Buchtipp: Bilder stehen nicht allein

image/con/text ist ganz sicher kein einfaches Buch, kein Ratgeber für fotografische oder redaktionelle Praxis im Alltag. Image/con/text ist eine wissenschaftliche Arbeit, entstanden in einem Forschungsprogramm. Es gilt, englische Texte, Quellenverweise, Zitate zu lesen. Herausfordernd, aber lohnenswert.

Die Diskussion um den Kontext von Bildern, der Authentizität von dokumentarischer Fotografie oder Film beschäftigt Urheber*innen, Bildredaktionen und natürlich die Betrachter*innen dieser Medien schon immer. Bilder und Filme werden gedeutet über kulturelle, gelernte ästhetische Zusammenhänge. Dabei wurden und werden gerade fotografische Bilder /Filme schon immer manipuliert, sei es durch Eingriff in das Bild selbst, durch Bildunterschriften oder durch Veröffentlichung in bestimmten Zusammenhängen. Inszenierten Bildern kommt darüber hinaus noch eine besondere Bedeutung zu, siehe auch die Kontroverse bei Correctiv letztes Jahr.

Ein – auch bewegtes – Bild ist noch lange nicht die Realität. Fotogra­fische Ikonen wie der „Fallende Soldat“ von Robert Capa stehen unter „Fake“-Verdacht. Es wird unterstellt sie seien inszeniert, nicht dokumentarisch. Nichts desto trotz bleiben sie Ikonen für den Spanischen Bürgerkrieg und für den sinnlosen Tod von Soldaten darüber hinaus.

Visuelle Werke können gelesen werden über die Bildunterschriften, den begleitenden redaktionellen Text. Beispiele dazu gibt es genug, u.a. in der mmm-Kolumne „Bildkritik“ von Felix Koltermann (https://mmm.verdi.de/beruf/bildkritik-tiefer-griff-in-klischeekiste-68475). Der vermeintliche Inhalt des Bildes ändert sich je nach Kontext. Selbst Urheber*­innen stellen Kontext in Frage bzw. schaffen neue Zusammenhänge, schon in der Malerei. Rene Magritte ist ein Beispiel dafür: Das optisch eindeutig gemalte Abbild einer Pfeife ist vom Maler beschrieben „Ceci n’est pas une pipe“: das ist keine Pfeife. Auch non-verbaler Kontext kann die Bildaussage verändern: Größe und Platzierung in Ausstellungen, die umgebenden Bilder oder das Layout eines Fotobuchs.

Fazit: Image/con/text ist ein Buch, das den eigenen Blick in Frage stellt, ihn schult und Lust auf Auseinandersetzung mit sich und der eigenen Sehweise macht sowie Orientierung gibt.

Über verschieden Ansätze wird deutlich, dass „Bild“ nichts Neutrales ist, kein Abbild einer allgemeingültigen Wirklichkeit. Authentizität, Objektivität und Propaganda sind nicht naturgegebener Bestandteil des fotografischen oder filmischen Bildes – diese Parameter werden durch den Kontext gesetzt: durch Worte, Bildunterschriften, aber auch sublimer in Ausstellungen, Fotobüchern, und und und … Auf jeden Fall lesenswert für alle, die sich mit „dokumentarischer“ Fotografie/Film auseinandersetzen, sei es als Urhebe*in oder als Nutzer*in, die Bilder/Filme im Alltag in Kontext setzen müssen.

Image/con/text (ISBN 9-783496-016465, reimer-verlag.de, Herausg. Prof. Karen Fromm, Sophia Greiff, Malte Radtki, Anna Semmler)

Vorläufer: Images in Conflict – Bilder im Konflikt (Prof. Karen Fromm, Sophia Greiff, Anna Semmler, Jonas Verlag, ISBN 9-83894-455620)

 

 

 

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