Berliner Luft

Meinungsvielfalt in Gefahr?

Die Boulevard-Zeitungen „Hamburger Morgenpost“, „Berliner Kurier“ und „Kölner Express“ wollen eigene Berichterstattung durch eine Agenturgründung ersetzen. Durch den Blätterwald weht Berliner Luft.

Leidet die Meinungsvielfalt, wenn Teilbereiche der Redaktionen von drei Boulevard-Blätter in einer Agentur aufgehen? Diese Frage – und die nach der Vernichtung von Arbeitsplätzen – stellen sich derzeit die Betriebsräte von „Hamburger Morgenpost“, „Berliner Kurier“ und dem „Kölner Express“. Was seit Monaten in der Schwebe ist, soll noch in diesem Winter in die Tat umgesetzt werden: Die Bereiche Politik/ Nachrichten, überregionaler Sport, Auto/Motor/ Reise, TV/Kino sowie Vermischtes und Service sollen von einer Agentur seitenfertig erstellt werden (siehe hierzu auch „M“ 8-9/ 1998, Seite 18-19). Aufgeschreckt durch eine gemeinsame Betriebsratserklärung und Stellungnahmen der Gewerkschaften am 20. Januar berichteten mehrere Tageszeitungen am 20. und 21. Januar über den Vorgang.

Weil die Redaktionen bisher uninformiert blieben und man sich von den Verlegern „nicht überrumpeln lassen wollte“, trat man die Flucht in die (SIGMA)ffentlichkeit an, sagte die „Kurier“-Betriebsratsvorsitzende Renate Gensch zur „Frankfurter Rundschau“. Von den beteiligten Verlagen Gruner + Jahr, „Hamburger Morgenpost“ und „Berliner Kurier“) und DuMont-Schauburg („Kölner Express“) kamen halbherzige Dementis. G+J-Sprecher Peter Caspar Hamel bestätigte, daß Gespräche über Kooperationsmöglichkeiten im Gange sind. Die von den Betriebsräten genannte Zahl von 50 Arbeitsplätzen, die in Gefahr seien, bezeichnete Hamel als „falsch“. DuMont ließ verlauten, die Betriebsratsspekulationen entbehren „jeder Grundlage“, es werden lediglich Gespräche mit den Ziel, „Qualität und Wettbewerbssituation der Blätter zu verbessern“, geführt.

Doch nicht nur die Angst um den Wegfall von Arbeitsplätzen treibt die Betriebsräte um. Unisono mit der IG Medien und dem Deutschen Journalistenverband (DJV) ist man der Ansicht, daß die Meinungsvielfalt auf der Strecke bleibt. So befürchtet IG- Medien-Chef Detlef Hensche eine „Einheitssaucen-Berichterstattung“, wenn für drei sehr unterschiedliche Regionen überregionale Themen nicht mehr auf die unterschiedlichen Leserbedürfnisse vor Ort heruntergebrochen werden. Peter Schröder-Metz, Landesvorsitzender der Fachgruppe Journalismus in der IG Medien Nordrhein-Westfalen, warf den Verlagen „Managementfehler wie schlechte Personalführung, hektische Konzeptwechsel und Fehleinschätzung des Marktes“ vor. Angesichts der aktuellen Bilanzen der Pressekonzerne sei das Vorgehen „noch unverständlicher“, heißt es in einer Erklärung der IG Medien Berlin-Brandenburg.

Alle drei Zeitungen haben seit geraumer Zeit mit stagnierender oder sinkender Auflage zu kämpfen. Bereits auf der Bilanz-Pressekonferenz im letzten Sommer hat G+J-Vorstandsvorsitzender Gerd Schulte-Hillen angekündigt, daß man auf der Suche nach Synergieeffekten ist, um die „Hamburger Morgenpost“ aus den roten Zahlen zu holen. Derweil zeigt sich deren Chefredakteurin Marion Horn über die Aufregung verwundert. Sie sagte, in einer Absichtserklärung der drei Chefredaktionen wurde schon vor Wochen deutlich gemacht, daß die Zusammenarbeit verstärkt werden soll. „Da steht nichts von Kosteneinsparung drin“, so Horn, „wenn sich welche durch unsere Idee einsparen lassen, dann ist das ein guter Nebeneffekt.“

Die Betriebsräte betonen in ihrer Erklärung, daß gegen die „Wiederherstellung der Wirtschaftlichkeit“ der drei Zeitungen nichts einzuwenden sei. Dieses Ziel könne aber nicht mit Einsparungen im Personalbereich erreicht werden. „Gegen jeden Versuch, Kolleginnen und Kollegen betriebsbedingt zu entlassen, werden wir uns mit allen Mitteln wehren“, so die Betriebsräte. Zusammenarbeit, die die Qualität hebt und zur Akzeptanz bei den Leser führt, wird begrüßt.

Die „Süddeutsche Zeitung“ spekuliert, mit der Zusammenarbeit von G+J und DuMont soll eine Personalrochade ermöglicht werden. Martin E. Süsskind, Chefredakteur beim DuMont Blatt „Kölner Stadtanzeiger“, soll so schnell wie möglich Chefredakteur des G+J-Blattes „Berliner Zeitung“ werden. Diese soll nach den Vorstellungen von G+J-Zeitungsvorstand Bernd Kundrun die „Hauptstadtzeitung Nummer eins“ werden. Überhaupt ist im Zeitungsmarkt die „Hauptstadtmania“ ausgebrochen. Neuerdings haben auch taz und FR eine Berlin-Seite. Das renommierte „Zeit-Magazin“ soll eingestellt und durch das Ressort „Leben“ mit Sitz in Berlin ersetzt werden. Und selbstverständlich soll die Boulevard-Agentur ihren Sitz in Berlin haben. Kundrun transportiert ebenfalls noch einen Koffer in die Hauptstadt: In einem Joint-Venture mit dem englischen Zeitungskonzern Pearson soll es ab dem Jahr 2000 eine deutschsprachige „Finacial Times“ geben.

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