Buchtipp: Lampedusa – Bildgeschichten

Migrant Image Research Group: Lampedusa - Bildgeschichten vom Rande Europas, 324 Seiten, Spector Books, Leipzig Juni 2017, ISBN: 9783959051736, 28 Euro.

In den Jahren 2015 und 2016 machten die Themen Flucht und Migration einen nicht unerheblichen Teil der massenmedialen (Bild-)Berichterstattung aus. Problematisiert wurden die damit verbunden visuellen Verkürzungen und Stereotypisierungen bisher vor allem auf wissenschaftlichen Tagungen oder in Form öffentlicher Podiumsdiskussionen. Was in der Auseinandersetzung bisher fehlte, war ein Band, der sich den Produktionsbedingungen und -routinen annimmt, was das Ziel des Buches „Lampedusa – Bildgeschichten am Rande Europas“ ist.

Herausgegeben wurde das Buch von der Migrant Image Research Group, einem losen Netzwerk und Zusammenschluss von Wissenschaftler_innen, Kurator_innen und Künstler_innen. Bekanntere Mitglieder der Gruppe sind die Schweizer Fotohistorikerin Estelle Blaschke, die Leipziger Verleger Jan Wenzel und Anne König von Spector Books sowie der Berliner Foto-Künstler Armin Linke, der sich mit politischen Foto- und Filmprojekten einen Namen gemacht hat. Letzterer war es auch, der im Jahr 2010 den Anstoß zum Projekt gab, als er mit einer Gruppe von Studierenden der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe eine Recherchereise nach Lampedusa unternahm, um hinter die Kulissen der massenmedialen Bildberichterstattung zu blicken. Dabei sind eine Reihe von aufschlussreichen Video-Interviews mit Fotojournalisten, Bildredakteuren und Aktivisten entstanden, die bis heute online einsehbar sind.

Der besondere Kniff des im Leipziger Kunstbuchverlag Spector Books erschienenen  Bandes ist es, das Medium Zeichnung oder besser gesagt die Graphic Novel als tragendes Element der Visualisierung zu nehmen und damit eine reflektierende visuelle Erzählebene zu schaffen, die weder über reinen Text noch über die Fotografie erreicht werden könnte. Ziel war es laut Jan Wenzel, damit „einen Außenblick auf die Fotografie zu erlangen“. Die vier Zeichner_innen Emilie Josso, Paula Bulling, Haitham El-Seht und Mohammed El-Seht verleihen mit ihren fast ausschließlich in Schwarz-Weiß gehaltenen Bildern dem Thema die nötige Ernsthaftigkeit und gleichzeitig ein ausgewogenes Nähe-Distanz-Verhältnis. Erzählt wird in den Graphic-Novel Geschichten vor allem der Reflexionsprozess über die Produktionsbedingungen des Fotojournalismus sowie die Recherchearbeiten in der Region.

Mit einem guten Gespür für Zwischentöne und Hintergründe, kommen in dem Band sowohl die Akteure zu Wort, die für Produktion, Distribution und Publikation der Bilder über Migration verantwortlich sind, als auch diejenigen, die an unterschiedlichen Stellen beruflich oder privat mit dem Thema Migration zu tun haben. Über Produktionsroutinen geht es bei Gesprächen mit den Fotojournalisten Guilio Piscitelli und Maurizio Seminara, über die Fallstricke der Bildauswahl bei Interviews mit den italienischen Bildredakteurinnen Giovanna Calvazzi und Renata Ferri. Und während Elena Prazzi von ihrer Arbeit für die Umweltschutzorganisation Legambiente auf der Insel erzählt, gibt der Insulaner Giacomo Sferlazzo einen eigenwilligen Einblick auf die Migration über gefundene und zurückgelassene Objekte. Auch ein Besuch bei der Agentur Frontex in Warschau, wo die Rettungseinsätze im Mittelmeer koordiniert werden, darf nicht fehlen.

Das Buch hat auf positive Art viel von einem Archiv mit Work-In-Progress Charakter. An einer Stelle taucht man ein, an einer anderen wieder auf, um dann von einem neuen Aspekt gefesselt zu werden. Eine lineare Erzählung gibt es nicht und diese ist auch nicht notwendig. Geschuldet ist dies auch den verschiedenen Formaten zwischen Zeichnung und Graphic Novel, wissenschaftlichen Texten, Interviews und Bildgeschichten. Es passt zur Intention des Bandes, Fragen zu stellen und genau hinzuschauen, ohne dabei klare Antworten zu liefern. Genau das macht seine Stärke aus. Dass sich dieses Erzählformat dabei auch in anderen Kontexten bewährt hat, zeigte die Ausstellung im Sommer 2017 im Mannheimer Ausstellungsraum Zephyr, auf der von Florian Ebner kuratierten Biennale für zeitgenössische Fotografie, mit der das Projekt erstmals an die Öffentlichkeit ging.

 

 

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