Azubis drehen in Afrika

ProSiebenSat.1 schickte zukünftige Mediengestalter nach Benin

Erstmalig hat die ProSiebenSat.1 Produktion zwei Mediengestalter während ihrer Ausbildung mit einem Drehauftrag für einen Dokumentarfilm nach Westafrika entsandt. Mit der Fertigstellung dieses großen eigenverantwortlichen Projekts waren insgesamt acht Auszubildende in München und Berlin befasst.

„Armut an jeder Ecke. Und doch versuchen die Menschen, irgendwie ihr Glück zu finden. Benin hat bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen.“ Der 23-jährige Rajko Winkler aus Berlin hat gemeinsam mit seinem Münchner Kollegen Tobias Wölfle, 24, das Bildmaterial für einen elfminütigen Image-Film und einen 30-minütigen Dokumentarfilm über die Arbeit der gemeinnützigen „Aktion pro Humanität“ (APH) in einem der ärmsten Länder der Erde gedreht. Im westafrikanischen, zwischen Togo und Nigeria am Golf von Guinea liegenden Benin beträgt die Lebenserwartung 50 Jahre, müssen 37 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze existieren.

APH fördert als humanitäre Nichtregierungsorganisation seit 1993 die medizinische und soziale Langzeitentwicklung im Südwesten Benins, einem ländlich strukturierten Gebiet mit ursprünglich miserabler medizinischer Versorgung.

Selbstschutz hat funktioniert

Zwei Wochen lang waren die angehenden Mediengestalter des dritten Lehrjahres im vergangenen Herbst hier zu verschiedenen APH-Hilfsprojekten unterwegs, recherchierten und drehten täglich bis zu zehn Stunden bei 40 und mehr Grad Hitze. Zur Seite standen ihnen mit Thorsten Timm ein erfahrener Producer sowie Birgit Schryvers, die Auftraggeberin des Filmes und aktives Mitglied der APH. Finanziert wurde das Projekt von der ProSiebenSat.1 Produktion – einem 100-prozentigen Tochterunternehmen der ProSiebenSat.1 Media AG mit ihren Sendern Sat.1, ProSieben, Kabel 1 und N24. Die Flüge des Filmteams von Deutschland nach Benin wurden von weiteren Sponsoren finanziert, die damit speziell das Filmvorhaben unterstützen wollten.

„Natürlich war Afrika eine Riesenherausforderung für uns und gleichzeitig ein großer Druck“, berichtet Tobias Wölfle. Für ihn und Rajko Winkler hatte das Los entschieden. „Wir wussten, dass der Auftrag für uns auch ein Experiment war. Schließlich waren wir, trotz verschiedener Drehaufträge während der Ausbildung, noch relativ unerfahren und darüber hinaus auch zum ersten Mal in Afrika.“

Jeden Tag wurde das vorab mit den Kollegen verfasste Skript den tatsächlichen Gegebenheiten angepasst. Durch die ausgezeichnete Organisation der APH war die Reise strukturiert und relativ sicher. Am meisten Sorge hatte Tobias Wölfle, dass die Technik bei 95 Prozent Luftfeuchtigkeit schlapp machen könnte. Die Kamera sieht er als einen Schutzschild, der ihm hilft, Abstand zu halten, um professionell arbeiten zu können. „Ich suche Bilder. Aber: Drehe ich alles und filtere hinterher? Oder bin ich schon der Filter?“, hat er sich manchmal gefragt. Leichen hätte er nicht aufgenommen, darüber sei er sich „klar“. Und auch bei den vor Ort gedrehten Voodoo-Zeremonien waren höchste Vorsicht und genaue Absprachen geboten, da der Glaube der Einheimischen ein Abbilden eigentlich verbietet. „Vor Ort habe ich funktioniert“, sagt Wölfle. „Erst später, mit Filmschnitt und -bearbeitung konnte ich verarbeiten, was ich gesehen habe.“

Auch bei Rajko Winkler, der für die Gesprächspartner und Interviews verantwortlich war, hat der zur Professionalität gehörende Selbstschutz weitgehend geklappt. „Es gab sehr viele schöne Eindrücke von der Landschaft und dem Vertrauen, der Aufgeschlossenheit der Menschen.“

Mitgebracht haben die beiden angehenden Medienprofis knapp 40 Stunden Filmmaterial. Daraus haben die Azubis in Berlin eine elfminütige Kurzfassung geschnitten, die als Image-Film der APH auf einer Galaveranstaltung bereits großes Lob geerntet hat. Seit Anfang Februar ist auch die 33-minütige Langfassung vom Münchner Azubi-Team mit der Postproduktion und der Sprachaufnahme – eine kostenlose Unterstützung durch den Sprecher Andreas Neumann – fertig. Die Dokumentation wird eventuell auf N24 ausgestrahlt und soll auch für Bildungszwecke eingesetzt werden. „Die Arbeit der Hilfsorganisation wird überzeugend dokumentiert. Ein beeindruckender Film, den unsere Azubis hier in kompletter Eigenregie und Verantwortlichkeit abgeliefert haben“, lobt auch Christian Garrels, Pressereferent der ProSiebenSat.1 Produktion. „Das Projekt war für alle Beteiligten äußerst erfolgreich.“ Gegebenenfalls werde man weitere solcher Möglichkeiten ins Auge fassen.

Basis und Referenz zugleich

Für Rajko Winkler und Tobias Wölfle ist der Film Basis und Referenz zugleich, gleich ob es mit dem Facharbeiterzeugnis Mediengestalter in der Tasche im Sommer in Richtung Studium oder Selbstständigkeit gehen soll. Das wissen beide noch nicht genau.

 

nach oben

weiterlesen

„Goldene Kartoffel“ für ältere Herren

Rund ums Karrieremachen und um „unterirdische Berichterstattung“ im Einwanderungsland Deutschland ging es bei der diesjährigen Bundeskonferenz der Neuen deutschen Medienmacher*innen (NdM) in Köln. Sowohl bei der Podiumsdiskussion mit arrivierten Journalist*innen aus Familien mit Migrationsgeschichte als auch bei der Verleihung des Negativpreises „Goldene Kartoffel“ herrschte eine motivierende Aufbruchstimmung – mit viel Selbstbewusstsein und leichter Ironie.
mehr »

Klare Stellung gegen rechts gefordert

Die zurzeit stattfindende Frankfurter Buchmesse wird überschattet von den Debatten um die Teilnahme rechtsgerichteter Verlage. Die Messeleitung beruft sich auf Meinungs- und Publikationsfreiheit. Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di reagiert mit Bestürzung auf die Ankündigung zahlreicher Autor*innen, der Frankfurter Buchmesse wegen der Präsenz rechter Verlage fernbleiben zu wollen, und fordert die Messeleitung auf, Rassismus und Menschenfeindlichkeit künftig keine Bühne mehr zu bieten.
mehr »

Verleger Ippen stoppt Bericht über Bild-Chef

Seit gestern steht der Vorwurf des Machtmissbrauchs bei Springer durch Bild-Chefredakteur Julian Reichelt erneut im Licht der Öffentlichkeit. Journalist*innen des Ippen-Verlages wollten nach wochenlanger Recherche über neue Erkenntnisse berichten. Verleger Dirk Ippen stoppte die Veröffentlichung. Das Team „Ippen Investigativ“ protestiert, da dies „allen Regeln der unabhängigen Berichterstattung“ widerspreche. Auch die dju in ver.di sieht Ippens Vorgehen kritisch. Reichelt wurde inzwischen von allen Aufgaben als Bild-Chef entbunden.
mehr »

Umdenken auf dem medialen Bildermarkt!

Der Fotojournalismus ist zukunftsfähig! Dieses positive Signal sendeten Vorträge und Diskussionen beim Fotograf*innentag 2021 am 8. Oktober in Dortmund. Es ging um neue Chancen für das Berufsbild in Zeiten des „digitalen Plattformkapitalismus“, zunehmender Anforderungen durch Auftraggeber und immer schlechterer Bezahlung. „Slow Journalism“, eigene, digitale Veröffentlichungsformate oder besser vernetzte Interessenvertretungen bieten Ansätze.
mehr »