Bildagenturen – Partner der Fotografen?

Immer mehr lizenzfreie Bilder überschwemmen den Markt

„Wenn Sie ein Produkt von Digital Vision erwerben, erhalten Sie eine weltweit gültige, lebenslange Lizenz, die es Ihnen ermöglicht, das Produkt zu nutzen, wann, wo, wie und sooft Sie wollen (…) zu einem Bruchteil der Kosten von urheberrechtlich geschützten oder in Auftrag gegebenen Bildern.“ Ankündigungen wie diese, mit denen die Werbewirtschaft und Medien immer häufiger geködert werden, lassen freie Fotografinnen und Fotografen unwillkürlich zusammenzucken.

Der Markt lizenzfreier Bilder wächst rasant. Die Agentur Mauritius verkauft inzwischen rund ein Viertel ihrer 400.000 Fotos lizenzfrei über die so genannte „Royalty Free“-Schiene. Täglich kommen nach eigenen Angaben 500 neue Bilder dazu. Auch Keystone, mit vier Millionen Fotos im Angebot auf nationaler Ebene einer der Branchenriesen, plant den Einstieg ins Royalty Free-Geschäft. Gleichzeitig schießen Unternehmen, wie Digital Vision, Pixtal, Pixland, Bananastock, Superstock, Goodshoot, die ausschließlich urheberrechtsfreie Bilder vertreiben, wie Pilze aus dem Boden. Bei der Kölner Agentur Elocon erhält man schon für acht Euro Fotos mit unbegrenzter Nutzungslizenz. Gar nicht zu reden von der wachsenden Zahl der Fotos, die von PR-Agenturen, zum Beispiel für die Reisebeilagen von Tageszeitungen, völlig kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

Wenn sich vor diesem Hintergrund die Bildagenturen, wie auf der Picta in Hamburg, als Partner der Fotografen darzustellen versuchen, muss dies als sehr einseitige Betrachtung eines ungleichen Verhältnisses erscheinen. Dabei geht es weniger um individuelle Vorwürfe, als um die Folgen eines gravierenden Strukturwandels des Bildermarktes. Wer wollte den Agenturen widersprechen, wenn sie betonen, dass sie großen Wert auf ein gutes Verhältnis zu ihren Fotografinnen und Fotografen legen? „Es macht keinen Sinn, die Bilderlieferanten zu quälen“, sagt Jan Leidicke, Inhaber von Keystone. Mauritius-Chef Hans-Jörg Zwez möchte seinen Fotografinnen und Fotografen gar „eine Heimat geben“. „Wir unterstützen sie zum Beispiel, indem wir Themen vorgeben und Projekte vorfinanzieren.“ Beide Agenturen beteiligen die Lieferanten ihrer urheberrechtlich geschützten Fotoarchive denn auch mit 50 Prozent an den Umsätzen, was heutzutage, vorsichtig formuliert, nicht unbedingt mehr die Regel ist.

Zeitlos Seichtes

Probleme bekommen die Fotografinnen und Fotografen eher durch das wachsende Royalty Free-Segment. Individuell betrachtet fahren die Produzenten lizenzfreier Ware womöglich gar nicht schlecht, wenn sie ein von der Zahl und der Art der Veröffentlichung unabhängiges, einmaliges Honorar vereinbaren. Einmal im Netz oder auf CD überschwemmt die Massenware jedoch den Markt und macht damit denjenigen Kolleginnen und Kollegen das Leben schwer, die nach wie vor auf Abdruckhonoraren und Urheberrechten bestehen.

Um lizenzfreie Bilder in Millionenauflage erfolgreich in den Markt zu drücken wie Hosenknöpfe oder Chickenwings bedarf es jedoch einer weiteren, entscheidenden Voraussetzung: Die Bildsprache muss sich dem Massengeschmack anpassen. Diese Entwicklung ist inzwischen weit fortgeschritten mit spürbaren Konsequenzen. Immer mehr Ereignisse werden durch zeitlose Studioaufnahmen illustriert. Gefragt sind vor allem Promis, Buntes, Seichtes, Palmenstrände. Wer auf der Website von Mauritius beispielsweise den Suchbegriff „Gewerkschaft“ eingibt, erhält aus 400.000 Fotos ganze 15 Angebote. Darunter nur ein Foto mit einem „echten“ Gewerkschafter: Jimmi Hoffa aus den USA, ein Foto von 1957. Der klägliche Rest: sorgfältig arrangierte und ausgeleuchtete Stilleben mit Blaumann, Arbeitshelm, Maurerkelle und Schraubenschlüssel.

Selbst Visum, bekannt als Agentur für anspruchsvolle Autorenfotografie, bekommt die veränderte Bildästhetik zu spüren. Beim Blättern durch die Abdrucke der jüngsten Zeit fällt der Blick auf immer dieselben, altbekannten Standardmotive: die Bankenskyline von Frankfurt, die Oper von Sydney oder die Flagge der Schweiz, der Europäischen Union oder irgendeines anderen Landes.

Was der Markt verlangt

„Das sind die Motive, die sich verkaufen“, sagt Visum-Geschäftsführer Lars Bauernschmitt, gleichzeitig Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes der Pressebildagenturen und Bildarchive (BVPA), Veranstalter der Picta. Man mag diese Entwicklung beklagen oder sich ihr anpassen. Verantwortlich sind die Agenturen dafür nicht zu machen. Sie liefern nur das, was der Markt verlangt, das jedoch in perfekter Qualität. Denn darin sind sich Leidicke, Zwez und Bauernschmitt einig: In technischer Hinsicht werden die Anforderungen an die Fotografinnen und Fotografen weiter steigen.

 

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