt. Daraufhin beendete seine Agentur das Arbeitsverhältnis mit ihm.

Am 13. Oktober 2025 fragte Nunziati die Sprecherin Paula Pinho: „Sie haben wiederholt gesagt, dass Russland für den Wiederaufbau der Ukraine aufkommen sollte. Sind Sie der Meinung, dass Israel auch für den Wiederaufbau des Gazastreifens aufkommen sollte, da es einen Großteil des Gazastreifens und seiner zivilen Infrastruktur zerstört hat?“ Die – unbeantworte gebliebene – Frage, gestellt im Rahmen der Ausübung seiner journalistischen Tätigkeit, hatte Konsequenzen für Nunziati.

Sie wurde an dem Tag gestellt, an dem die Hamas 20 im Gazastreifen festgehaltene Gefangene freiließ und Israel etwa 2.000 palästinensische Gefangene – so wie es in dem von der US-Regierung vermittelten Abkommen für einen Waffenstillstand im Gazastreifen festgelegt war. Nachdem Nunziati seine Frage bei der Pressekonferenz der Kommission geäußert hatte, sei er zwischen dem 15. und 23. Oktober mehrmals telefonisch von der Nachrichtenagentur Agenzia Nova kontaktiert worden, berichtete der Journalist dem Medium Fanpage.

Agenzia Nova habe seine Frage demnach als unangemessen erachtet. Laut eines Artikels vom 27. Oktober in der Online-Zeitung il Post, erhielt der Journalist ein Kündigungsschreiben, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass sein Arbeitsverhältnis mit der Nachrichtenagentur beendet werde. Gründe für diese Entscheidung wurden allerdings nicht genannt.

Frage als unangebracht erachtet

Die Nachrichtenagentur Agenzia Nova erklärte gegenüber Fanpage.it, dass Nunziatis Frage „völlig unangebracht und technisch falsch“ gewesen sei und „der Agentur Peinlichkeit bereitet“ habe. Weiterhin wurde erklärt, dass „das Problem darin besteht, dass Russland […] ohne Provokation in die Ukraine, ein souveränes Land, eingefallen ist“, während „Israel einen bewaffneten Angriff erlitten hat“.

Auf seinem Instagram-Account entgegnete Nunziati, seine Frage könne nur dann als voreingenommen angesehen werden, „wenn man die Realität leugnen muss“. Es sei eine Tatsache, „dass Israel Gaza fast vollständig dem Erdboden gleichgemacht hat“. Es sei eine Tatsache, „dass der Internationale Strafgerichtshof einen Haftbefehl wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegen Benjamin Netanjahu und einige seiner Minister erlassen hat“. Dies zu leugnen wäre voreingenommen.

Eine Frage darf nicht den Job kosten

Die Internationale und Europäische Journalistenföderation (IFJ-EFJ) verurteilte die Entlassung des Journalisten und kritisiert die Nachrichtenagentur Agenzia Nova dafür, dass sie Nunziati zensiert und ihn daran gehindert hat, seine Arbeit frei auszuüben. Auch die italienische EFJ-Mitgliedsorganisation FNSI bekundete Unterstützung für ihren Kollegen: „Es ist inakzeptabel, dass eine Frage, egal wie unbequem sie auch sein mag, ihn seinen Job kostet.“

Der Nationale Rat des italienischen Journalistenverbandes zeigte sich ebenfalls schockiert über den Vorfall, forderte die sofortige Wiedereinstellung von Nunziati und erinnerte daran, dass „die Aufgabe eines Journalisten, unabhängig von vertraglichen Schutzbestimmungen, darin besteht, Fragen zu stellen, die unangenehm oder unerwünscht sein können”.

Pressefreiheit in Italien missachtet

Die IFJ-EFJ äußert ihre Besorgnis über die sich verschlechternde Lage der Pressefreiheit in Italien. „Einen Journalisten dafür zu kritisieren, dass er unangenehme Fragen auf der Grundlage von überprüften und faktengeprüften Informationen stellt, ist zutiefst schockierend und eine eklatante Missachtung der Grundprinzipien der Pressefreiheit. Wir verurteilen die Entscheidung von Nova, die Zusammenarbeit mit Nunziati zu beenden, nur weil er seine Arbeit getan hat, aufs Schärfste. In einer Zeit, in der der Journalismus um seine Unabhängigkeit kämpft, müssen Redaktionen zu ihren Journalisten stehen und dürfen sie nicht verraten, weil sie ihre Pflicht gegenüber der Öffentlichkeit erfüllen.“

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Big Tech verändert TV und Streaming

Bei den Video-Streaming-Plattformen verteidigte YouTube im Jahr 2025 erfolgreich seine Führungsposition und erreicht 72 Prozent der deutschen Bevölkerung ab 14 Jahren. Die öffentlich-rechtlichen Streaming-Netzwerke von ARD, ZDF, Arte und 3sat kommen auf über 60 Prozent, dicht gefolgt von Netflix und Amazon Prime Video. Doch auch die Sender des ÖRR nutzen YouTube als Ausspielweg ihrer Inhalte. 
mehr »

Smartphones endlich sicherer machen

Als Journalist*innen sind wir verpflichtet, unsere Quellen zu schützen. Wir treffen sie an vertraulichen Orten, anonymisieren Namen, schreddern Unterlagen. Aber was ist mit unseren Smartphones? Während niemand die eigene Haus- oder Bürotür über Nacht offenstehen lassen würde, öffnen wir digital oft ungewollt Tür und Tor zu den sensibelsten Bereichen: Acht Tipps für Datensicherheit bei Smartphones
mehr »

Trauer um Franz Kotteder

Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di trauert um Franz Kotteder. „Kotti" oder „der Franz", wie ihn Freunde und Kollegen wahlweise nannten, starb am 30. Dezember nach schwerer Krankheit viel zu früh im Alter von 62 Jahren. Seine Kolleginnen und Kollegen in der dju und im Süddeutschen Verlag verlieren mit Franz einen ebenso engagierten wie geistreichen, humorvollen und liebenswürdigen Streiter für Pressefreiheit, Qualitätsjournalismus und vor allem für die Interessen von Journalistinnen und Journalisten sowie aller Beschäftigten in der Zeitungsbranche.
mehr »

Guatemala: Eine ernüchternde Bilanz

Knapp zwei Jahre ist Guatemalas Präsident Bernardo Arévalo im Amt und erklärtes Ziel seiner Regierung ist es einen Schutzmechanismus für Journalist*innen einzuführen. Doch das innovative Projekt kommt nicht vom Fleck, moniert die Medienanalystin Silvia Trujillo gemeinsam mit zahlreichen bekannten Berichterstatter*innen. Dafür machen sie nicht nur den omnipräsenten „Pakt der Korrupten“ verantwortlich, sondern auch das Zögern der Regierung. Die verharre im Stand-By.
mehr »