Agentur Kurdistan

Deutsche Journalisten helfen beim Aufbau unabhängiger Medien

Seit dem Sturz Husseins wurden im Irak mehr Journalisten getötet als in 20 Jahren Vietnamkrieg – an Straßensperren, bei Entführungen und Attentaten, aber auch bei Übergriffen von Milizen oder des Militärs. Dennoch gibt es Versuche, demokratische Medien zu installieren. Die Zahl der Radio- und Fernsehstationen sowie der Zeitungen hat sich in kurzer Zeit verdreifacht. Allerdings gehören diese in der Regel politischen Parteien oder religiösen Gruppen, die ihre eigenen Interessen verfolgen. Demokratie aber braucht unabhängige Medien. Dies gilt natürlich auch für eine besondere Region im Irak, den Norden des Landes, wo die kurdische Bevölkerung lebt. Deshalb engagieren sich deutsche Journalisten im Rahmen der Projektgruppe „Pressefreiheit Nordirak Kurdistan“ für den Aufbau der ersten unabhängigen kurdischen Nachrichtenagentur.

Die Geschichte findet ihren Anfang im November 2002, wenige Monate vor Beginn des letzten Irakkrieges. Der Dortmunder WDR-Journalist Jürgen Hoppe berichtete in diesen Tagen aus der „Kurdenschutzzone“ im Nordirak von der Wiedereröffnung des kurdischen Parlaments. „Da bin ich von vielen Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft angesprochen worden“, erzählt Hoppe. „Euch haben damals nach dem Zweiten Weltkrieg die Engländer, Amerikaner und Franzosen geholfen, eine unabhängige Medienlandschaft aufzubauen, haben sie gesagt, jetzt bitte helft uns, damit wir hier so etwas aufbauen können, denn aus eigener Kraft geht das nicht.“

Erfolgreiche Partnersuche

Zurück in Deutschland nach der Befreiung des Irak von Saddam, ging Jürgen Hoppe auf die Suche nach Partnern. Gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Ulrich Pätzold, Leiter des Instituts für Journalistik in Dortmund, mit Horst Röper, Chef des FORMATT-Instituts und kurdischen und arabischen Freunden wurden Pläne entworfen. „Deutschland war nach dem Krieg natürlich ein besiegtes Land und vieles wurde uns oktroyiert“, sagt Hoppe. „Das können wir in Kurdistan nicht. Wir müssen mit freiwilliger Hilfe arbeiten.“ Das Glück stand dem 69jährigen, der inzwischen pensioniert ist, und seinen Mitstreitern zur Seite. In Erbil, der Hauptstadt der irakischen „Region Kurdistan“, trafen sie auf den Verleger Badran Habeeb – ein Mann, der nicht nur über das nötige Geld verfügt, sondern auch bereit ist, dieses in ein unabhängiges Mediensystem zu investieren. Habeeb besitzt den Buch- und Zeitungsverlag ARAS. Das technisch hervorragend ausgestattete Unternehmen hat seinen Sitz außerhalb der Altstadt Erbils in einem großflächigen Neubaugebiet.
Habeeb schlug Hoppe und seinen Kollegen vor, zusammen eine Presseagentur zu gründen und aufzubauen, die Agentur Kurdistan – eine Idee, die nun verwirklicht wird. Als Basis für ein unabhängiges Mediensystem soll die Agentur kurdische, assyrisch-christliche und turkmenische Verleger im Nordirak mit Informationen aus der „Region Kurdistan“ versorgen. Die Finanzierung sichert Habeeb selbst, jedoch wird die Agentur im Zentrum der Stadt ansässig sein, um die Unabhängigkeit von seinem Verlag zu betonen. Ein Beirat aus unabhängigen Persönlichkeiten wird der Agentur zur Seite gestellt – zum Schutz, denn mit Sicherheit muss sie sich auf politische Angriffe einstellen, auch von der kurdischen Journalistengewerkschaft, da deren Mitglieder in Partei-Medien und beim Geheimdienst arbeiten.
Während technisch inzwischen alles vorbereitet ist für den Start der Agentur Kurdistan, fehlt es nun noch an entsprechend ausgebildeten Journalisten. Hier springt das Institut für Journalistik der Universität Suleimaija ein. Mit Hilfe des Instituts erhalten etwa 30 Journalisten in den Räumen des ARAS-Verlags in Erbil eine Fortbildung zu Agentur- und Nachrichtenredakteuren. Die sechs zukünftigen Führungskräfte der Agentur hingegen kommen im Januar 2008 nach Deutschland und werden dort bei verschiedenen Zeitungen und Rundfunkanstalten auf ihre Tätigkeit vorbereitet.
Auf dem Programm steht auch ein Besuch bei der Deutschen Presse Agentur, dpa. Dort wird das Projekt mit besonderem Interesse verfolgt. „Schließlich ist es über 50 Jahre her, dass durch Medien eine Nachrichtenagentur gegründet wurde, und das war die dpa. Alle Agenturen, die danach entstanden sind, wurden immer nur von Staaten ins Leben gerufen“, erklärt Michael Segbers, Geschäftsführer der dpa. Auch eine Zusammenarbeit mit der Agentur Kurdistan kann sich Segbers vorstellen. „Es ist gut möglich, dass ein Nachrichtenaustausch stattfindet, dass wir die Agentur Kurdistan als eine von verschiedenen möglichen Quellen nutzen.“ Für deren Gründer ist dies denn auch ein ganz wichtiges Ziel: dass es gelingt, sich einer internationalen Agentur anzugliedern, der man Nachrichten liefert und von der man Nachrichten aus aller Welt erhält.

Professionelle Ausbildung

Bleibt die Frage, wie mit der Angst vor möglichen tätlichen Angriffen umzugehen ist, denn wer als Journalist im Irak die Wahrheit schreibt, läuft ständig Gefahr, umgebracht zu werden – von terroristischen Gruppierungen, aber auch von Regierungsseite. „Was die Regierung betrifft, haben wir uns abgesichert“, sagt Jürgen Hoppe. „Wir haben ein langes Gespräch geführt mit Nitchewan Barsani, dem Ministerpräsidenten dieses Bundeslandes Kurdistan im Irak und er hat uns volle Unterstützung zugesichert, vor allem auch, dass der Geheimdienst nicht reinfunkt. Und wir werden natürlich alle, die dort arbeiten, professionell ausbilden, und eine richtige professionelle Ausbildung ist die beste Sicherung – auch dagegen, dass man getötet oder entführt wird.“

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