Aufnahmestopp

Leipzig: Ein Jahr Pause für Reform des Master-Studiengangs Journalistik

Der jahrelange Streit am Leipziger Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft um den Studiengang Journalistik hat einen neuen Höhepunkt erreicht: Im Wintersemester 2017/18 können sich keine Erstsemester einschreiben. Der Aufnahmestopp soll zunächst für mindestens ein Jahr gelten. Dies hat der Fakultätsrat Ende April beschlossen.

Als Grund nannte der Dekan der zuständigen Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie, der Soziologieprofessor Dr. Roger Berger, dringenden Reformbedarf. Die Bewerberzahlen nähmen ab, was als ein Zeichen für „eine gesunkene Attraktivität“ des Stu­diengangs zu bewerten sei. Statt 251 Bewerber_Innen 2014 seien es 2016 nur noch 127 gewesen – für 30 Studienplätze. Nun soll es eine Studienreformkommission unter der Leitung von Studiendekan und Philosophieprofessor Dr. Thomas Kater richten, da eine bereits vor zwei Jahren besprochene Reform der Journalistik im Sande verlaufen sei. Dieser Kommission soll neben Studierenden des Studiengangs auch der betroffene Journalistik-Lehrstuhlinhaber, Dr. Marcel Machill, angehören, der nach eigener Aussage von dem Aufnahmestopp vorher nichts wusste. „Den Studiengang in der jetzigen Form weiterlaufen zu lassen, wäre hochgradig unseriös gewesen“, sagt Kater. Im kommenden Wintersemester werde eine weitere Stelle wegfallen und die Situation in der Journalistik hätte sich noch verschärft. Nun müsse das Curriculum an die Personalzahl angepasst werden, ist seine Schlussfolgerung. Die 113 eingeschrieben Studierenden könnten ihr dreijähriges Studium wie vorgesehen zu Ende bringen.

„Total verrückt“ nennt dagegen Journalistik-Professor Machill, seit 2002 in Leipzig, den Immatrikulationsstopp. Schon vor zwei Jahren habe seine Journalistik-Abteilung in einem „Brandbrief“ auf die unzulängliche Situation hingewiesen, doch nichts sei geschehen. Die Leipziger Journalistik sei in den vergangenen Jahren kaputt gespart worden, so Machill. Der zweite Lehrstuhl wurde nach der Emeritierung von Professor Michael Haller (2010), der den einstigen Diplom-­Studiengang aufgebaut hatte, zur Kommunikationswissenschaft umgewidmet. Machill erhielt nur eine Junior-Professur für seine Abteilung und musste auf vier der 6,5 Mitarbeiterstellen verzichten.

Wie seit Jahren wird wieder mit harten Bandagen gekämpft, werden Vorwürfe laut. Der Journalistik-Professor sei reform- und teamunfähig, lehre nur die eigenen Steckenpferde, und sei bei den Studierenden unbeliebt, schallt es aus Fakultät und Institut. Nach den Kommentaren unter vielen der Online-Artikel über die Querelen scheint es aber, dass die Studierendenschaft gespalten ist: In die Pro-Machill-Verfechter, die seine Lehre schätzen, die Gegner, die sich an seinem als überheblich empfundenen Auftreten stoßen, und diejenigen, die in Ruhe studieren wollen.

Von der Journalistik-Seite lauten die Vorwürfe, die Kolleg_Innen der Kommunikationswissenschaft wollten die Journalistik loswerden, um sich die Stellen unter den Nagel zu reißen. Denn das harte Personalabbau-Programm der Uni Leipzig geht weiter. „Im selben Maß, wie die Anforderungen an die Redaktionen steigen, steigen natürlich auch die Anforderungen an die Journalismus-Ausbildung: Sowohl, was das technische Handwerkszeug angeht, als auch neue Rechercheansätze zum Beispiel im Bereich des Datenjournalismus. Da muss ein akademisches Angebot umfassend sein, um die Studierenden auf ihren Beruf vorzubereiten. Ich hoffe, die Uni Leipzig nutzt die Auszeit, um die Weichen dementsprechend jetzt neu zu stellen und den Studiengang natürlich mit ausreichend Personal und Mitteln auszustatten, die eine zeitgemäße Journalismusausbildung gewährleisten“, fordert die Bundesgeschäftsführerin der dju in ver.di, Cornelia Haß.

Nicht wenige, darunter der Ex-Studiengangsleiter Haller, sehen das Problem der einst gerühmten Leipziger Journalistenausbildung in der Bologna-Reform zum Wintersemester 2007/08. Aus dem zehnsemestrigen Diplom-Studiengang mit Nebenfach wurde ein dreijähriger Master mit einjährigem Volontariat am Ende. Schon 2013 hatte die Redaktion der Sächsischen Zeitung behauptet, die Volontär_innen seien nach zwei Jahren Masterstudium mit wenig Praxis im Redaktionsalltag „kaum zu gebrauchen“. Ähnliches, erinnert sich Renate Gensch, stellvertretende dju-Vorsitzende und Betriebsratsvorsitzende im Berliner Verlag, habe auch sie in ihrer Zeitung gehört: Die jungen Leute würden schlechter, ihr Studium sei zu verschult.

2007/08 wurde im Institut auch ein Master Hörfunk geschaffen, der an die Medienwissenschaften angebunden mit dem Leipziger Uniradio „Mephisto 97,6“ zusammenarbeitete. Übrig geblieben ist ein dreisemestriges Wahlpflichtfach für Bachelor-Studierende in den Geistes- und Sozialwissenschaften.

Ein größeres Fass macht zur Leipziger Situation der Münchner Professor Michael Meyen auf, der in Leipzig studiert, promoviert und gelehrt hat. Seine These: „Die Journalistikstudiengänge verlassen die Universität“ und wandern an die Fachhochschulen, wo der Praxisbezug hochgehalten werde. Aber das ist ein eigenes Thema.

 

 

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