„Polarisierungen werden politisch und medial erzeugt“, so der Soziologe Steffen Mau in seiner Keynote auf der Jahrestagung der DGPuK in Berlin, wo etwa 500 Kommunikationsforschende über „Werte“ diskutierten. Angesichts von globaler Klimakrise, Corona-Pandemie oder Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten ging es darum, inwieweit Medien noch Orte der Aushandlung zentraler Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit, Sicherheit, Solidarität und Wahrheit sind und zur demokratischen Willensbildung beitragen können.
Viele gesellschaftliche Konflikte werden öffentlich ausgetragen und hinterlassen oft den Eindruck einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft. Diese Entwicklung beobachtet der Berliner Soziologieprofessor Steffen Mau seit den 1990er Jahren, als sich „neue Spaltungslinien“ in westlichen Demokratien auftaten, die das „Rechts-Links-Parteienschema unterspülten“. „Aber ein Auseinanderdriften der Gesellschaft lässt sich nicht nachweisen“, sagte er. Unterschiedliche Meinungen zu Globalisierung oder Umwelt diffundierten durch alle sozialen Schichten: „Es gibt keinen Megakonflikt, der uns teilt, sondern viele Ungleichheitskonflikte.“
Vier Konflikttypen
Er identifizierte vier Konflikttypen. In Verteilungskonflikten zwischen Arm und Reich würden ungleiche ökonomische Ressourcen zwar beklagt, aber gleichzeitig herrsche Skepsis gegenüber staatlicher Umverteilung. Mau spricht von einer “demobilisierten Klassengesellschaft“. Grenzkonflikte zwischen In- und Ausländern zeigten sich in der Migrationsdebatte. Die meisten Menschen halten Zuwanderung für notwendig, nur nicht Wähler*innen der AfD, die durch die Präsenz der Partei im Bundestag gestärkt sind. Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Gruppen liege in ihrer unterschiedlichen Interpretation der Realität. Identitäts- und Gruppenkonflikte erläuterte er am Beispiel Homosexualität, die von 90 Prozent der Menschen toleriert werde.
Allerdings gäbe es da eine Diskrepanz zwischen Erlaubnis- und Wertschätzungstoleranz. In der Arbeiterschicht gelte diese sexuelle Orientierung privat als okay, aber nicht im öffentlichen Raum, wenn etwa Regenbogenfahnen am Rathaus gehisst werden. In Klima- und Zielkonflikten gehe es weniger um die Frage, ob der Klimawandel menschengemacht ist, wovon in Deutschland 90 Prozent der Menschen überzeugt sind, sondern vielmehr um die zeitliche Dimension von Gegenmaßnahmen. „Das Ende der Welt wird in der Arbeiterklasse mit der Lohntüte am Monatsende verglichen, in der Mittelschicht geht es um eine nachhaltige Lebensführung bei gleichzeitig größerem ökologischen Fußabdruck“, so Mau.
Triggerpunkte, wo Diskurse kippen
Konflikte hätten Reiz- und Spannungszonen, „wo Diskurse kippen“, so Mau, weil feste moralische Grundüberzeugungen berührt und starke emotionale Reaktionen hervorgerufen werden. An diesen „Triggerpunkten“ würden Konsens und Gleichgültigkeit in Dissens und Gegnerschaft umschlagen. Sie fungierten dann als „Einstiegshebel für Affektpolitik“. Als
Beispiele nannte Mau die Merz-Äußerung “Migranten lassen sich die Zähne machen“ oder die Aufregung um die Kolonialismus-Ausstellung in der Zeche Zollern in Dortmund, wo „weiße Besucher am Samstag für 4 Stunden unerwünscht“ waren, um People of Color dann einen safe space zu bieten. Es gehe um Verletzungen von Gerechtigkeitsgefühlen, Entgrenzungsbefürchtungen oder wie beim „Heizungsgesetz“ um Verhaltenszumutungen: „Habeck will Energie-Stasi einsetzen!“ . Dass bestimmte Themen zu Triggerpunkten werden, könne man durch „intelligentes Maßnahmendesign verhindern“, sagte Mau auf Nachfragen aus dem Publikum und erläuterte das am Beispiel der Kolonialismus-Ausstellung in Dortmund: „Hätte man von zusätzlichen vier Stunden gesprochen, wäre der Gerechtigkeitsframe nicht abgerufen worden.“
Durch eine Gegenüberstellung von tatsächlicher und vermuteter Zustimmung zu einzelnen Aussagen demonstrierte Mau, dass die Gesellschaft „viel progressiver ist als man glaubt“. So sagten über 60 Prozent der Befragten, Migration sei eine Bereicherung für die deutsche Gesellschaft, vermutet wurden aber nur 34 Prozent. Eine Differenz von 40 Prozent gab es bei der Aussage “Personen, die ihr Geschlecht geändert haben, sollten als ganz normal anerkannt werden“: 85 Prozent Zustimmung und nur 45 Prozent vermutete Zustimmung. Die Politik sei gespaltener als die Gesellschaft und Medien „überkonturieren die Unterschiede“, so Mau. Polarisierung werde strategisch von oben eingesetzt – besonders durch Parteien wie der AfD, die in der Migrationsdebatte „Grenzkonflikte“ zwischen Deutschen und Zugewanderten schüre und den „Klima- und Zielkonflikt“ instrumentalisiere.
Wie ÖRR mit Triggerpunkten in Wertediskursen umgehen
Maus Konzept der Triggerpunkte nutzte auch der Leipziger Medienforscher Dirk Arnold bei seiner empirischen Studie zum „Werte-Framing des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Krise“. Die Anstalten stehen nach Krisen wie der Schlesinger-Affäre unter starkem Legitimationsdruck. Sie müssen „ihrem öffentlichem Auftrag gerecht werden und ihn gleichzeitig als deckungsgleich mit den gesamtgesellschaftlichen Interessen verkaufen“, so Arnold. Wenn es nun bei emotional und politisch-ideologisch aufgeladenen Themen wie gendergerechter Sprache zu Wertekonflikten kommt, müssen sie die „passende Balance zwischen widerstreitenden Anspruchshaltungen finden“. Wie die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten (ÖRR) mit Triggerpunkten in Wertekonflikten umgehen und ihr eigenes Organisationshandeln legitimieren, hat Arnold mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse ausgewählter Reizthemen untersucht. Dazu hat er einerseits das Framing der Beiträge – Deutungsmuster und normative Bezugsrahmen – und andererseits unterschiedliche Stellungnahmen dazu ausgewertet.
Arnold untersuchte 16 Fälle mit verschiedenen Krisenkonstellationen, die zu Reputationsschäden führen können. Wie schwer es aufgrund unterschiedlicher moralischer Überzeugengen ist, den Ansprüchen der Bevölkerung gerecht zu werden, zeigte sich etwa im März 2022, als es in der „Sendung mit der Maus“ vom WDR um das emotional-polarisierende Thema Transgeschlechtlichkeit ging. „Stern“ und „Tagesspiegel“ framten das Thema ähnlich wie der WDR. „Bild“, „Welt“ und „Emma“ kritisierten eine „woke Transgender-Ideologie“. Als Julian Reichelt die Sendung als „ideologisch-sexualisierte Früherziehung mit Zwangsgebühren“ kritisierte, konterte die Redaktion: „Auch als erwachsene Person kann man bei uns noch viel lernen zu relevanten Themen, z.B. Toleranz.“
Werte transparent machen und mit einer Stimme sprechen
Toleranz und Respekt waren ebenfalls Bezugsrahmen, als das ZDF 2020 auf eine Zuschauerin reagierte, die auf Facebook das „gesprochene Gendersternchen“ als Verhaltenzumutung kritisierte. Der Sender erklärte: „Wir möchten möglichst diskriminierungsfrei kommunizieren und achten dabei auch darauf, wie sich Sprache und Gesellschaft verändern.“ Für die Verwendung gendergerechter Sprache gebe es aber keine Vorgaben, Moderatorinnen und Sprecher könnten frei entscheiden. Für interessierte Mitarbeitende beim ZDF gibt es allerdings einen Leitfaden für „gendersensiblen Sprachgebrauch“.
Diese beiden Fälle zeigen laut Arnold, wie wichtig Transparenz für mehr Vertrauen ist: „Anstalten und Redaktionen des ÖRR müssen sich mehr Erklären und Rechenschaft über ihr Handeln, d. h. über Entscheidungen und Motive, ablegen und zwar freiwillig und dauerhaft, ohne dass sie unter medialem Druck dazu gezwungen oder von NGOs oder anderen Akteuren dazu aufgefordert werden.“
Als jüngsten Fall hat der Leipziger Medienforscher die Causa Thilo Mischke untersucht, der ab Januar 2025 die Moderation des ARD-Kulturmagazins „ttt – Titel, Thesen, Temperamente“ übernehmen sollte. Das ttt social team nahm die Kritik der Community an dem durch rassistische und sexistische Äußerungen aufgefallenen Journalisten ernst und beteuerte, dass femistische Perspektiven auch weiterhin unverhandelbare Wertorientierungen der Redaktion sind. In der Kultur-Leitung, die nur auf journalistische Meriten schaute, wollte keiner die Verantwortung für die Personalentscheidung übernehmen. Programmdirektorin Strobl beklagte die Debatte ohne sich inhaltlich zu äußern. Zwei Wochen nach Unterzeichnung des Vertrags mit Mischke löste sie ihn wegen massiver öffentlicher Kritik wieder auf.
Die mangelhafte Krisenkommunikation führt Arnold auf den Umgang mit den unterschiedlichen Wertvorstellungen innerhalb des ÖRR zurück. Er schlussfolgert, man solle die Vielstimmigkeit akzeptieren und die Konflikte nicht leugnen. Es brauche aber ein Verfahren, um zunächst intern „die Stimmenvielfalt zu ordnen und zu orchestrieren“.