Balance-Akt

22. Herbsttreffen der Frauen in den Medien in Bremen

„Balance-Akt“ – unter dieses Motto haben die Bremer Medienfrauen das diesjährige Herbsttreffen gestellt. Balance halten hieß es für die Vorbereitungsgruppe bei der Programmzusammenstellung, bei der Finanzierung, genauso wie für die Teilnehmerinnen, die zwischen mehr als einem Dutzend Arbeitsgruppen wählen konnten. 270 Frauen aus allen ARD-Anstalten, des ZDF und vom ORF waren in diesem Jahr an die Weser gereist.

Ein Balance-Akt wird jedes Jahr die Verleihung der Sauren Gurke. Bislang hat die Jury aber jedes Jahr die Balance halten können und Preiswürdiges gefunden. Für Erheiterung sorgte übrigens die Nachricht, daß eine bereits verschwunden geglaubte Ausführung der giftgrünen Gipsgurke den Weg ins Museum gefunden hat: In der Ausstellung über die west-östliche Schwesternschaft im Bonner Historischen Museum konnte sie besichtigt werden.

In diesem Jahr ging die „Saure Gurke“, der unbeliebte Wanderpreis der Medienfrauen, an die Redaktion des sonntagabendlichen ARD Quotenhits „Sabine Christiansen“. Nicht – wie fälschlicherweise dpa verbreitete – die Namensgeberin und Moderatorin Sabine Christiansen wurde prämiert, sondern die redaktionell Verantwortlichen hinter den Kulissen, somit diejenigen, die für Thema und Gäste zuständig sind. Die Saure Gurke wurde verliehen, weil in der Talkrunde seit einiger Zeit weitgehend auf weibliche Gäste verzichtet wird.

Auf diesen Tatbestand angesprochen, verteidigte sich der „Christiansen“-Pressesprecher Stefan Clausen mit eigenen Statistiken: 1998 – also im ersten Jahr – waren 25 Prozent der Gäste Frauen, 1999 jedoch nur noch 16,6 Prozent. Die Jurorinnen sind also auf der richtigen Fährte: Zunehmend verschwinden Frauen von der öffentlichen Bühne. Nicht nur das Thema „10 Jahre nach der Wende“ kann Mann im Gruppenbild mit einzelner Dame abhandeln. Auch die Sendung zu „Riesters Rentenreform“ wurde ohne künftige oder aktive Rentnerinnen diskutiert. Mit dem Preis, so schreibt die Jury, würdigen die Medienfrauen die Fähigkeit der MacherInnen, immer wieder von Neuem HERRschende Ansichten in den vertrauten Denk- und Sprachschablonen zu präsentieren. Immerhin luden die prämierten MacherInnen am ersten Sonntag im November gleich zwei Frauen in die traute Runde zum Gespräch. – Ach, hätte die Gurken-Verleihung doch immer so einen aufrüttelnden Effekt!

Die Idee, Alice Schwarzer zur Beraterin zu machen, kann sich nur günstig auswirken. Auch wenn die „Emma“-Herausgeberin in der Frauenscene durchaus umstritten ist, bin ich überzeugt, Alice Schwarzer würde für jedes Thema der Sonntagsrunde eine Frau aus dem erlauchten Kreis der „repräsentativen und führenden Frauen in Politik und Wirtschaft“ finden – vielleicht auch zwei, falls eine mal absagt.

Balance halten hieß auch die Devise in der Arbeitsgruppe „Positivpreis“. Immer wieder war auf verschiedenen Herbsttreffen gefragt worden: wo bleibt das Positive. In diesem Jahr fragten sich einige Medienfrauen, wie denn so ein Positivpreis aussehen könnte. Klar wurde bei den Diskussion, wie schmal der Grat ist, auf dem dann gewandert werden muß. Ein Beispiel: positiv könnte ein Film sein, dessen Form und Inhalt so ist, daß sich die Zuschauerinnen mit der Protagonistin identifizieren können. Die Falle wurde am Film „Anna Maria – eine Frau geht ihren Weg“ deutlich. Denn die Geschichte ist mit Klischees gespickt, so daß der Film letztlich bei der Sauren Gurke landen würde, wie eine Teilnehmerin hellseherisch zusammenfaßte.

Chromosomenpoker

Bei den Arbeitsgruppen erfreute sich – wie in den letzten Jahren auch – die Einführung in das Internet größter Beliebtheit. Zwei Mitarbeiterinnen des Bremer Frauen Computer Zentrums betätigten sich erfolgreich als Lotsinnen für die Internet-Aspirantinnen. „Verhandeln im Konfliktfall“ lautete der Titel einer weiteren Arbeitsgruppe. Rund 30 Frauen wollten lernen beziehungsweise ihre Fähigkeiten verbessern und sich kein „Y“ für ein „X“ vormachen lassen. Irmgard Günther, ausgewiesene Expertin im Feld von Teamtraining, Mediation und der Entwicklung von Mitarbeitergesprächssystemen, ließ die Frauen erst ein mal spielen. Offiziell hieß das Spiel „Gewinnt so hoch ihr könnt“; die Teilnehmerinnen machten daraus den „Chromosomenpoker“. Das Grundprinzip ist einfach: In zehn aufeinanderfolgende Runden sollen vier Gruppen entweder auf „X“ oder auf „Y“ setzen. Setzen alle auf „X“, gewinnen alle 10 Punkte. Ebenso wenn alle auf „Y“ setzen. Bei allen gemischten Ergebnissen gewinnen nur die, die auf „X“ gesetzt haben. Das ist allerdings nur der Rahmen. Es geht um die Konflikte, die in der Dynamik des Spiels entstehen: Loyalität, sich an Absprachen halten oder nicht, Risikobereitschaft oder sich unter Zeitstreß setzen lassen. Der Zeitstreß, das wurde in der Auswertung deutlich, war von niemandem in Frage gestellt worden. Auch die einzelne Kleingruppe ist dem Konflikt um den Zeitdruck aus dem Weg gegangen. Ansonsten waren alle Teilnehmerinnen nach 20 Minuten Spieldauer mittendrin im Thema „Verhandeln im Konfliktfall“. Alle Gruppen haben letztlich, was die Punktezahl betrifft, verloren, an Erkenntnissen natürlich nicht.

Situation in den Sendern

Noch nie in der Balance war das Verhältnis zwischen Frauen und Männer in den verschiedenen Sendern. Männer oben, wo es Geld und Einfluß gibt, Frauen in der operativen Ebene, wo es um viel Arbeit und wenig Geld geht. Jedes Jahr ermöglichen die „Berichte aus den Sendern“ einen Überblick: Stellenabbau in dreistelliger Höhe bei der Deutschen Welle. Da bislang noch unklar ist, wie es künftig mit der Deutschen Welle weitergeht, konnte DW-Frauenbeauftragte Ute Mies-Weber noch nicht sagen, wessen Stellen vor allem gestrichen werden. Ebenso steht der NDR vor dem Abbau von 500 Planstellen. Den „kleinen“ Sendern Radio Bremen, SR, SFB und ORB stehen ebenfalls diverse Änderungen ins Haus, die sich nicht unbedingt fördernd auf Frauen auswirken werden.

Positives zum Schluß: die meisten Frauenbeauftragten können jedes Jahr auch von den Vorwärtsbewegungen der Fortschrittsschnecke berichten: Die eine oder andere Frau hat es bis in die Leitungsebenen geschafft, auf einen KorrespondentInnenplatz oder gar auf die KommentatorInnenliste der Tagesthemen. Bei ZDF und WDR scheint das freundlichste Klima zu herrschen, wenn es um die Förderung von Frauen geht. Beim WDR fanden zwei Frauen Aufnahme in den Club der Höchstvergüteten, im ZDF verzeichnete die Frauenbeauftragte gleich fünf neue Frauen auf Leitungspositionen.

nach oben

weiterlesen

Medienleute schützen, nicht verteufeln

Als völlig geschichtsvergessen bezeichnet die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di Hessen den Aufruf aus dem Umfeld der sogenannten Querdenker, am Sonntag in Frankfurt am Main gegen die „gleichgeschalteten Medien“ zu demonstrieren. Von der Polizei werde erwartet, dass sie Journalist*innen vor Übergriffen schützt, betonen auch die öffentlich-rechtlichen Redakteursausschüsse.
mehr »

Verbandsklagerecht für Urheber unverzichtbar

Das Verbandsklagerecht muss zwingend als neues Rechtsinstrument in das Urheberrecht aufgenommen werden. Mit dieser Forderung wenden sich der Deutsche Journalisten-Verband und die Gewerkschaft ver.di gemeinsam an die Abgeordneten des Deutschen Bundestags. Unterstützung erfahren die beiden Gewerkschaften durch ein Rechtsgutachten und den konkreten Formulierungsvorschlag von Prof. Dr. Caroline Meller-Hannich, Universität Halle-Wittenberg.
mehr »

Corona wirkt als Test für Menschenrechte

Die Menschenrechtslage hat sich in der Covid-19-Krise für Millionen von Menschen unmittelbar oder mittelbar verschlechtert, stellt Amnesty International im weltweiten Menschenrechts-Report 2020/21 fest. In vielen Teilen der Welt hätten die Pandemie und ihre Folgen im letzten Jahr die Auswirkungen von Ungleichheit, Diskriminierung und Unterdrückung verstärkt. Auch für Deutschland wird Handlungsbedarf ausgemacht.
mehr »

Wie hybrid darf ein Dokumentarfilm sein?

Der Dokumentarfilm „Lovemobil“ bietet seit Tagen heißen Diskussionsstoff. Eine STRG_F-Reportage des NDR hatte enthüllt, dass die Autorin Elke Lehrenkrauss den Film teilweise mit Darsteller*innen inszeniert hatte - ohne dies offenzulegen. Die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG-Dok) nahm den Eklat um die "Fake-Doku" zum Anlass, in Kooperation mit der Deutschen Akademie für Fernsehen (DAfF) einen Web-Panel unter dem Titel „Was darf Dokumentarfilm?“ zu veranstalten.
mehr »