Begriff Bildredakteur komplett gestrichen

Große Umsatzeinbußen bei freien Fotografen

Die allgemein schlechte wirtschaftliche Situation in Deutschland trifft in der Medienbranche besonders die freien Mitarbeiter. Die überwiegende Zahl der Fotojournalisten arbeitet frei. Für sie gibt es weder Arbeitslosengeld noch Sozialpläne.

Schätzungen zufolge soll es in Deutschland weniger als 100 fest angestellte Fotografen bei Tageszeitungen geben. Und dies bei einer Gesamtzahl von circa 400 Tageszeitungen. Die Auftragslage für Freie wird immer schlechter. Falls doch Aufträge an Freie vergeben werden, muss der Fotograf in den meisten Fällen einer pauschalen Übertragung aller Nutzungsrechte zustimmen. Redaktionen führen schwarze Listen von Kollegen, die nicht mit dieser Bedingung einverstanden sind.

Der Berliner „Tagesspiegel“ hat sich diese Rechte sogar ohne Einwilligung der Fotografen selbst eingeräumt. Ein Musterprozeß verschiedener Berufsverbände (dju, DJV, Freelens) war schon in zwei Instanzen erfolgreich, muss aber noch weiter geführt werden (M berichtetet). Dieser Prozess wird von Verlegerseite verbissen und mit Gutachten geführt, die sehr teuer sind. Die Kosten übersteigen die Fotografenforderungen mittlerweile um ein Vielfaches, woraus wir schließen müssen, daß die Verleger darin einen Präzedenzfall sehen.

Redakteure mit Digitalkameras

Zur Krise der Pressefotografie hat die Digitalisierung der Fotografie stark beigetragen. Redakteure werden mit vollautomatischen Digitalkameras ausgestattet und müssen ihre Artikel selbst illustrieren. Kürzlich hat der Bundesgerichtshof (BGH) bestätigt, dass das Fotografieren zum Aufgabenbereich von Redakteuren gehört, es sei denn es ist ausdrücklich in Arbeitsverträgen anders fixiert. Die Resultate dieser „Kollegen“ sind so außergewöhnlich, dass der Hamburger Künstler Peter Piller daraus Bücher („Noch ist nichts zu sehen – Bauerwartungsflächen“ oder „Durchsucht und versiegelt – Tatorthäuser“) gemacht hat (www.peterpiller.de). Die nichtssagenden Schecküberreichungs-, Händeschüttel-, oder Tatortabsperrfotos kennen wir aus fast allen Tageszeitungen.

Aus Internet-Datenbanken laden sich Verlage zusätzliche Illustrationen herunter. Das sieht dann im Einzelfall so aus, dass ein Artikel, der zum Beispiel den Druck auf die Medienbranche verdeutlichen soll, mit einer Zitronenpresse und einer ausgepressten Frucht illustriert wird. Ein Artikel zum Thema Baubranche wird schlicht mit einem im Internet „gefundenen“ Baukran illustriert. Artikel zu Umweltproblemen werden mit austauschbaren Industriekulissen versehen. Die Fotos sind zu „Assets“ oder „Contents“ degradiert worden, Bausteine, die man zum Seiten füllen braucht und die überall im Internet verfügbar sind.

GETTY IMAGES, CORBIS, MASTERFILE und andere große Bildanbieter haben die wichtigsten Fotoarchive der Welt aufgekauft und in das Netz gestellt. Bill Gates hatte derartige Kapitalanhäufungen, dass es zweckmäßig war, die Gelder in Archivankäufe zu investieren, statt dafür Steuern zu zahlen.

Illustrationsmonopol

CORBIS, eine der größten Bildagenturen der Welt mit 60 Millionen Bildern, ist sogar im persönlichen Besitz von Bill Gates. So ist ein Illustrationsmonopol entstanden. Das Kartellamt konnte keinen Einfluss nehmen, da es internationale Transaktionen waren. Ganze Agenturen, darunter die Branchenriesen wie Bettmann, Sygma, und Gamma wurden kurzerhand übernommen und die Mitarbeiter entlassen. Ab sofort erfolgte eine zentralisierte Verwaltung direkt aus den USA, oder für Europa aus London.

Diese „Globalisierung“ der Bilder hat bei den nationalen Agenturen in Deutschland zu Umsatzeinbrüchen geführt, die teilweise über 50 Prozent liegen. Die Berufsverbände verlieren zur Zeit viele Mitglieder durch Insolvenz.

Online-Bilderbanken bevorzugt

Bildredakteure halten auch kaum noch Kontakte zu einzelnen Fotografen. Viel schneller und einfacher ist die Fotosuche in den großen Online-Bilderbanken. Immer häufiger wird diese Arbeit auch schon von den Textredakteuren erledigt. Die WAZ-Gruppe hat den Begriff Bildredakteur schon komplett gestrichen. In den Online-Bilderbanken sind ohne Verzögerung auch aktuelle Ereignisfotos zu haben, da bei den Marktführern Verträge mit CNN & NBC bestehen, die die Verwertung der digitalen Bilder aus Reportagefilmen ermöglichen.

Die Begriffe „Asset Management“ oder „Content Management“ werden in der Medienbranche inzwischen viel zitiert. Laut Wirtschafts-Lexikon ist ein „Asset“ Firmenkapital, das „zur Wertschöpfung bewirtschaftet und gepflegt wird“. Die Bemessung des Wertes von „Assets“ wird folgendermaßen beschrieben: „Medien-Assets bieten reduzierte Suchkosten, reduzierte Kosten durch Wiederverwendung statt Neukreation, reduzierte Kurierkosten, reduzierte Kosten durch beschleunigte Publikationsprozesse etc.“ „Content“ ist schlicht als beliebiger Inhalt zu übersetzen.

Dieser sprachliche Umgang lässt in den Hintergrund treten, dass es sich dabei um Fotos oder Texte handelt, die Ereignisse oder gar Schicksale beschreiben.

Ein weiteres Problem sind die Angebote von „Royalty Free“ Fotos im Internet oder auf CD. Wer diese Fotos einmal über Downloadzeiten oder als Kauf-CD bezahlt hat, kann diese Fotos zeitlich und räumlich unbegrenzt nutzen, ohne ein weiteres Honorar zu zahlen.

Keine Meinungsvielfalt

Was dabei auf der Strecke bleibt, ist die Meinungsvielfalt. Fotografen, die sich um gesellschaftliche Randbereiche und um Minderheiten kümmern, werden kaum noch wahrgenommen. Wir werden künftig mit den „globalen“ Ereignissen leben. Die Berichte aus der Nachbarschaft werden aus Kostengründen eingeschränkt sein. Ganz ungewohnt ist das nicht. Die Yellow Press hat seit jeher dafür gesorgt, dass wir über die Liebschaften, Seitensprünge und Fehlgeburten in den Promi-Haushaltungen besser Bescheid wussten, als über Vorgänge, die unsere Nachbarn betrafen.

Dr. Stefan Hartmann vom Branchendienst VISUELL beklagte kürzlich: „Hinzu kommt, dass immer weniger Print-Medien bereit sind, umfassende Reportagen und lange, aussagekräftige Fotostrecken zu bringen. Häppchenjournalismus, auch auf der Ebene der Fotografie, beherrscht das Bild.“

Die neue Technik, oft als Hoffnung für eine größere Meinungsvielfalt und Plattform für Einzelkämpfer gepriesen, bewirkt inzwischen das Gegenteil. Den Verlegern muss klar gemacht werden, dass sie noch größere Umsatzeinbußen hinnehmen müssen, wenn in fast allen Zeitungen die gleichen Agenturmeldungen und Fotos erscheinen. Wer liest schon verschiedene Zeitungen, die aus den gleichen Quellen schöpfen? Ganz findige Verlagsjuristen haben sogar schon angezweifelt, dass in Pixel aufgelöste Fotos, zumal wenn sie digital nachbearbeitet sind, keine Bilder sind, die im urheberrechtlichen Sinne honoriert werden müssen.

Aus für jeden Zweiten

Nur noch wenige Fotografen, die Spezialgebiete und Nischen in dem Illustrationsgeschäft bearbeiten, werden diese Entwicklung überstehen. Branchenkenner rechnen damit, dass jeder zweite freie Pressefotograf in den nächsten zwei Jahren aufgeben wird. In den nationalen Agenturen arbeiten zur Zeit die Mitarbeiter ihrer Arbeitslosigkeit entgegen, indem sie die „Bildtexte“ in international verständliche „Captions“ übersetzen.

Ein Rezept, mit dem wir dieser Entwicklung entgegen wirken können, fällt mir nicht ein. Hier sind wir als Solidargruppe der Fotografen gefordert zu handeln. Da wir aber heute als Einzelkämpfer nur noch wenig bewegen können, müssen wir unsere Präsenz in den Verwertungsgesellschaften und Berufsverbänden verstärken, um unsere Kolleginnen und Kollegen für diese Problematik zu sensibilisieren. Den Verlegern mit ihren unbezahlten Anzeigenkampagnen und ihrer bezahlten Lobbyistenschar dürfen wir nicht den unbestrittenen Einfluss auf die Gesetzgeber überlassen. So können wir wenigstens über die Geräte-, Leerkassetten- und Kopierabgaben eine teilweise Kompensation der Umsatzverluste erreichen.

 

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