Corona: Herkels Wochenrückblick Nr. 1

Jeden Montag gibt es von Günter Herkel bis auf Weiteres eine subjektive Rückschau auf relevante oder auch amüsante Meldungen und Entwicklungen rund um die Medienbranche.
Bild: 123rf

Es soll Zeitgenossen geben, für die das gestrige Ende der ARD-„Lindenstraße“ eine größere Katastrophe markiert als das nach wie vor wütende Virus. Für alle, die nicht so denken, bieten wir bis auf Weiteres jeden Montag eine subjektive Rückschau auf relevante oder auch amüsante Meldungen und Entwicklungen rund um die Medienbranche.

Gelegentlich soll ja die Krise originelle Programmformate hervorbringen. „Die Quarantäne-WG“ von RTL zählt mit Sicherheit nicht dazu. Die Idee: Man bringe drei Promis – Gottschalk, Jauch, Pocher – per Video-Chat zusammen und lasse sie reden. Heraus kam ein inspirationsloses Gelaber mit viel Leerlauf, bei dem sich ausgerechnet Pocher – vermutlich weil infektionsbetroffen – noch am besten schlug. Die beiden anderen einstigen öffentlich-rechtlichen Großmeister entzauberten sich selbst. Ohne Show-Treppe, Quiz-Ambiente und Saalpublikum ging nichts. Nach drei Folgen mit ins Bodenlose stürzenden Quoten zog RTL schon am Donnerstag den Stecker.

Aktueller Spitzensport findet derzeit aus den bekannten Gründen nicht statt. Aber Fußball geht immer, muss sich dagegen Das Erste gedacht haben. Und sei es aus der Konserve. Folglich sendete es am Samstag zur „Sportschau“-Zeit die Reprise des legendären EM-Halbfinales von 2016, Deutschland-Italien (7:6 nach Elfmeterschießen). Mit beachtlichem Erfolg: Mehr als 1,8 Millionen Fans ergötzten sich angesichts der tristen Gegenwart an vergangenen Triumphen. Nicht auszudenken, wenn das Schule macht!

Die Krise bringt viel Solidarität und gemeinnützige Aktionen hervor. Allerdings schlägt jetzt auch die Stunde der Trittbrettfahrer und Scheinheiligen. „Wir verbinden Deutschland“ verkündet magentafarben die Telekom auf ganzseitigen Zeitungsanzeigen. Und bietet zum Beispiel „den neuen Streaming-Dienst Disney+ bei uns für sechs Monate geschenkt, um auch in ernsten Zeiten ein wenig Ablenkung zu haben“. Wie heißt es in Dealer-Kreisen? Der erste Schuss ist immer umsonst.

In Spendierlaune zeigt sich auch Gruner + Jahr. Sämtliche digitalen Magazine können ab sofort auf einer eigens eingerichteten Seite kostenlos abonniert werden. Bis Ende April kommen Freund*innen von „Stern“, „Brigitte“, „Gala“, „Barbara“ und „11Freunde“ gratis zu ihrem digitalen Lesestoff. Eine Aktion, die in der Branche durchaus kontrovers diskutiert wird. Schließlich sind viele Verlage froh darüber, dass sich bei der Leserschaft allmählich das Bewusstsein durchsetzt, dass guter Journalismus Geld kostet. Obgleich Kritiker lästern, wenn Corona-relevante Inhalte hinter der Bezahlschranke versteckt werden.

Entsprechend verschnupft kritisiert Frank Nolte von der Bauer Media Group, kostenlose Online-Angebote von Verlagen schwächten „naturgemäß den Handel, zuallererst den selbstständigen Einzelhandel, der über geringe finanzielle Reserven verfügt“. Man darf wohl gespannt auf eine neue Dolchstoßlegende sein, wenn am Ende der Krise das ein oder andere Objekt in die Knie gehen sollte.

Sechs Millionen für Deutschland bestellte Masken (Typ FFP2) sollen „auf einem Flughafen in Kenia spurlos verschwunden“ sein, berichtete „Der Spiegel“ am Dienstag. Kurze darauf tauchten  Atemschutzmasken zum Wucherpreis von 15 Euro pro Stück im Online-Handel auf. Schon zwei Tage später nahte die vermeintliche Rettung aus dem Hause Burda. Mittels zweier kostenfreier „Nähanleitungen für Behelfs-Atemschutzmasken“, geeignet sogar für „Näheinsteiger ohne Vorkenntnis“. Wohlweislich gefolgt vom Hinweis der „Kreativmarke Burda Style“, dass mangels „Zertifizierung oder Prüfung hinsichtlich der Wirksamkeit“ die Benutzung des Do-it-yourself-Objekts „auf eigene Verantwortung“ erfolge. Gleichwohl einmal mehr verblüffend, wie flink der Kapitalismus auf neue Bedürfnisse reagiert.

Es wäre verwunderlich, wenn ausgerechnet in der Virus-Krise die Produzenten von Verschwörungstheorien Zurückhaltung übten. Neben unappetitlichen, zum Teil antisemitischen Legenden zur Herkunft der aktuellen Seuche kursieren im Netz auch jede Menge hirnrissige Beiträge dazu, wie das Virus vermieden oder geheilt werden könne. Ein ganz schlichter Ratschlag lautet etwa, Vitamin C könne Viren zuverlässig abtöten. Solchen und ähnlich dämlichen Tipps geht der Faktencheck des gemeinnützigen Recherchenetzwerks Correctiv regelmäßig nach.

Auch die Bundeszentrale für politische Bildung wartet seit kurzem mit einen neuen Podcast über Verschwörungstheorien und Mythen rund um das Coronavirus auf. Autor ist der freie Journalist Axel Schröder. Alle Folgen von „Die ‚Wahrheit‘ in Zeiten von Corona“ können auf Spotify und auf bpb.de angehört werden.

Immer noch das beste Info-Format aus wissenschaftlicher Sicht ist das „Coronavirus Update“ von NDR Info mit dem Virologen Christian Drosten von der Berliner Charité. Über 15 Millionen Abrufe bis zum vergangenen Freitag sprechen für sich.

Wer als Journalist in Sachen Corona-Recherche unterwegs ist, sollte übrigens möglichst seinen Presseausweis immer parat haben. Sonst ergeht es ihm möglicherweise wie dem freien Reporter Daniel Bouhs in Mecklenburg-Vorpommern. Der wurde bei einer Verkehrskontrolle nicht nur nach einer Drehgenehmigung gefragt, sondern bekam auch die Ansage: “Tanken ist okay, Brötchen kaufen Straftat.”

Wer angehalten wird, zum Selbstschutz möglichst keinen überflüssigen Schritt vor die Tür zu machen, sucht nach Beschäftigung zu Hause. Im Zeichen von massenhaftem Home Office und sanft erzwungener Quarantäne verwundert es nicht, dass der Journalismus boomt. TV-Sender und Internet verzeichnen Nutzerrekorde. Und auch aus der Verlagsbranche gibt es Meldungen über steigende Kundenzahlen bei digitalen Abos. Ob diese aber ausreichen, um die Verluste im dramatisch wegbrechenden Werbemarkt auszugleichen? Abwarten.

Der Hunger nach verlässlicher Information beschert weiterhin vor allem den starken Marken von ARD und ZDF enormen Zulauf. In Notzeiten verwandelt sich die 20 Uhr-„Tagesschau“ samt folgenden „Spezials“ plötzlich wieder in das analoge Lagerfeuer, mit täglichen Nutzerzahlen von mehr als acht Millionen allein im Ersten, unter Einschluss sämtlicher Dritter, 3sat, Phoenix & Co sogar bis zu 19 Millionen. Auch das ZDF meldet neue Zuschauerrekorde – mehr als sechs Millionen für „Heute“. Selbst die Privaten – „RTL aktuell“ und die „Sat.1 Nachrichten“ –  weisen Höchstzahlen aus. Noch extremer sind – prozentual gesehen – die Zuwachszahlen von Spartensendern wie n-tv und Welt TV.  Gleiches gilt für die öffentlich-rechtlichen Talkshows, die im Schnitt um 50 Prozent zulegen. „Markus Lanz“ erfreut sich im Vergleich zu 2019 einer glatt verdoppelten Zuschauerzahl. Man darf gespannt sein, ob das Publikum sich auf Dauer diesem Corona-Overkill aussetzen mag. Mehr Zahlen, auch zu Internet und Social Media hier.

Zum gesundheitsbewussten Start in die Woche hier noch der Hygiene-Tipp eines früheren Mister Universum und US-Gouverneurs:


M – Der Medienpodcast: einzigartig anders, denn wir fragen genauer nach

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