Corona: Herkels Wochenrückblick Nr. 5

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Immer mehr Medienunternehmen setzen im Zeichen der Krise auf Kurzarbeit. In der letzten Woche traf es die Redaktionen von „Süddeutscher Zeitung“, „Handelsblatt“, „Wirtschaftswoche“, „Tagesspiegel“, sogar die „Zeit“, die laut jüngster IVW-Auflagenstatistik gerade wieder die Halbmillionen-Marke geknackt hat und über so viele Leser*innen jubelt wie lange nicht mehr.

Der Berliner Verlag gab in einer Hausmitteilung kund, „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“ hätten trotz Verzicht auf „jegliches Verlagsmarketing“ den Auflagenrückgang „nahezu gestoppt“. Zugleich verzichte man allerdings vorläufig auf eine Meldung der aktuellen Zahlen bei der Prüfstelle IVW – mangels Vergleichbarkeit wg. Covid-19-Krise. Ein Schelm, der Böses dabei denkt…

Auch die beiden großen Privatsendergruppen RTL und ProSiebenSat.1 kündigten zuletzt Kurzarbeit an. Nanu? Haben nicht Arbeitsaufwand und Nachfrage bei fast allen Medien im Zeichen von Corona enorm zugenommen? Überstunden – das weiß jeder Branchenkundige – sind im Journalismus seit jeher die Regel, auch unvergütete. Wer aber Journalist*innen bei Kurzarbeit weiter 100 Prozent arbeiten lässt, riskiert Subventionsbetrug, findet taz-Medienjournalistin Anne Fromm. Schließlich würden ausfallendes Gehalt und Sozialbeiträge größtenteils von der Allgemeinheit übernommen.

Erstmals in ihrer Geschichte übertrugen die Zeitschriftenverleger seuchenbedingt ihre Jahres-PK live aus dem Web-TV-Studio der Bundespressekonferenz. Zwecks Kompensierung wegbrechender Anzeigen- und Verkaufserlöse fordern sie unter anderem Gleichstellung mit den Zeitungsverlegern, will sagen: am beschlossenen, aber von der Bundesregierung noch nicht freigegebenen 40-Millionen-Vertriebsförderungstopf naschen zu dürfen.

Keinen Grund zum Jammern hat dagegen Amazon – aus naheliegenden Gründen. Ebenso der Streamingdienst Netflix. Im Zeichen von Ausgangssperren und Social Distancing wächst die Kundschaft unterhaltungswütiger Serien-Junkies rasant. Knapp 16 Millionen neue Abonnent*innen binnen drei Monaten – das schlägt alle bisherigen Rekorde. Günstiger, weil Teil des Rundfunkauftrags und daher im Beitrag enthalten, sind spezielle Formate der Öffentlich-Rechtlichen. Da wäre zum Beispiel Sebastian Pufpaffs Kurzprogramm „Noch nicht Schicht!“ auf 3sat, produziert von allen Beteiligten im Home-Office. Der Comedian nimmt sich in seinem Wohnzimmer auf, der Regisseur ist zugeschaltet, das fertige Produkt wird von der Redaktion zuhause abgenommen – fertig ist ein witziger Stand-Up rund um Corona. Werktäglich um 19:50 Uhr kurz vor der „Tagesschau“ auf 3sat und in der Mediathek.

Ebenfalls im Home-Office entstand die Reihe „4 Wände Berlin“ im Auftrag des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb). 30 Filme à 120 Sekunden, allesamt persönliche Statements und Stimmungsbilder von bekannten und weniger bekannten Filmemacher*innen (Andreas Dresen, Wim Wenders, Mo Asumang) aus der Hauptstadtregion. Sogar das Sandmännchen taucht auf, streut Traumsand per Laptop.

Ein ähnliches Format wie Pufpaff auf 3sat liefert Friedrich Küppersbusch mit seinem „LockerRoom“ auf YouTube. Küppersbusch? Die Älteren werden sich erinnern: In grauer Vorzeit produzierte der mal Satire-Perlen wie „ZAK“ und „Tagesschaum“. Alles wohl irgendwie zu anarchisch für seinen Heimatsender, den WDR. Weshalb man diesem Treiben bald ein Ende setzte. (Heutzutage produziert K. mit seiner Firma probono Sendungen wie „Chez Krömer“ für den RBB.)   „LockerRoom“ heißt im Untertitel „Schaumschlägerei zur Coronakrise“ und glänzt mit Reimen wie „Wer ohne Mundschutz sündigt, wird liebevoll entmündigt“. Fünf kurzweilige Minuten, gelegentlich mit Gitarrenbegleitung. Und wieso nicht im WDR? Kommentar des TV-Kritikers Hans Hoff: „Ungeordnete Kreativität oder gar spontanen Humor mag man nicht im Buhrow-Sender, denn seit der Oma-Sau tragen die Kreativen dort geistigen Mundschutz.“

Seit Mittwoch wissen wir, wer in diesem Jahr für den Grimme Online Award nominiert ist. Wenig verwunderlich in Seuchenzeiten: Allein elf Vorschläge, damit fast jeder dritte der 28 Kandidaten, fallen in die Kategorie „Information“. Folgerichtig zählt unter anderem der NDR-Podcast „Das Coronavirus Update“ mit Christian Drosten zu den Nominierten. Und wäre nicht Corona, so stünde vermutlich das 30jährige Jubiläum des Mauerfalls im Fokus. Damit beschäftigen sich Produktionen wie der ZDF-Mitmach-Podcast „Meine Wende – Unsere Einheit?“ und das datenjournalistische Projekt „Warum die Treuhand das Land spaltet“ vom MDR. Rezos YouTube-Video „Die Zerstörung der CDU“ (17,1 Millionen Aufrufe) wurde in der Kategorie „Spezial“ nominiert.

Verschärft hat sich in der letzten Woche die Auseinandersetzung um Medienberichterstattung und Medienforschung zu Corona. „Sind alle Journalisten Versager?“ kommentiert entrüstet Ex-FAZ-Herausgeber Werner D’Inka im Blatt für die gebildeten Stände. Für ihn ist die Kritik vieler „Medienforscher“ (Gänsefüßchen bei D’Inka) komplett unberechtigt: Distanz- und kritikloser Umgang mit Zahlen und Statistiken (Klaus Meier von der Katholischen Uni Eichstätt)?  Zu geringe Vor-Ort-Präsenz (Otfried Jarren, Uni Zürich)? „Systemversagen des Journalismus“ (Claus Eurich, TU Dortmund)? All diese Mängelrügen gehen für den FAZ-Mann ins Leere, sind klarer Ausweis von Praxisferne.  Allenfalls die Kritik am Auftritt der immer gleichen Experten und Politiker lässt er gelten.

Einer, mit dem D’Inka sich besonders aggressiv anlegt, ist Stephan Russ-Mohl, Gründer des European Journalism Observatory in Lugano. Der hatte schon am 16. April im Blog „bruchstücke“ ein nützliches Dossier über relevante Diskussionsbeiträge aus der Kommunikationswissenschaft (neben den schon genannten auch von Pörksen, Haller, Kepplinger, Lilienthal, Prinzing u.a.) publiziert.

In seiner „Tagesspiegel“-Kolumne und bei „kress“ legte Russ-Mohl letzte Woche nach, indem er Fragen nach konkreten Defiziten in der bisherigen Medienberichterstattung stellt. Die Stichworte: Panikmache, Quellenvielfalt und Quellenprüfung, Transparenz, Grenzen internationaler Vergleiche sowie „Herdentrieb“. Mit seinem polemischen Rundumschlag gegen kritische Wissenschaftler, so kontert Russ-Mohl, bestätige D‘inka „Befürchtungen, dass es allerorten an Wissenschafts- und Medienredakteuren fehlt, die wissenschaftliches Wissen angemessen einordnen können“.  Touché!

Als „Glücksfall für die Union“ wertet Wolfgang Michal im „Freitag“ die Corona-Krise. Die aktuellen Rekord-Umfragewerte der CDU/CSU führt er auf drei Faktoren zurück: Krisen sind immer die Stunde der Exekutive, die Opposition versagt, viele Medien fungieren als Lautsprecher der Regierung. Zu Lob für die Regierung gebe es indes wenig Anlass. Michal verweist darauf, dass die amtlichen Pandemie-Pläne und länderübergreifende Pandemie-Übungen aus den Nuller Jahren nie ernst genommen worden seien. Bei der aktuellen Krisenbewältigung komme den SPD-Ministern Scholz, Heil und Maas allenfalls die Rolle der „Ausputzer“ zu: „Statt die einmalige Chance zu ergreifen, die Zuschüsse, Kredite, Bürgschaften und Staatsbeteiligungen an klare Umweltauflagen zu knüpfen und so die große Transformation im Sinne eines ‚Green New Deal‘ zu starten, verbraten sie die Hilfsgelder in Höhe von 1,2 Billionen Euro für strukturkonservative Erhaltungsmaßnahmen. Damit nach der Krise alles so weiterlaufen kann wie bisher.“

Auf der aktuellen Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen hat sich Deutschland um zwei Plätze auf Rang 11 verbessert. Dennoch besteht für die Journalistenorganisation „kein Grund zu Entwarnung“. Gerade in der aktuellen Krise mit massiven Grundrechtseinschränkungen erscheint Wachsamkeit geboten.

Ist die Corona-Krise ein Wendepunkt in Akzeptanz und Relevanz für die Rolle der Presse in Deutschland? Unter dieser Fragestellung lädt Reporter ohne Grenzen kurz vor dem „Tag der Pressefreiheit“ (3. Mai) am Dienstag, 28. April zur virtuellen Podiumsdiskussion per Zoom. Teilnehmer unter anderem: Investigativreporter Georg Mascolo, VDZ-Geschäftsführer Stephan Scherzer und Jörg Quoos, Chefredakteur Funke-Zentralredaktion.

Als Raussschmeißer der vergnügliche Viral-Hit aus dem Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten, die parodistische Cover-Version eines südafrikanischen Traditionals: Aus „The Lion Sleeps Tonight“ wird „The Liar Tweets Tonight“.

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